Henry (Hank) Paulson, ehemaliger Chef der US-Investmentbank Goldman Sachs und später US-Finanzminister, war es, der vor einigen Jahren einem bis dahin wenig beachteten Phänomen Öffentlichkeit verschaffte: Als Unternehmensangestellter, als einfacher Lohndiener also, kann man reich werden. Sehr reich.

Als Paulson 2006 ins Regierungsamt wechselte, musste er bekannt geben, wie viel er bei Goldman Sachs verdient hatte, wo er sieben Jahre als CEO gedient hatte. Es waren 480 Millionen Dollar. «Eine halbe Milliarde Dollar, für einen Menschen, verdient in ein paar Jahren: Welche Arbeit kann so viel wert sein?», fragte das Nachrichtenmagazin «Der Spiegel».

Inzwischen ist das Phänomen längst etabliert. Das zeigt sich auch im Ranking der 300 Reichsten: Nach und nach rücken immer mehr Manager in die Liste. 2004 wurde erstmals eine eigenständige Kategorie dafür geschaffen. Damals waren es sieben Vertreter, mit einem Gesamtvermögen von 1,25 Milliarden Franken, pro Kopf also 179 Millionen. Heute sind es 16 Manager mit einem Totalvermögen von 4,9 Milliarden Franken – pro Kopf 306 Millionen.

Dieses Jahr kam es zu einem eigentlichen Schub, indem gleich drei bekannte Firmendiener die Vermögensgrenze von 100 Millionen Franken knackten, die für den Eingang in die Aufzählung massgebend ist. Es sind dies Sergio Ermotti, CEO der UBS, Walter Kielholz, Präsident der Swiss Re, und Paul Bulcke, Präsident von Nestlé (alle in der Kategorie 100 bis 150 Millionen).

Andere kratzen noch an der 100-Millionen-Grenze, Roche-Chef Severin Schwan etwa, dessen Vermögen auf 70 bis 80 Millionen Franken berechnet wurde. Angesichts der in den letzten Jahren üblichen Salärzahlungen an den Pharmamanager – für 2018 waren es 11,8 Millionen Franken – ist es wohl nur noch eine Frage der Zeit, bis auch er die Liste schmücken wird. Nestlé-CEO Ulf Schneider oder Roche-Präsident Christoph Franz sind ebenfalls auf der Watchlist.

Anzeige

Die 300 Reichsten - die vollständigen Listen

Die 300 Reichsten der Schweiz schreiben 2019 neue Rekorde. Lesen Sie hier alles zu den Wohlhabendsten der Schweiz.

Zu den Listen
Die 300 Reichsten - die vollständigen Listen

Historischer Wandel

Die Neuzugänge gesellen sich zu anderen Granden der Wirtschaft, die in den letzten Jahren Eingang gefunden haben, wie Oswald Grübel, Ex-Chef von UBS und CS, oder Lindt & Sprüngli-Präsident Ernst Tanner. Sie alle markieren einen historischen Wandel. Hintergrund ist ein Paradigmenwechsel. Die Volkswirtschaftslehre kennt drei Produktionsfaktoren: Arbeit, Boden und Kapital. Reich werden durch Arbeit, im Dienste anderer – das gab es jahrhundertelang im Grunde nicht.

Historisch betrachtet fand der Vermögensaufbau in der Schweiz seit der industriellen Revolution vornehmlich durch eine Schicht von Kapitaleignern statt, die in den Aufbau von Unternehmen investierten, so Wirtschaftshistoriker Tobias Straumann. Prägend für die Schweiz wurde eine Reihe von Gründerfamilien, Unternehmerclans wie die Schmidheinys oder die Bührles.

Anzeige

Noch bis Ende des 20. Jahrhunderts bildeten diese zum Teil eng miteinander verbundenen Unternehmerdynastien die Wirtschaftselite des Landes, wie im Buch «Schweizer Wirtschaftseliten 1910–2010» nachzulesen ist. Die neue Elite der reichen Manager unterscheide sich vom Background und von der Herkunft her stark von den bisher prägenden Eliten, so der Lausanner Professor André Mach, einer der Mitautoren des Buchs. Viele stammen aus einfachen Verhältnissen.

Der Vater von Ex-Roche- und Zurich-Präsident Fritz Gerber etwa war angestellter Schreiner in Huttwil, Oswald Grübel wuchs bei den Grosseltern in der DDR auf, Ex-UBS-Chef Marcel Ospel stammt aus dem Arbeiterviertel Kleinbasel. Sie mussten zum Teil ganz unten anfangen wie auch Ex-Nestlé-Präsident Peter Brabeck, der seine Karriere beim Nahrungsmittelgiganten als einfacher Glaceverkäufer begann und es in 30 Jahren nach ganz oben schaffte. «Derlei gebührt durchaus Respekt – diese Leute haben es aus eigener Kraft geschafft, sie haben nicht einfach nur geerbt», so Buchautor Mach.

«Viele Unternehmerfamilien sind massiv abgestiegen.»

Tobias Straumann, Wirtschaftshistoriker

Parallel zum Aufstieg der neuen Elite seien viele Familien massiv abgestiegen, so Wirtschaftshistoriker Straumann, etwa in der Textilindustrie. Auch im Banking sei dies zu beobachten, wo – notabene parallel zu den massiv steigenden Cheflöhnen – althergebrachte Bankiersfamilien in den Hintergrund getreten sind, etwa die Familie Bär, Gründer der gleichnamigen Bank. Schritt für Schritt hat die Familie die Mehrheit abgegeben, 2012 trat der letzte Familienvertreter, Raymond Bär, aus der Bankführung zurück.

Anzeige

Steter Vermögensaufbau

Kennzeichen für den Aufbau des Reichtums von angestellten Managern ist ein eher langsamer, dafür steter Vermögensaufbau – dies im Gegensatz zu Firmengründern, die schon mal in kurzer Zeit zum Milliardär werden können, wenn die Idee und der Markt stimmen, wie Beispiele aus der Start-up-Szene zeigen.

Bei den Managern lautet das Motto eher: Steter Tropfen macht den Kessel auch ganz schön voll. Ein Beispiel dafür ist Walter Kielholz, der seit nunmehr fast 30 Jahren in Diensten von Grossunternehmen wirkt. Rund 90 Millionen an Salär kumulierte er allein bei der Swiss Re, wo er Geschäftsleitungsmitglied war, dann CEO wurde und später als Vizepräsident in den Verwaltungsrat wechselte, den er seit 2009 präsidiert.

Als Präsident kassierte er im Schnitt zwischen vier und fünf Millionen im Jahr, zusammengezählt sind allein dies bis heute 47 Millionen. Dazu kommen die rund 70 Millionen Franken an Salär, die er als Präsident der Grossbank Credit Suisse bezog, wo er von 2003 bis 2009 auf dem Präsidentensessel sass – parallel zu seinen Funktionen bei der Swiss Re notabene.

Auf die Kritik an den hohen Salären reagierten die Firmen in den letzten Jahren unter anderem mit neuen Vergütungsmodellen. Wichtigstes Element war die Verpflichtung, die meist als Teil des Salärs bezahlten Aktien und Optionen mit einer Haltefrist zu belegen, um der kurzfristigen Gewinnmaximierung zu entgehen. Doch paradoxerweise spielte genau dies den Managern zusätzlich in die Karten: «Die letzten zehn Jahre waren durch eine Boomphase an den Börsen gekennzeichnet», so Vincent Kaufmann, Direktor der Anlagestiftung Ethos, «viele Manager durften die ihnen zugesprochenen Aktien nicht einlösen – im Nachhinein für viele ein Glück, denn sie waren so beim Aufstieg voll dabei.»

Anzeige

Lukrative Boni

Die Ambitionen der Manager waren auch in der Schweiz spätestens seit den Zeiten von Hank Paulson wenig bescheiden, vor allem in der Finanzbranche. Das Vermögen von John Mack, dem Amerikaner, der von 2002 bis 2004 zusammen mit Oswald Grübel die CS als Co-CEO führte, wurde auf rund 800 Millionen Dollar geschätzt. Dort wolle auch er hin, soll Grübel im kleinen Kreis verlauten lassen haben, wie Freunde zu berichten wissen.

Er hat es nicht ganz dahin geschafft – er liegt in der Liste bei 150 bis 200 Millionen Franken –, teilweise aus eigener Schuld: Als er 2009 dem Wunsch der UBS folgte, als CEO bei der kriselnden Bank einzuspringen, musste er sein Paket an aufgeschobenen Aktien und Optionen der CS, vor allem jenen aus dem hochlukrativen PIP-Programm, gegen UBS-Papiere tauschen. Kein gutes Geschäft, dümpeln die UBS-Papiere doch bis heute vor sich hin.

Anzeige

Aus dem PIP-Programm aber hätte Grübel fast 90 Millionen Franken bekommen. Noch immer steht die Finanzbranche für besonderen Reibach. Bestverdienender Repräsentant war 2018 US-Hedge-Fund-Manager James Simons von Renaissance Technologies, der 1,6 Milliarden Dollar verdiente.

Der Ausgangspunkt für den Veränderungsprozess beim Aufbau von Reichtum in der Schweiz, von dem die Manager gegenwärtig profitieren, geht zurück bis in die 1970er Jahre. Die Schweiz war damals von einer veralteten Wirtschaftsstruktur geprägt.

Wegen der hierzulande braven Gewerkschaften war das Wachstum der Nominallöhne bescheiden geblieben. Dadurch konnten sich Industriezweige halten, die längst nicht mehr wettbewerbsfähig waren. Nach dem Ölschock erhöhte sich der Veränderungsdruck radikal. Die Schweizer Wirtschaft musste sich im Eiltempo einer neuen Entwicklung anpassen: dem Wandel von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft.

Im Zentrum dieser Entwicklung: die Banken als einer der Hauptvertreter des tertiären Sektors. Die Arbeitswelt musste flexibilisiert werden. Voraussetzung für den Aufholprozess war, sich vom zuvor starren Lohnsystem zu verabschieden – viele neue Mitarbeiter mussten her, koste es, was es wolle.

300 Reichste Managerlöhne: John Mack, James Simons, Oswald Grübel, Henry Paulsen (v.l.)

Salärkönige: Die Finanzindustrie bildet ein besonders aussichtsreiches Spielfeld für Reichtum. Vehikel sind dabei variable Löhne, Boni und der Zugang zu lukrativen Investments: John Mack (ex Morgan Stanley), James Simons (Renaissance), Oswald Grübel (ex CS und UBS), Henry Paulson (ex Goldman Sachs, v.l.).

Quelle: Keystone; Getty Images; Bloomberg, 13 Photo
Anzeige

Neue Heilslehre

Von Personalberatern bis hin zu den Medien wurde eine neue Heilslehre verkündet: variable Löhne. Sie förderten die Leistung, da sie diese direkt belohnten, und seien daher auch gerechter, wurde argumentiert.

Damit war der Korken aus der Flasche, der Geist konnte entweichen. Die Schwachstellen wurden zunächst nicht gesehen. Erstens, dass in grossen Organisationen die Zuordnung von Leistung an Einzelpersonen im Grunde eine Illusion ist, wie Experten später einsehen mussten. Zweitens, dass die Ausrichtung auf Provisionen die Gier auf Kosten des Gesamtunternehmens fördert. Drittens, dass das System den Weg für Exzesse freigab, vor allem in den obersten Chargen.

Wurden zunächst vor allem die Banken vom Phänomen erfasst, folgten bald jene Grossindustrien, die sich ebenfalls weltweit messen mussten, etwa Big Pharma. Auch wenn heute Rekordsaläre wie jenes von Daniel Vasella, der an der Spitze von Novartis in einzelnen Jahren bis zu 40 Millionen Franken bezog, der Vergangenheit angehören, zahlt die Pharmabranche weiter Spitzengehälter, wie das erwähnte Beispiel von Roche-Chef Schwan oder auch der Lohn des heutigen Novartis-Chefs Vas Narasimhan – 2018 waren es 6,7 Millionen – zeigen.

Inzwischen haben die hohen Löhne die Wirtschaft breit erfasst. Nicht mehr die Branche ist das Hauptkriterium, sondern die Grösse: Lagen die CEO-Löhne bei den 20 grössten Schweizer Börsenunternehmen im Schnitt bei 7,1 Millionen, so kassierten die Chefs der Firmen auf den Rängen 48 bis 100 rund 1,7 Millionen (siehe Grafik oben).

Swiss-Re-Urgestein Kielholz als Vorbild

Für die Manager heisst das also, dass es im Grunde eine einfache Taktik gibt, irgendwann die 100-Millionen-Grenze zu knacken und in die Liste der 300 Reichsten zu gelangen: sich möglichst lange an den Job zu klammern. Ein Vorbild nehmen können sie sich an Swiss-Re-Urgestein Kielholz, der derzeit in seinem 21. Amtsjahr im Verwaltungsrat wirkt. Die Kritik von Corporate-Governance-Experten – Amtszeiten von über zwölf Jahren gelten als verpönt – lässt er an sich abprallen.

Anzeige

Kein Wunder, jedes zusätzliche Jahr ist willkommen: 2018 betrug sein Präsidentenlohn 3,88 Millionen Franken. Und ja, die Börse spielt auch noch mit: Die 407'523 Aktien, die Kielholz Ende 2018 besass, haben derzeit einen Börsenwert von über 40 Millionen Franken.

Alles über die 300 Reichsten der Schweiz sowie weitere spannende Themen lesen Sie in der goldenen BILANZ, erhältlich am Kiosk oder mit Abo bequem im Briefkasten.

Jetzt abonnieren