Dass ihn seine Bank zum Schweigen bringen wollte, machte ihn erst richtig hellhörig: «Da wurde mir klar, dass ich sicher kein Einzelfall bin, sondern dass ganz viele andere Kunden Geld von ihrer Bank zurückverlangen könnten, wenn sie von meinem Fall erfahren», sagt Urs Röthlin, der lange Kunde bei der Zürcher Kantonalbank (ZKB) war.

Tatsächlich sendete ihm die ZKB einen Vertrag, der von Bankseite unterschrieben war. Die Bank verpflichtet sich darin zu einer Zahlung von über 24'000 Franken und Röth­lin hätte sich mit seiner Signatur dazu verpflichtet, für immer über den Sachverhalt zu schweigen – das Schreiben liegt der «Handelszeitung» vor.

Röthlin hat nicht unterschrieben, und er kann jetzt offen reden. Seine Bank habe mehr an ihm verdient, als ihm bewusst gewesen sei: ­genau 21'645.85 Franken. Er findet das «schäbig» von der ZKB und ist sich sicher, dass die ZKB an vielen weiteren Kunden mehr verdient, als diesen bewusst ist.

Es geht um Vertriebsprovisionen. Das Thema sorgt seit Jahren für Zoff zwischen Banken und Kunden. Der Konflikt verschärft sich und der Röthlin-Fall offenbart interessante Einblicke in das Agieren der Banken. Dass es sich nicht um einen Einzelfall handelt, zeigt eine Umfrage der Handelszeitung (siehe unten).

Die Banken erhalten Provisionen für den Verkauf von Produkten. Wenn eine Bank ein Produkt von Fondsgesellschaft X an einen Kunden verkauft, bezahlt Fondsgesellschaft X eine Provision an die Bank. Teilweise sind das einmalige Beträge, oft auch jährlich wiederkehrende, solange der Kunde das Produkt behält.

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Die Provisionen betragen meist zwischen 0 und 3 Prozent des Kaufbetrags. Kauft also ein Kunde ein Finanzprodukt für 10'000 Franken, fällt eine Provision von 0 bis 300 Franken für die Bank an.

Fakten zum Thema

► 4,2 Milliarden Franken haben die Banken in der Schweiz im Jahr 2012 an Vertriebsprovisionen eingenommen.

► 21 645,85 Franken Diesen Betrag an Vertriebsprovisionen hat Anleger Urs Röthlin von der Zürcher Kantonalbank erstattet bekommen.

► 5 Jahre dauerte es von der ersten Anfrage an die ZKB nach Offenlegung der Vertriebsprovisionen bis zur Rückerstattung.  

► 3 Prozent Diesen Anteil am Kaufpreis betragen die Vertriebsprovisionen für Finanzprodukte, die Banken vereinnahmen.

So klein die einzelnen Beträge sind, so sehr läppert sich da insgesamt für die Banken ein grosses Geschäft zusammen: Gemäss einer oft zitierten Studie sollen die Banken in der Schweiz allein im Jahr 2012 Vertriebsprovisionen im Umfang von 4,2 Milliarden Franken vereinnahmt haben.

Interessant ist, dass solche Vertriebsprovisionen in den USA und Grossbritannien schon seit Jahren verboten sind. In der EU sind sie grundsätzlich ebenfalls verboten, aber es gibt Ausnahmen.

Bank will Kunde abwimmeln

Im Unterschied zu den Banken in der Schweiz müssen jene in Deutschland Kunden nachträglich über den genauen Betrag der Vertriebsprovisionen informieren, den sie erhalten haben.

Das Problem: Diese Vertriebsprovisionen können zu Interessenkonflikten in der Kundenberatung führen: Rät die Bank zum besten Produkt für den Kunden oder zu ­jenem, an dem die Bank am meisten verdient?

Das ist ein Grund, warum das Bundesgericht bereits in mehreren Fällen entschieden hat, dass Vertriebsprovisionen Kunden grundsätzlich erstattet werden müssen. Allerdings setzen die Banken dies kaum proaktiv um, ganz im Gegenteil.

Auch bei ETF gibts Provisionen

Indexfonds Erfahrene Anleger, die davon ausgehen, dank Investitionen in börsengehandelte Indexfonds, also sogenannte Exchange Traded Funds (ETF) oder auch Indexfonds, keine Vertriebsprovisionen zu zahlen, liegen nicht richtig, wie ein Merkblatt der Raiffeisen zeigt; dort werden die Provisionen auf solchen Fonds mit zwischen 
0 und 0,24 Prozent angegeben.

Im Jahr 2019 hat die Raiffeisen für Indexfonds im Schnitt 0,2 Prozent und für ETF 0,05 Prozent Vertriebsprovisionen erhalten (jährlich wiederkehrend).

► Anlagezielfonds Bei Aktien und Anlagezielfonds hat die Bank im Schnitt 0,73 beziehungsweise 0,74Prozent genommen (jährlich wiederkehrende Zahlung).

► Strukturierte Produkte Bei strukturierten Produkten nimmt die Raiffeisen zwischen 0 und 3 Prozent der Kaufsumme (einmalige Zahlung).

So war es auch bei Röthlin: Er verlangte im Februar 2014 von der ZKB, sie solle ihm den Umfang der Vertriebsprovisionen, die aus seiner Kundenbeziehung mit der Bank entstanden seien, offenlegen.

Die Bank wimmelte ihn immer wieder ab. Er schaltete einen Anwalt ein, liess die ZKB vom Friedensrichteramt vorladen. Es ist ein langer Weg, er dauert über fünf Jahre von der ersten Anfrage von Röthlin an die Bank, bis er im August 2019 von der ZKB das Angebot erhält, ihm Vertriebsprovi­sionen in der Höhe von 21'645.85 Franken zu erstatten, plus einen Betrag von 3000 Franken.

Gleichzeitig sollte sich Röth­lin zum Schweigen verpflichten, insbesondere gegenüber den Medien und der Öffentlichkeit. Unterschrieben ist das dreiseitige ­Papier von einem Mitglied der Direktion der ZKB und einer Mitarbeiterin.

Kein Geld erhalten?

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Wie erwähnt unterschrieb Röthlin den Vertrag nicht, erhielt darauf den zusätz­lichen Betrag von 3000 Franken nicht, aber die Vertriebsprovisionen. Die Bank schreibt, die Zahlung sei «unpräjudiziell» und damit ohne Anerkennung einer Rechtspflicht. Mit anderen Worten: Die ZKB sagt, sie zahle das Geld freiwillig.

Strafanzeige gegen die ZKB

Nichtsdestotrotz reicht Röthlins Anwalt am 17. Januar 2020 Strafanzeige bei der Staatsanwaltschaft des Kantons Zürichs ein – wegen ungetreuer Geschäftsbesorgung: Die ZKB habe zugegeben, Pro­visionen entgegengenommen zu haben.

«Sie hat diese ersetzt und versucht, eine Stillhalteerklärung Röthlins zu erhalten (…) Es ist anzunehmen, dass derselbe Sachverhalt (…) in zahlreichen anderen Fällen vorliegt.» Da­rum dränge sich eine Untersuchung des Geschäftsgebarens auf.

Die «Handelszeitung» fragte am 9. April bei der Staatsanwaltschaft nach, was unternommen worden sei, und bekommt zur Antwort, dass eine Strafanzeige eingegangen sei. Am 23. April meldet sich der Staatsanwalt David Zogg beim Anwalt von Röthlin.

Er schreibt, dass er eine generelle Prüfung des beobachteten Geschäftsgebarens der ZKB vornehmen werde. Röth­lin werde über das Ergebnis informiert. Das wird spannend. Die ZKB will sich zur Strafanzeige nicht äussern. Für die Bank gilt die Unschuldsvermutung.

Umfrage

So antworten Banken auf Fragen der «Handelszeitung» zum Thema Retrozessionen

Die «Handelszeitung» hat den grössten Banken einen Fragenkatalog zum Thema Vertriebsprovisionen geschickt. Die meisten haben mit vielen Allgemeinplätzen geantwortet, etwa dass sie die regulatorischen Anforderungen jederzeit erfüllt hätten und so weiter.

Die wenigsten Banken sind wirklich auf die einzelnen Fragen eingegangen. Eine löbliche Ausnahme ist die Berner Kantonalbank. Auszüge aus den Antworten in der Übersicht:

BEKB Die Berner Kantonalbank gibt zu, dass sie Kunden auch schon Vertriebsentschädigungen angeboten und in einem Vertrag dazu mit der Bedingung verknüpft hat, dass der Kunde über die Rückvergütung schweigen muss. Insbesondere gegenüber der Öffentlichkeit.

► ZKB Die Zürcher Kantonalbank will Einzelfälle nicht kommentieren. Individuelle Kundenanfragen zu vereinnahmten Vertriebsentschädigungen würden von der Bank beantwortet. Sie habe ihren Depotkunden bereits mit dem Jahresendversand 2008 ein Merkblatt über die von ihr vereinnahmten Vertriebsentschädigungen zugestellt. In ihren allgemeinen Depotbedingungen aus dem Jahr 2011 habe die ZKB klare vertragliche Regelungen getroffen.

Diese Regelungen reichten von Verzichtserklärungen bis hin zu Vergütungen. Die ZKB nimmt sich in ihren allgemeinen Depotbestimmungen aus dem Jahr 2013 gar heraus, dass der Kunde, der von der Bank beraten wird, Interessenkonflikte seines Beraters akzeptiert: «Der Depotinhaber versteht und nimmt billigend in Kauf, dass diese Entschädigungen zu einem Interessenkonflikt bei der Produktauswahl (z.B. Anlagefonds oder strukturierte Produkte im Vergleich zu Direktanlagen ohne Entschädigung an die Bank) führen können, oder – bei unterschiedlich hohen Entschädigungsansätzen – zu einer Bevorzugung bestimmter Arten von Anlageprodukten (z.B. Anlagefonds bestimmter Anbieter) im Rahmen der Produktauswahl durch die Bank.»

► Raiffeisen Die Raiffeisen weist auf ein vierseitiges Informationspapier hin. Dort steht etwa: «(…) organisatorische Massnahmen getroffen, um solche Interessenkonflikte frühzeitig zu identifizieren und sie so weit wie möglich zu vermeiden.»

► LUKB Die Luzerner Kantonalbank schreibt bezüglich Vertriebsprovisionen: «In der Vergangenheit gab es ganz vereinzelt Situationen, bei denen Kunden und LUKB nicht gleicher Auffassung waren, wie diese Rahmenbedingungen konkret umzusetzen sind beziehungsweise welche Auswirkungen sie auf die Geschäftsbeziehung haben.»

► BKB Die Basler Kantonalbank schreibt:
«Im Sinne einer Grössenordnung können wir Ihnen mitteilen, dass die BKB seit 2015 rund 17 Millionen Franken an vereinnahmten Fondsvertriebskommissionen zurückerstattet hat.»

► Bank Vontobel Nur auf besonderen Kundenwunsch und mit entsprechender Anlageinstruktion werden hier Anteilsklassen von Anlagefonds mit Vertriebsentschädigungen eingesetzt, wobei die Kunden in diesen Fällen auf eine Erstattung verzichten.

► UBS Auf konkrete Anfragen von Kunden erteile die UBS detailliert Auskunft und erörtere bei Bedarf das Thema vor dem Hintergrund der Gesamtbeziehung mit den betreffenden Kunden.

► CS Die Credit Suisse prüft und behandelt Kundenanfragen individuell und im Einklang mit den rechtlichen und regulatorischen Vorgaben. Gemäss den rechtlichen und regulatorischen Vorgaben stehen Entschädigungen den Kunden nicht bedingungslos zu.

► Migros Bank hat teilweise Kunden aktiv entschädigt (Vermögensverwaltungskunden). Zu allfälligen Rückfragen von Kunden zu Vertriebsentschädigungen könne man sich nicht äussern.

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