Rainer Zitelmann, Sie wurden auf Vortragsreisen als dicker Bizeps des Kapitalismus angekündigt. Sie tragen T-Shirts mit der Aufschrift «I love capitalism». Würden Sie ihn auch lieben, wenn Sie nicht reich wären?
Der Kapitalismus ist für schwache und arme Menschen viel wichtiger als für die Reichen.

Das sehen viele Arme anders.
Die Starken setzen sich doch in jedem System durch, auch im Sozialismus.

Die Reichen im Kapitalismus sind nicht unbedingt die Starken, die sich durchgesetzt haben. Das sind oft Erben, es können auch schwache Erben sein.
Schwache Erben verlieren das Geld wieder, wie bei Thomas Mann in den «Buddenbrooks». Aber der Anteil der Selfmade-Reichen ist heute höher als vor 35 Jahren. Das wissen wir auf jeden Fall für die USA, wo «Forbes» das untersucht hat: 1984 waren weniger als die Hälfte der reichsten Amerikaner selfmade, heute sind es 67 Prozent!

Der Kapitalismus schafft also einige wenige Selfmade-Reiche. Aber was tut er für Arme?
In den vergangenen drei Jahrzehnten sind weltweit mehr als eine Milliarde Menschen dank kapitalistischer Globalisierung der bitteren Armut entkommen. Nehmen Sie China: Noch im Jahr 1981 lebten 88 Prozent der Chinesen in extremer Armut, heute sind es weniger als 1 Prozent.

Dafür hat sich die Schere zwischen Arm und Reich weit geöffnet.
Ich war in China und hatte nicht den Eindruck, dass jemand zurück zur Mao-Zeit wollte, weil es dort gleicher war.

Trotzdem: Die Schere zwischen Arm und Reich geht auch in Europa und den USA auf. Das beschreibt der Ökonom Thomas Piketty ausführlich in seinem Buch.
Piketty schreibt, im längsten Verlauf des 20. Jahrhunderts habe die Ungleichheit abgenommen und seit dreissig Jahren nehme sie wieder zu. Aber genau in dieser Phase ist die Armut so stark gesunken wie nie zuvor in der Geschichte. Das finde ich viel wichtiger. Ich finde, dass die Reichen heute oft zu Unrecht angegriffen werden.

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Das haben Sie im Buch «Die Gesellschaft und ihre Reichen» beschrieben.
Oft richtet die Politik einen Scherbenhaufen an und weist die Schuld einer Minderheit zu.

Eine solche Minderheit sind die Reichen, so schreiben Sie in dem Buch.
Die Reichen dienen als Sündenböcke, wie das oft in der Geschichte der Fall war. In Berlin etwa wird die Verstaatlichung von Wohnhäusern oder ein Mietenstopp gefordert.

Sie sind dagegen.
Einen Mietenstopp hat als erster in Deutschland Adolf Hitler im Jahr 1936 eingeführt. In der DDR gab es das auch, mit dem Resultat, dass im Jahr der Wiedervereinigung im Jahr 1989 rund 40 Prozent der Mehrfamilienhäuser als schwer beschädigt galten. Jedes zehnte Mehrfamilienhaus war gänzlich unbewohnbar und ein Viertel der Wohnungen hatte keine eigene Toilette. 65 Prozent hatten nur Kohleöfen.

Sie selber sind Vermieter.
Ich habe Wohnungen in Berlin verkauft, bin dabei, weitere zu verkaufen, und ich investierte nicht mehr in Berlin. Die Politik hat die Investoren vertrieben, nicht nur mich, auch viele andere. Dabei wäre es gerade jetzt wichtig, Investitionen zu fördern, damit mehr gebaut wird.

Rainer Zitelmann

Rainer Zitelmann (62) ist stolz auf seinen Körper und auf seine immer jungen Freundinnen. Bei denen hätte er als Busfahrer wohl wenig Chancen, sagt er.

Quelle: Thomas Schweigert

Was machen Sie denn jetzt mit Ihrem Geld?
Manches habe ich in den USA investiert, anderes in kurz laufenden Anleihen geparkt. Vielleicht kaufe ich Reihenhäuser im Umland von Berlin. Im Moment ist fast alles überbewertet aufgrund der absurden Politik der Zentralbanken. Früher oder später wird die Finanzkrise wieder aufflammen und dann ergeben sich vielleicht neue Investitionschancen.

Sie warten also, bis es kracht, bis Sie investieren. Wie sind Sie eigentlich reich geworden?
Ich habe mir das als Ziel gesetzt, 1996. Damals hatte ich nichts.

Wirklich null?
Ja, damals hatte ich minus 30'000 Deutsche Mark auf dem Girokonto und 20'000 Mark auf dem Sparkonto. Das ganze bei einem Jahresgehalt von 180'000 Mark.

«Ich rate jedem, 10 Prozent seines Gehalts zu sparen.»

Rainer Zitelmann

Ziemlich aufwendiger Lebensstil.
Vom Gehalt ging fast die Hälfte weg für Steuern. Dann hatte ich eine relativ teure Wohnung für 2500 Mark und ging gerne öfter schön in Urlaub.

So war das Geld schnell weg.
Ja, die Ansprüche steigen mit dem Lohn. Heute rate ich jedem, 10 Prozent des Gehalts zu sparen und zusätzlich von jeder Gehaltserhöhung die Hälfte auf die Seite zu legen.

Sie haben damals also trotz gutem Gehalt nichts gespart. Und dann?
Dann habe ich mir gesagt, dass ich Millionär werden will.

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So einfach ist das?
Nein, aber die Entscheidung, dass ich das möchte, war das Wichtigste.

Warum?
Als Sohn eines evangelischen Pfarrers war mir Geld suspekt. Mein Vater hatte immer gesagt: «Geld ist wie Klopapier.» Man braucht es, aber es ist eher unappetitlich. Ich begann erst später, das anders zu sehen.

Viele wollen Millionär werden.
Wie viele Menschen treffen eine solche Entscheidung ernsthaft? Ich spreche von einer Entscheidung, nicht von einem vagen Wunsch nach dem Motto: «Wäre schön, wenn ich ...»

Auch der feste Entschluss reicht nicht.
Es ist ein Anfang. Das habe ich auch bei der Arbeit an meiner Dissertation gesehen, der «Psychologie der Superreichen». Am Anfang steht bei vielen der Entschluss.

Wie ging es weiter?
Im Jahr 1999 habe ich ein Finanzseminar besucht. Eine Aufgabe war es, aufzuschreiben, wie viel Vermögen wir gerne hätten. Wir sollten eher zu viel als zu wenig notieren, denn mehr würde es sicher nicht.

Welchen Betrag haben Sie aufgeschrieben?
10 Millionen D-Mark. Es hat dann einige Jahre gedauert, bis ich das erreicht hatte. Ich habe mir viele Gedanken dazu gemacht, wie man reich wird, habe auch nach wissenschaftlicher Literatur dazu gesucht.

Und?
Die Wissenschaft beschäftigt sich kaum damit, wie man reich wird. Es ist einfacher, eine Dissertation über den Herzschlag eines Schweins beim Hundertmeterlauf zu finden, als eine darüber, wie man reich wird.
 

Der dicke Bizeps des Kapitalismus

Rainer Zitelmann (62) studierte Geschichte und Politikwissenschaften an der Tech­nischen Hochschule Darmstadt und schrieb dort seine erste Dissertation über Hitler. Sie erschien 1986 als Buch. Im Jahr 2016 doktorierte er zum zweiten Mal mit einer Arbeit über die Persönlichkeit und die Verhaltensmuster der Vermögenselite in Deutschland. Er war Journalist, Inhaber einer Public­Relations­Agentur und ist heute Immobilieninvestor. Er hat über ein Dutzend Bücher geschrieben. Erst kürzlich ist sein Buch «Die Kunst des erfolgreichen Lebens» erschienen.

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Was haben Sie selber darüber herausgefun­den, wie man reich wird?
Es gibt nicht einen Weg, es gibt mehrere. Ich selbst mache jeden Tag autogenes Training und programmiere meine Ziele in das Unterbewusstein ein.

Machten das die Reichen, mit denen Sie sich in Ihrer Dissertation beschäftigten, auch so?
Es gab zwei Gruppen. Die einen haben den Reichtum visualisiert – einer hatte über der Tür als Ziel «1'000'000'000» eingraviert. Andere hatten eine unternehmerische Idee, und das Geld kam als Nebenprodukt. Ein Beispiel für letztere ist Theo Müller, mit seiner Firmengruppe, die Müllermilch herstellt. Er war Käsemeister, hat mit vier Mitarbeitern angefangen und beschäftigt heute mehrere Zehntausend Leute.

Sie sagen, dass man vor allem als Selbst­ständiger über die unternehmerische Tätigkeit reich wird.
Das ist aus einer Umfrage, in der 472 Millionäre befragt wurden, die im Schnitt 2 Millionen Vermögen hatten. Wenn der Reichtum nicht geerbt wurde, stammt er aus unternehmerischer Tätigkeit.

Sie haben es auch als Unternehmer zu Reichtum gebracht.
Ja, meine Firma, die auf Public Relations für Immobilienunternehmen fokussiert war, habe ich vor drei Jahren verkauft. Das Geld, das die Firma verdiente, habe ich in Immobilien investiert.

Ihnen ist Erfolg wichtig und Sie sind auch stolz auf Ihre junge, hübsche Freundin.
Ja, ich habe immer schöne Freundinnen gehabt. Ich bin da auch realistisch: In meinem Alter von 62 Jahren hätte ich wohl wenig Chancen, wenn ich Busfahrer wäre.

Wer weiss?
Das heisst nicht, dass es allen schönen Frauen ausschliesslich ums Geld geht. Aber dass sie eher unter erfolgreichen Männern ihren Partner wählen, das war schon vor 2000 Jahren so und ist überall auf der Welt so. Aber Geld ist nicht alles. Ich habe viel Humor, zwei Doktortitel und eine Figur, die wohl besser ist als jene von 99,99 Prozent meiner Altersgenossen.

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Es sei nicht nur das Geld, sondern der Erfolg an sich, der die Frauen anziehe. Zudem habe er Humor, zwei Doktortitel und eine gute Figur.

Quelle: Thomas Schweigert

Wie jung sind denn Ihre Freundinnen?
Deren Alter ist in den vergangenen dreissig Jahren immer etwa gleich geblieben, so Anfang bis Ende zwanzig.

Das ist jung. Familie und Kinder waren nie ein Thema für Sie?
Es kann gut sein, dass das noch kommt. Eigentlich hatte ich vor, mit sechzig Jahren eine Familie zu gründen.

Was ging schief?
Die Freundinnen waren oft zu jung, wollten erst noch das Studium beenden und Karriere machen.

Und jetzt?
Für die Familiengründung ist die etwas ältere Freundin, so um die dreissig eher das Richtige.

Haben sich Ihre Ziele nur in Bezug auf das Alter Ihrer Freundin geändert oder auch sonst im Leben?
Geld verdienen steht nicht mehr im Vordergrund. Ich habe mir neue Ziele gesetzt, vor allem, mir weltweit als Autor einen Namen zu machen. Meine Bücher sind in vielen Sprachen erfolgreich, ich habe in den vergangenen zwölf Monaten Vorträge in Peking, Schanghai, Shenzhen, Washington, Seoul, London, Zürich und vielen deutschen Städten gehalten. Es geht mir darum, mein Potenzial zu entfalten. Das wünsche ich auch allen, die meine Bücher lesen und meine Vorträge hören.

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