Frauen an der Spitze Montage

Top-Frauen 2020: Mehr Firmen setzen auf viele Frauen im VR

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Von Karen Merkel
am 20.08.2020
Quelle: Handelszeitung

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Gemeinsame Spitze: Die Zahl der Firmen wächst, die mehr als ein Mandat im Verwaltungsrat an Frauen vergeben. Wo sich der Wandel zeigt, in Grafiken.

Es war ein langer Weg, bis der Verwaltungsrat (VR) der SV Group in der Mehrheit weiblich besetzt war, erklärt Vizepräsidentin Karin Lenzlinger (siehe Interview). Damit schneidet der grösste Schweizer Kantinenbetreiber im Vergleich zu anderen Firmen des Landes überdurchschnittlich ab, wenn es um den Frauenanteil in Führungsgremien geht.

Die nicht kotierte SV Group muss dabei noch nicht einmal die «weichen Frauenquoten» erfüllen, die National- und Ständerat 2019 beschlossen haben: 30 Prozent Frauen im VR, 20 Prozent Frauen in der Geschäftsleitung bei börsenkotierten Firmen ab einer bestimmten Grösse. Dafür haben sie fünf respektive zehn Jahre Zeit, sonst müssen sie sich rechtfertigen.

Lesen Sie das Interview mit Karin Lenzlinger, Vizepräsidentin der SV Group, hier.

Inzwischen wächst die Zahl der Schweizer Unternehmen mit einer grösseren Zahl an Frauen im VR, wie eine Auswertung von Executive-Search-Experte Guido Schilling für die «Handelszeitung» zeigt. Auch wenn der Prozess im internationalen Vergleich ein langsamer ist.

Frauenanteil steigt in Verwaltungsräten

Schilling sagt: «Mittlerweile hat auch die letzte Firma verstanden, dass Gender Diversity ein zentrales Thema ist. Diejenigen, die jetzt noch verschlafen, das Potenzial der Frauen zu erschliessen, wird der Markt bestrafen.» Langfristig würden diejenigen Unternehmen erfolgreich sein, bei denen auf den Top-Ebenen Entscheide aus unterschiedlichen Perspektiven abgewogen und getroffen würden, weil diese Sichtweisen in den zentralen Gremien vertreten wären.

Der Frauenanteil in den Verwaltungsräten erreicht dieses Jahr 23 Prozent – das ist eine Steigerung von 7 Prozentpunkten innerhalb von fünf Jahren. 340 von 1460 Mandaten sind damit von Frauen besetzt. Die Zahlen beziehen sich auf 180 Unternehmen in unserer Auswertung: auf die 150 grössten börsenkotierten und die 30 wichtigsten nicht kotierten Firmen.

Interessant ist die Qualität der Veränderung: Noch 2016 war die Zahl der Firmen ohne Verwaltungsrätinnen deutlich grösser als die der Firmen mit 30 Prozent oder mehr Frauen im VR. Das Verhältnis hat sich umgekehrt: Während vor fünf Jahren noch 47 Firmen im VR allein auf Männer zählten, sind es jetzt 26.

Dafür sitzen 2020 bei 46 Unternehmen mindestens 30 Prozent Frauen im VR. Studien belegen: Mehrere Frauen werden innerhalb einer Gruppe besser wahrgenommen. Haben sie einen Anteil von 30 Prozent, verliert die Beteiligung innerhalb einer Gruppe den Charakter einer Minderheit. Diese Schwelle gilt darum als zentral bei einer diversen Gestaltung von Führungsgremien.

30 Prozent schaffen nicht alle Firmen, doch auch die Zahl derjenigen steigt, die mehr als eine Frau in den Verwaltungsrat gerufen haben. In 102 von den 153 Firmen mit Frauen im Verwaltungsrat sitzt 2020 mehr als eine Frau im Gremium.

Die Zahl der Firmen mit mehreren Frauen im VR wächst ausserdem stärker als die Zahl der Frauen mit Mehrfachmandaten. Mehrfachmandate stehen oft in der Kritik, weil sie die Posten auf wenige Vertreterinnen konzentrieren.

«Männer müssen dazulernen»

Der Wandel im Verwaltungsrat spiegelt sich allerdings längst nicht immer im Topmanagement. Unternehmen wie Coop, mit einem der höchsten Frauenanteile im VR, besetzen in der Konzernführung bisher nicht eine Position mit einer Frau.

«Gender Diversity im Verwaltungsrat wirkt wenig auf das Entwickeln von starken Führungsfrauen. Das zeigen auch Untersuchungen, zum Beispiel aus Norwegen. Das Thema ist letztlich beim CEO angesiedelt; dieser muss dort die Weichen für Veränderung stellen», sagt Guido Schilling.

Wer sein Unternehmen nicht mehr allein von Männern geführt wissen wolle, müsse zumindest eine Zeit lang mehr auf Potenzial statt auf Erfahrung setzen. «Da es meistens Männer sind, die Top-Posten besetzen, müssen sie hier dazulernen.»