Selbstvertrauen, Mut, Hartnäckigkeit, ein gutes Netzwerk und Disziplin – mit diesen Eigenschaften lässt sich jede Karriereleiter erklimmen. Julia von Ah bringt alle diese Attribute mit. Vor knapp elf Jahren gründete sie die Tax-Boutique von Ah & Partner. In diesem Jahr erhält von Ah eine der Auszeichnungen als beste Kanzlei der Top-Steuerexperten und -Treuhänder in der Schweiz. Das siebenköpfige Team bei von Ah & Partner besteht ausschliesslich aus Frauen. «Das ist weder Strategie noch Zielsetzung», betont von Ah, es habe sich einfach so ergeben. Für die Branche ist es ein sehr untypisches Bild. Zwar sind Frauen in der Steuer- und Rechtsberatung vieler Schweizer Unternehmen in der Mehrzahl, weibliche Führungskräfte sucht man hingegen wie die Nadel im Heuhaufen.Die Krawattenquoten auf den Fotos der Führungsteams, Verwaltungsräte und sogar der Bereichs- und Regionalleiter spiegeln noch nicht die Bemühungen der Unternehmen, Frauen und Männer gleichermassen zu fördern und zu unterstützen. «Die Diskussion, Frauen zu fördern, gibt es schon seit fast 20 Jahren», sagt Britta Rehfisch, Direktorin bei ADB Altorfer Duss & Beilstein in Zürich – auf dem ersten Platz der Top-Steuerexperten in der Kategorie 10 bis 49 Mitarbeitende. Trotz aller Bemühungen verliere man zu viele Expertinnen auf dem Karriereweg, beobachtet Rehfisch. Sie selbst hat viele Jahre bei einem der «Big Four» gearbeitet, wie Deloitte, EY, KPMG und PwC in der Branche genannt werden.

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«Unserer Branche haftet nach wie vor bis zu einem gewissen Grad das Stigma des Männerberufs an», beklagt Emre Özdemir, Managing Partner A&O Kreston. «Da es dafür aber keinerlei objektive Gründe gibt und jeder in der Branche reüssieren kann, arbeiten wir stetig daran, die Diversität in unserem Unternehmen zu steigern. So beschäftigt A&O Kreston bereits heute über 53 Prozent Frauen, Tendenz stetig steigend.»

So haben BILANZ und Statista ermittelt

Britta Rehfisch

AUF DEM SIEGERTREPPCHEN: In der Kanzlei ADB Altorfer, Duss & Beilstein ist Britta Rehfisch die Mehrwertsteuer-Expertin.

Quelle: Roger Hofstetter für BILANZ

Die nötigen Veränderungsprozesse bei den Arbeitsmodellen sind bei den Firmen schon angelaufen. «Es geht uns nicht nur um Anreize für Frauen, sondern um Anreize für alle Geschlechter, also um Anreize, das Familien- und Berufsleben optimal aufeinander abzustimmen», sagt Dieter Wirth, Managing Partner bei PricewaterhouseCoopers (PwC) Schweiz. In der Grössenklasse der «Big Four» hat PwC im Ranking der besten Steuerexperten und Treuhänder erneut den ersten Platz erzielt. Mitarbeitenden werden bei PwC Teilzeitpensen, Beratung für Kinderbetreuungsangebote, verlängerter Mütter- und Väterschutz, ein Coaching für Eltern sowie Führungskräfte, diverse Netzwerke wie Women@Work und einiges mehr geboten. Auch ein Programm speziell zur Unterstützung von Führungsfrauen gibt es.

 

Nützliche Netzwerke

Nicht alle Unternehmen bieten eine derartige Förderung, und vielen Frauen reicht diese auch nicht. Eine Gruppe von Steuerexpertinnen hat daher 2017 in der Schweiz das Netzwerk WIN gegründet – Women in IFA (International Fiscal Association). «Schon an der ersten Sitzung nahmen mehr Frauen teil, als wir überhaupt eingeladen hatten», erinnert sich Julia von Ah, eine der Initiantinnen der Gruppe. Das Bedürfnis, sich zu formieren und regelmässig auszutauschen, ist gross. Inzwischen zählt WIN in der Schweiz mehr als 350 Mitglieder. Einmal im Quartal werden Fach- sowie soziale Themen diskutiert. Vor allem bei den informellen Sujets ist der Austausch wichtig und stösst auf weit grösseres Interesse als die Fachthemen. «Wie überwinde ich die gläserne Decke? Wie viel Selbstmarketing ist nötig, und wie mache ich das?» Ziel des Netzwerks: mehr Frauen an internationale Steuerrechts-Panels zu bringen und so sichtbar zu machen. Der nächste Schritt ist, hoch qualifizierte Frauen noch weiter voranzubringen. Dafür braucht es noch mehr Vorbilder und Mentoren. Auch der Austausch attraktiver Stellenanzeigen innerhalb des Netzwerks hat sich bereits als Erfolg erwiesen.

Dass Frauen nach wie vor in den Chefetagen der Steuerfirmen unterrepräsentiert sind, liegt nach Ansicht von Britta Rehfisch nicht an den Inhalten. Die gebürtige Rheinländerin ist überzeugt davon, dass eine Karriere als Steuerexpertin auch mit einem Teilzeitpensum möglich sei: «Ob eine Beraterin oder ein Berater nun wegen eines Teilzeitpensums oder aufgrund eines Kundenmeetings kurzfristig nicht erreichbar ist, macht für den Mandanten zum Zeitpunkt der Kontaktaufnahme doch keinen Unterschied.» Wichtig sei jedoch das zeitnahe Feedback, das entsprechende Flexibilität auch im Teilzeitpensum fordere. Die Arbeit lasse sich zudem in der Regel sehr gut planen, aufteilen und koordinieren. Auch von Ah hält die Erreichbarkeit für Klienten nicht für problematisch. Eine Herausforderung sieht sie aber in der hohen Dynamik der Branche. Um bei der Entwicklung von Gesetzen und Rechtsprechung à jour zu bleiben, stosse man sogar mit einer Vollzeitstelle an seine Grenzen. Für Mitarbeitende mit einem Teilzeitpensum sei es eine sehr anspruchsvolle Aufgabe, neben der Arbeit mit den Mandanten up to date zu bleiben. Generell sei es schwieriger, mit einem Teilzeitpensum in einem Unternehmen sichtbar zu werden und es zu bleiben. Junge Frauen, die im Steuerbereich Karriere machen wollen, sollten daher einen Arbeitgeber suchen, der sie fördert, aber auch fordert. An Seminaren und Tagungen mitzuarbeiten, als Redner oder Panel-Teilnehmer aufzutreten, trägt ebenso zu mehr Sichtbarkeit bei wie Veröffentlichungen in Fachpublikationen oder von Kommentaren. «Frauen sollten diese Herausforderungen proaktiv suchen und nicht warten, bis sie danach gefragt werden», rät Rehfisch, die selber regelmässig als Autorin von Publikationen im Bereich Mehrwertsteuer und als Referentin auf sich aufmerksam macht.

Auf der Seite der Mandanten haben von Ah und Rehfisch in den vergangenen Jahren deutliche Veränderungen festgestellt – Frauen sind hier immer stärker vertreten. Heute suchen zunehmend Gründerinnen sowie weibliche CEOs, CFOs oder Heads of Taxes ihren Rat. Auch bei Paaren würden Frauen öfter die Verantwortung für Steuerfragen übernehmen – das sei in der Vergangenheit meistens die Aufgabe des Ehemanns gewesen. «Klientinnen sind oft froh über eine Frau als Ansprechpersonen», stellt von Ah fest. Die Sorge, dass sie nicht ernst genommen oder ihre Anliegen als nicht wichtig erachtet werden, ist in der Beratung von Frau zu Frau weniger vorhanden. Während Männer bei der Steuerberatung eher ergebnisorientiert sind, wünschen sich Klientinnen detaillierte Informationen über die Umsetzung, Effekte sowie Chancen und Risiken ihrer Pläne. Sie legen Wert auf Kommunikation auf Augenhöhe – so die Erfahrung von Rehfisch und von Ah.
Der Ausbruch der Corona-Pandemie und die damit verbundenen einschränkenden Massnahmen haben die Steuerberatungs- und Treuhandbranche vor neue Herausforderungen gestellt. «Sowohl der Effizienz- als auch der Kostendruck haben sich erhöht», sagt Emre Özdemir. Viele mittelgrosse Mandanten hätten ein «Insourcing» angestrebt, während viele kleinere Kunden die Vorbereitungsarbeiten so gut ausgeführt hätten, dass der Arbeitsaufwand für die Steuerberater deutlich abgenommen habe. Verschiebungen gab es auch bei den Beratungsfragen. «Natürlich hat sich letztes Jahr auch der Fokus der Nachfrage durch KMUs etwas verschoben: Es erreichten uns sehr viele Anfragen zu den Themen Kurzarbeit und Arbeitsrecht. Andere Kundinnen und Kunden unterstützten wir im Kontext der Covid-19-Kredite und der Beantragung von Härtefallmassnahmen», beschreibt Marcel Rohrer, Leiter Treuhand bei BDO, die neue Situation.
 

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Corona als Chance

Unterm Strich sehen die Branchenvertreter aber die Chancen in der Krise. Als Schlüsselchance sieht Dieter Wirth von PwC den dezentralen Dialog: «Wir können gleichzeitig mehrere Kunden ansprechen. Zudem können wir Spezialisten kurzfristig von überallher auf der Welt dazuschalten. Das ist effizient und trotzdem persönlich.» Zudem habe die Corona-Krise der digitalen Transformation einen weiteren Schub verliehen, fügt Marcel Rohrer hinzu. Es habe sich gezeigt, dass eine moderne IT-Infrastruktur, mobiles Arbeiten, Offenheit für E-Business und der Aufbau einer Kundenplattform zentrale Erfolgsfaktoren für Firmen sind. Betrachte man die Krise als Inspirationsquelle für Innovationen, ergäben sich daraus durchaus Chancen.

Grosse Trends wie Fachkräftemangel, Digitalisierung oder künstliche Intelligenz stellen auch die Branche der Steuerexperten und Treuhänder vor bisher unbekannte Herausforderungen. «Aktuell findet eine Transformation hin zu einer zunehmend digital interagierenden Welt mit neuen und anderen Kommunikationsformen und mehr Plattformlösungen statt. Dokumente werden zum Beispiel geteilt statt verschickt, und internationale Teams können an einem Dokument gleichzeitig arbeiten. Die Digitalisierung führt dazu, dass immer mehr klassische Tätigkeiten automatisiert und effizienter angeboten werden können», sagt Rohrer von BDO. Die steigende Komplexität sorge wiederum für zusätzlichen Beratungsbedarf bei den Kundinnen und Kunden. Die grösste Herausforderung sei, neue Wege zu finden, um Fachkräfte zu gewinnen, auszubilden und auf die erwähnten Marktherausforderungen vorzubereiten.

Auch auf Seiten des Steuerrechts hält die hohe Dynamik die Berater auf Trab. Anfang des Jahres ist die Unternehmenssteuerreform in Kraft getreten. Viele neue Detailfragen müssen nun in der Praxis Schritt für Schritt geklärt werden. Einen erhöhten Beratungsbedarf bringt auch die zunehmende internationale Mobilität von Mitarbeitenden oder Organen, die zunehmend dezentral arbeiten, mit sich. Die gesetzlichen Konzepte wurden für traditionelle Arbeitsmodelle ausgelegt und nicht für die Arbeitsnomaden von heute und die neuen Arbeitsweisen. «Das Steuerrecht hinkt da noch hinterher», sagt von Ah.
Mit neuen Technologien wie Blockchain und anderen IT-Bereichen sind auch ganz neue Unternehmertypen auf der Bildfläche erschienen. Experten arbeiten stark projektbezogen, und dies irgendwo auf der Welt. Und unabhängig davon, wo sie arbeiten, sollen sie auch am Erfolg partizipieren. Wie können Beteiligungen aussehen? Handelt es sich dabei um Angestellte oder Freiberufler? Viele neue Fragen, für die es keine Standardlösungen in der Schublade gibt. «Doch genau das macht das Steuerrecht ja so spannend», freut sich von Ah.