Stress ist nicht nur negativ. Mancher fühlt sich durch etwas Druck angespornt oder herausgefordert. Andere brauchen den Adrenalinkick, um sich zu Hochleistungen zu pushen.

Gleichzeitig sind Klagen über «zu viel» Stress jedem von uns bekannt, entweder von Kollegen oder von einem selbst.

Die Stiftung Gesundheitsförderung Schweiz beobachtet das Phänomen Stress im Arbeitsalltag naturgemäss besonders kritisch. Sie hat einen gesetzlichen Auftrag, Massnahmen zur Förderung der ­Gesundheit in der Schweiz und eben auch in der Schweizer Wirtschaft zu evaluieren und zu koordinieren.

Phänomen «ge­stresste Angestellte»

Seit 2014 versucht sie, das schwer fassbare Phänomen «ge­stresste Angestellte» mit dem Job-Stress-Index analytisch zu fassen. Für sie ist Stress «das wahrgenommene Ungleichgewicht zwischen Arbeitsbelastungen und Ressourcen».

Mit Letzteren seien im Fall des Job-Stress-Index spezifische, arbeitsplatzbezogene Ressourcen gemeint.

Dazu zählen motivierende Arbeits­bedingungen wie zum Beispiel allgemeine Wertschätzung, genügend Handlungsspielraum, Ganzheitlichkeit der Aufgaben oder unterstützendes Vorgesetztenver­halten.

Teure Überforderung

Wer mehr von diesen Ressourcen am Arbeitsplatz erfährt, hält auch höheren Belastungen stand, ohne darunter zu ­leiden. Dargestellt wird dieses Verhältnis mit dem Job-Stress-Index auf einer Skala von 0 bis 100. Je höher die Zahl, desto ­höher die Arbeitsbelastung im Vergleich zu den Ressourcen.

Um zum Ergebnis zu kommen, wurden repräsentativ für die Schweizer Erwerbsbevölkerung 2846 Personen zum Thema Arbeitsressourcen und Arbeitsbelastungen befragt. Der Index ist «der Stress-­Mittelwert der Schweizer Erwerbstätigen», so die Stiftung. Heute liegt er bei 50,83.

«Der Mittelwert des Stress-Index zeigt 2020 eine schlechtere Ausprägung gegenüber 2014 und 2016, die über eine po­tenziell messfehlerbedingte Abweichung ­hinausgeht», so die Studienautoren Norbert Semmer und Achim Elfering von der Uni Bern und Beatrice Brunner vom Winterthurer Ins­titut für Gesundheitsökonomie der ZHAW.

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Geschätzt kostet zu viel Stress die Schweizer Wirtschaft zwischen 5,3 und 9,9 Milliarden Franken pro Jahr.

«Solche Ergebnisse unterliegen immer bis zu einem gewissen Grad Zufallsschwankungen. Statistische Signifikanz bedeutet, dass die Unterschiede über die zu erwartenden Zufallsschwankungen hinausgehen. Man kann also davon ausgehen, dass über den gesamten Zeitraum hinweg tatsächlich eine Verschlechterung eingetreten ist», so die Autoren.

Problematisch sei das vor allem, weil durch zu viel Stress nicht etwa der Output der Mitarbeitenden steige, sondern die Kosten für die Firmen: «Unsere Schätzungen deuten darauf hin, dass Arbeitsstress die Schweizer Wirtschaft 2020 zwischen 5,3 und 9,9 Milliarden Franken kostet.»

Und wie kommen so eine enorme Zahl und so eine Schwankungsbreite zustande?

So entsteht der Job-Stress-Index

Ressourcen:

Handlungsspielraum  Autonomie der Angestellten im Arbeitsalltag.

Ganzheitlichkeit der Aufgabe Nachvollziehbarkeit von Sinn und Hintergrund der Tätigkeit.

Unterstützendes Chefverhalten Kommunikation, Feedback, Lob, konstruktive Kritik.

Allgemeine Wertschätzung im Büroumfeld und in der Branche.

Belastungen:

Zeitdruck Zu wenige Ressourcen für zu viele Aufgaben.

Unklarheit bezüglich Aufgaben etwa bei schwammiger Beschreibung des Aufgabenfelds.

Arbeitsorganisatorische Probleme Mangelhafte Planung durch den Vorgesetzten.

Qualitative Überforderung Qualifikation passt nicht auf Berufsbild.

«Diese Kosten entstehen in Form von Produktionsverlusten aufgrund von Absentismus, gesundheitsbedingten Fehlzeiten und Präsentismus, also aus gesundheit­lichen Gründen verringerter Produk­tivität während der Arbeit», so die Studie.

Langfristigen Stress verhindern

Methodisch wurden die Ergebnisse mittels multipler Regression ermittelt und auf die Schweizer Erwerbstätigen hochgerechnet. «Die von uns geschätzten Kosten entsprechen den Produktionsverlusten, die verhindert werden könnten, wenn es allen Unternehmen durch geeignete Massnahmen gelingen würde, ihren Mitarbeitenden ein ausgeglichenes Verhältnis zwischen Arbeitsstressoren und -ressourcen zu bieten – in anderen Worten: langfristigen Arbeitsstress zu verhindern.»

Der höchste Stress-Wert findet sich mit 52,18 übrigens bei den jüngeren Arbeitnehmenden zwischen 16 und 24 Jahren. Im Vergleich zu den älteren Erwerbstä­tigen leide diese Altersgruppe stärker unter der Arbeitsintensivierung.

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Als zentrale Stressoren gelten qualitative Überforderung und sozialer Stress mit den Arbeitskolleginnen und -kollegen sowie Zeitdruck und die Planung der Zukunft. Demgegenüber verfügen jüngere Erwerbstätige über weniger Ressourcen, um mit diesen Belastungen umzugehen.

Chefs sind entspannter

Im Gegensatz zu den überdurchschnittlich hohen Werten bei den Jungen finden sich bei Führungskräften bessere Job-Stress-Index-Werte. Sie erleben zwar eine ähnlich hohe Arbeitsintensivierung, durch ihre Position haben sie aber mehr Ressourcen, um den arbeitsbedingten ­Belastungen zu begegnen.

Wichtig zu wissen: Der Corona-Schock ist in der aktuellen Studie noch nicht erfasst, da die Befragung zwischen dem 3. Fe­bruar und dem 3. März dieses Jahres stattfand.

Die Auswirkungen des schwersten Wirtschaftseinbruchs seit Jahrzehnten werden also erst in der nächsten Befragung sichtbar. Und dennoch gibt es An­sätze, die stressigen Auswirkungen des Lockdowns zu beschreiben: Tatsächlich haben in der Schweiz zwischen März und April 2020 zusätzlich etwa 335'000 Arbeitnehmende (das sind 7 Prozent der Erwerbstätigen) während des Lockdowns von zu Hause aus gearbeitet.

Podcast Tipp

Hören Sie wie die Corona-Krise die Arbeitswelt verändert im Podcast «Schöne Neue Arbeitswelt».

Ergonomische Schwachstellen im Homeoffice

«Erste Befragungen etwa des GFS Bern («Home­office-Barometer 2020») zeigen, dass die Hälfte der Home­offices ergonomische Schwachstellen aufweisen. Ein Drittel der Befragten berichtet, eher weniger Pausen zu machen und länger zu arbeiten.

Nicht wenige vermissten den Kontakt zu ihren Kolleginnen und Kollegen. Auf der anderen Seite würden die Pendelzeiten eingespart und die Vereinbarkeit von Familie und Beruf habe durch das Homeoffice zugenommen», so das Forschertrio.

Insgesamt sei schwer zu sagen, ob sich positive und negative Änderungen ausgleichen. Zurzeit spricht einiges dafür, dass Homeoffice dann positiv sein kann, wenn das Ausmass begrenzt ist (und somit persönliche Kontakte erhalten bleiben), wenn die Gestaltung des Home-«Office» gut ist und wenn Anreizen, sich selbst zu überfordern, entgegengewirkt wird.

«In jedem Fall müssen mit verschiedenen Konzepten von Home­office Erfahrungen gesammelt und – auch wissenschaftlich – ausgewertet werden.»

Norbert Semmer, Achim Elfering, Beatrice Brunner

«Wir erinnern hier an das bereits in den 1980er Jahren von Eberhard Ulich vertretene Konzept des ‹Satelliten-Büros›; das ist ein Büro, das nahe am Wohnort ­angemietet wird und in dem sich Beschäftigte – durchaus auch aus verschiedenen Firmen – treffen, das gut gestaltet ist und von dem man sich nach der Arbeit auch wieder entfernt. In jedem Fall müssen mit verschiedenen Konzepten von Home­office Erfahrungen gesammelt und – auch wissenschaftlich – ausgewertet werden», so die Autoren Semmer, Elfering und Brunner gegenüber der «Handelszeitung».

Schnelle Nachbefragung

Den grössten Beitrag zu einem höheren Stress­niveau wird wohl der Verlust von Arbeitsplätzen aufgrund der Corona-Krise leisten. Der Einkommensverlust, aber auch der Verlust sinnvoller Arbeit und sozialer Kontakte stellen gravierende Belastungen dar.

Sogar wenn man den Arbeitsplatz behält, ist bereits die Befürchtung, man könnte den Arbeitsplatz verlieren, ein nicht zu unterschätzender Stress­faktor, und das bedeutet gemäss vielen Untersuchungen auch ein gesundheit­liches Risiko.

Eine Folgemessung 2021 bei denselben Personen wie in diesem Jahr ist bereits in Planung und wird den Einfluss nach ­einem Jahr Pandemie relativ deutlich aufzeigen können. Dann könnte der Schweizer Job-Stress-Index erst recht nach oben ausschlagen.

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