Beim Schweizer Marktführer im Autohandel ist seit Mitte März der komplette Autokauf online möglich – gestartet also, als der Kampf gegen Corona gerade Fahrt aufnahm.

Damit bietet der VW-Konzernimporteur unter CEO Morten Hannesbo ein umfassenderes Angebot als die meisten anderen: Wer will, kann ein Auto der konzerneigenen 82 Garagen der Sparte Amag Retail auf der gemeinsamen Website (auto.amag.ch) kaufen, ohne je einen Fuss in die Garage zu setzen oder vor dem Kauf mit einem Verkäufer gechattet oder telefoniert zu haben.

Für eine Probefahrt kann man sich das Auto vor die eigene Haustür liefern lassen. Die meisten Konkurrenten, etwa die Emil Frey AG unter Patron Walter Frey, BMW Schweiz unter CEO Paul de Courtois oder Mercedes Schweiz unter CEO Marc Langenbrinck haben bisher noch nicht die kompletten Kaufprozesse digitalisiert.

Das Verkaufsziel «100 in 100» habe man erreicht, heisst es bei der Amag, also 100 Fahrzeuge innert 100 Tagen. Geschätzt sind es neun von zehn Kunden, die im Kaufprozess überhaupt keinen Kontakt zum Garagisten aufnehmen und alles online abwickeln; man könne allerdings nicht ausschliessen, dass der eine oder andere einmal zur Garage gefahren sei und sich, ohne Beraterkontakt, das Auto angesehen habe – die Standorte sind auf der Website ausgewiesen.

Ebenfalls neun zu eins ist das Verhältnis von Occasions- zu Neufahrzeugen im Onlineverkauf. Dies wohl, weil der Absatz von Neufahrzeugen gern mit Rabattprogrammen, Servicepaketen oder grosszügigen Rückvergütungen für ein eingetauschtes Altfahrzeug beschleunigt wird – dazu braucht es oft Kontakt zum Garagisten, um den letztlichen Nettopreis zu berechnen.

Das allererste online verkaufte Auto aus dem Anfangsbestand von rund 6000 Fahrzeugen war ein gebrauchtes Audi-A3-Cabrio. Als erste Lerneffekte gelten: Online scheint zu funktionieren; nicht nur Tesla gelingt es, den Verkaufsprozess ins Internet zu verlegen. Wobei Tesla-Kunden ihr Neufahrzeug an festgelegten «Abholpunkten» in Empfang nehmen (müssen); die Amag liefert vor die Haustür.

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Daneben zeigte sich bei Kundenbefragungen, dass jeder Vierte bis jeder Zweite zumindest die ersten Schritte auf dem Mobile unternimmt, bevor er oder sie zum Kauf dann bisweilen – aufgrund der hochpreisigen Kaufsummen und der bequemeren Eingabemaske – auf die Desktop/PC-Version wechselt.

Hintergrund des Ganzen ist der Kampf der Autoindustrie um die «Digital Natives», denen man zudem zeitgemässe Miet- und Abomodelle online anbieten möchte, neben dem klassischen Neuwagenkauf.

Der Autohandel sucht neue Wege, um dem Trend zu begegnen, dass Autobesitz bei jüngeren Menschen geringere Bedeutung einnimmt. Zudem geht der Handel durch die neuen Mietmodelle von sinkenden Volumen im Neuwagengeschäft aus und versucht sich wachsender Konkurrenz durch die Hersteller zu erwehren, die selbst direkte Kundenkontakte aufbauen wollen.

Der Schweizer Automarkt zeigt unterdessen, nach den Coronabedingten Einbrüchen, Zeichen der Erholung: So gab es im Juni bereits mehrere Marken, darunter Audi, Mercedes und Porsche, die höhere Verkaufszahlen erreichten als im Juni des Vorjahres. Auch der Juli sehe recht gut aus, heisst es bei der Amag. Grundsätzlich erwartet der Autoimporteur für 2020 ein Minus von etwa einem Viertel im Vergleich zum Vorjahr.