Novartis-Mitarbeiter, die sich seit dem 11. Mai wieder in die Büros und Labors des Biotechnologie- und Pharmaunternehmens trauen, sehen sich mit einer wahren Flut an Corona-Schutzmassnahmen konfrontiert: Vor Sitzungszimmern, Labors und Liften hängen Poster mit der Obergrenze an Personen.

Teamleiter haben sicherzustellen, dass sich nicht mehr als die Hälfte der Mitarbeitenden gleichzeitig in den Büro- und Laborgebäuden aufhalten. Wo es möglich ist, funktionieren Treppenhäuser wie Einbahnstrassen: Markierungen auf dem Fussboden und Plakate zeigen an, welche Treppe nach oben führt und welche nach unten.

Arbeit im Büro soll wieder möglich sein – aber eben mit Einschränkungen. Novartis weist seine Angestellten zwar weiterhin an, von zu Hause aus zu arbeiten, hat ihnen nach den jüngsten Lockerungen des Bundesamts für Gesundheit (BAG) jedoch erlaubt, nach Rücksprache mit ihrem Chef zurück ins Büro zu kommen.

«Die Entscheidung, ob man an den Büroarbeitsplatz zurückkehrt, liegt beim Mitarbeitenden», erklärt Jorinde Behrens, Head of Real Estate and Facility Services der Schweizer Novartis-Standorte.

Arbeitsplätze entzerren

Tatsächlich sehen viele Arbeitnehmende das Homeoffice nicht als ­Dauerlösung. In einer aktuellen Studie der Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW) und der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) gaben zwar 70 Prozent der befragten Arbeitnehmer an, dass sie sich im heimischen Büro wohlfühlen.

Doch viele vermissen den persönlichen Austausch mit ihren Kollegen. «Büros spielen immer noch eine grosse Rolle für das Gemeinschaftsgefühl unter den Mitarbeitenden. Sie helfen dabei, die Unternehmenskultur weiterzutragen», sagt Adrian Bieri, Geschäftsführer des Architekturbüros Raum und Design mit Standorten in Wolhusen LU, Zürich und Luzern. «Das Thema Corona wird uns noch eine Weile begleiten, daher sollten sich Firmen eine mittel- und langfristige Strategie überlegen.»

Wie Firmen Mitarbeitende schützen können

Bannkreise Farblich abgesetzte Bannkreise umschliessen jeden Arbeitsplatz. Sie zeigen, wie viel Abstand Kollegen halten, die vorbeikommen.

Spuckschirm Auf den Tischen montierte Plexiglasscheiben verhindern, dass Speicheltröpfchen den Nachbarn erreichen.

Sticker Arbeitsplätze, die nicht benutzt werden dürfen, werden mit Stickern markiert. Werden Möbel einfach weggeräumt, vergessen Mitarbeitende den Ernst der Lage.

Bodenmarkierung Leitsysteme vom Sitzungszimmer zu den Büroflächen verhindern, dass sich grössere Gruppen in Gängen bilden.

Trenngurtsysteme Ähnlich wie an Flughäfen können Trenngurte dafür sorgen, dass die Bodenmarkierungen nicht übersehen werden.

Türklinkenaufsatz Neuartige Türdrücker lassen sich auf Klinken aufsetzen und sorgen dafür, dass Türen leichter mit dem Ellbogen geöffnet werden können.

Damit sich die Mitarbeitenden im Büro nicht gegenseitig gefährden, sind Social Distancing und Hygienemassnahmen ein Muss. «In erster Linie muss man Arbeitsplätze entzerren», erklärt Bieri. Das BAG fordert, dass Per­sonen mindestens zwei Meter Abstand voneinander halten. Büroausstatter bieten inzwischen eine Reihe von Raumelementen und Ideen an, die das Büro coronasicher gestalten sollen.

Spuckschirme und Türdrücker

Zum Beispiel der Rundum-Bürodienstleister Witzig The Office Company. Thomas Breitschmid ist Leiter des Unternehmensbereichs Workspace Design und rät Unternehmen vor allem zu flexiblen Lösungen, die sich leicht auf- und abbauen lassen. Von überstürzten Grossmassnahmen rät er dringend ab: «Alles was ins Bauliche geht, ist der falsche Ansatz», erklärt er. Schutzwände aufmauern zu lassen oder aus Grossraumbüros wieder Zellen zu machen, koste zu viel Geld.

Bei Breitschmids Kunden sind Plexiglasscheiben besonders beliebt. Solche Schutzvorrichtungen sind in der Regel auf den Tischen montiert und sollen verhindern, dass infektiöse Speicheltröpfchen von einem Mitarbeiter zum anderen gelangen. Die Spuckschirme trennen entweder zwei gegenüberliegende Arbeitsplätze oder zwei nebeneinandersitzende Büronachbarn.

Transparente Trennwände haben den Vorteil, dass Mitarbeiter ihre Kollegen trotz Schutz sehen können. Für viele Firmen sind auch Türgriffe ein Problem – nur wenige Unternehmen verfügen über automatisch öffnende Türen im ganzen Gebäude. Auch dafür halten Hersteller bereits eine Lösung parat: Sogenannte Türdrücker lassen sich auf Türgriffe montieren. Sie geben dem Griff eine Form, die es Mitarbeitenden erleichtert, die Tür mit dem Ellbogen zu öffnen – ohne die Klinke zu berühren.

Zuschuss für das Home Hoffice?

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Solche Türklinkenaufsetzer möchte auch Pirjo Kiefer vom Designmöbelhersteller Vitra in seinen Schweizer Büros installieren. Die Vitra-Angestellten sollen Schritt für Schritt in ihre Büros zurückkehren dürfen. Kiefer ist als Head of Interior Design Services sozusagen die Innenarchitektin von Vitra und plant ein coronasicheres Konzept. Ähnlich wie bei Novartis darf auch bei Vitra nur ein Teil der Belegschaft zurückkehren, damit sich der Mindest­abstand wahren lässt. Seit dem 11. Mai dürfen 25 Prozent aller Mitarbeitenden gleichzeitig wiederkommen.

Keine neuen Zellen einbauen

Vor der Corona-Krise sassen die Angestellten in sogenannten Open-Space-Büros, einer Bürolandschaft mit unterschiedlichen Zonen für Arbeit und Rückzugsoptionen. An diesem Konzept möchte Kiefer unbedingt festhalten – der Einbau von neuen Bürozellen kommt für sie nicht infrage: «Zellen haben für die Mitarbeiter keinen Mehrwert. Dann können sie auch gleich im Homeoffice bleiben.» Die Mitarbeiter sollen im Büro zwar geschützt vor Viren sein, sich aber nicht isoliert fühlen.

Doch ganz kann Vitra nicht bei seinem alten Bürokonzept bleiben: Anders als zuvor können die Mitarbeiter ihren Platz im Büro nun nicht täglich wechseln. Inzwischen hat jeder einen eigenen Stuhl und sitzt immer am selben Platz – zwei Meter vom nächsten Kollegen entfernt. Damit die Drehstühle leichter zu desinfizieren sind, überlegt Kiefer, die Stoffrückenlehnen gegen Kunststoffrücken austauschen. ­Innerhalb des Büros sollen Markierungen auf dem Boden Einbahnstrassen markieren. «Open-Space-Büros haben den Vorteil, dass man viel Raum zum Ausweichen hat, es gibt keine engen Korridore», erklärt Kiefer.

Pirjo Kiefer von Vitra hat sich dagegen entschieden, Möbel aus den Schweizer Büros abtransportieren zu lassen. Stattdessen hat sie mit ihren Kollegen Sticker entworfen, die sie in Meetingräumen und Cafeterias auf Stühle klebt, die Angestellte nicht nutzen sollen. Sind die Möbel einfach nur weg, könnten die Mitarbeiter den Ernst der Lage vergessen, fürchtet sie. «Markierungen erinnern uns daran, vorsichtig zu bleiben – auch wenn wir ­wieder ins Büro gehen dürfen.»

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