Genau vor fünf Jahren sorgte eine chinesische Firma «Woffice» mit einem No-Face-Day international für Kopfschütteln. Beim Immobilien-Dienstleister in der 10-Millionen Stadt Handan durften Mitarbeiter nämlich einmal im Monat mit Maske zur Arbeit  kommen.

Das Ziel: Eine Entspannung der Gesichtsmuskeln und die Reduktion von sozialem Stress. Ein freundliches Gesicht zu machen, während man dazu eigentlich keine Lust habe, sei eine Selbstkontrolle. Diese verlange so viel Aufwand, dass dadurch die Arbeitsleistung verhindert werde, argumentierten die chinesischen Chefs damals.

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2015 sorgte eine chinesische Firma mit dem No-Face-Day für Aufsehen.

Quelle: Getty Images

Die Nachricht vom No-Face-Day verschwand schnell wieder aus den Medien und wurde als PR-Gag abgetan. Abgesehen von ein paar Sozialwissenschaftlern, die das Phänomen erforschten, interessierte sich niemand mehr für Masken im Büro.

Das hat sich gründlich geändert: Wenn wir nun alle langsam wieder ins Büroleben zurückkehren, blühen uns nicht nur No-Face-Days sondern No-Face-Wochen oder sogar Monate. Denn vor allem in der ersten Phase des Neustarts wird es entscheidend sein, dass Mitarbeiter in vielen Bereichen ihre Gesichtsmaske tragen. Wie wird sich dieser Gesichtsschutz, der unsere Mimik während der Arbeitszeit fast unlesbar machen wird, auf die Bürokultur und noch wichtiger auf die Produktivität auswirken?

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Um das zu verstehen hilft ein Blick auf die Frage, warum wir im Büro überhaupt ein nettes Gesicht machen. Freundlich zu sein, oder besser ständig zuvorkommend, aufnahmefähig und zugänglich zu sein, hat sich in den letzten Jahrzehnten zu einem Wettbewerbsfaktor am Arbeitsplatz entwickelt. Mitarbeiter müssen grundsätzlich interessiert, optimistisch und positiv wirken. Und das können sie in Sitzungen oder Gesprächen mit Chefs und Kollegen eben vor allem über ihre Mimik.

Aus dem No-Face-Day werden No-Face-Monate

Der Autor und Co-Direktor des Political Economy Research Centre in London Will Davies hat in seinem Buch «The Happiness Industry» die Entstehung dieses Trends der Wirtschaft nachgezeichnet. Der freundliche Mitarbeiter habe sich zum anstrebenswerten Ideal entwickelt. Dahinter steckt die profane Annahme, dass  freundliche Mitarbeiter produktiver seien als unfreundliche.

Nur ihnen muss dehalb auch jede Art der Förderung zugute kommen. Wer mit fallenden Mundwinkeln vor dem PC sitzt gilt hingegen als problematisch und sehr wahrscheinlich weniger leistungsfähig. Massnahmen wie Obstkörbe im Büro, Tischtennisplätze, Fitnesstudios und möglichst freundliche Büroatmosphähren haben alle ein Ziel: Glückliche und dementsprechend freundliche Mitarbeiter.

Freundlich sein strengt an und lenkt ab

Davies behauptet, dieser Wettbewerb um die freundlichsten Mitarbeiter sei schädlich. Das Bemühen um Freundlichkeit habe sich zu einem Wettrennen um das beste Grinsen gewandelt. Dabei greifen mache zu Hilfsmitteln: Mit Glückspillen, die mit dem Botenstoff Serotonin versetzt sind, geben sich Angestellte einen Push um den Erwartungen von Firma und Chef besser zu entsprechen.

Ob der Drogenkonsum am Arbeitsplatz wirklich damit zusammenhängt, ist zwar nicht belegt. Der Kern von Davies Thesen aber ist plausibel: Menschen würden so viel Energie in ihr Image und ihr Auftreten im Büro investieren, dass ihre Arbeitsleistung zwangsläufig darunter leidet. Die Maskenpflicht könnte das radikal verändern.

 

Podcast über die Arbeitswelt in der Coronakrise

Distanz macht leistungsfähiger

Schon länger behauptet eine Strömung in der Arbeitspsychologie, dass Mitarbeiter dann leistungsfähiger und bessere Performer seien, wenn sie die Fähigkeit hätten, sich von der Arbeitswelt in ausreichendem Masse abzukoppeln. Das heisst, wenn sie physisch und psychisch in der Lage sind, eine Distanz zu ihrem Job aufzubauen.

Diese Distanz wird in den nächsten Wochen und Monaten für uns alle so konkret und erlebbar wie noch nie. Sitzordnungen in Grossraumbüros werden sich auflockern. Mancherorts wird Sichtschutz zwischen Kollegen eingebaut. Und die Maske, die uns vor Corona schützen soll, wird das ultimative Distanz-Instrument. Andere Distanz-Instrumente, etwa schallabweisende Kopfhörer werden wohl überflüssiger.

Wir steuern also nach dem Massen-Home-Office in das nächste arbeitspsychologische Massen-Experiment. Wenn unsere Mimik im Büro unsichtbarer wird und die Distanz zu Kollegen vergrössert könnte uns das unheilvolle Virus etwas verschaffen, mit dem niemand gerechnet hat: Einen bisher ungekannten Produktivitätsschub.