Der globalisierte Kunstbetrieb gleicht einem Schnellzug, bei dem jemand in voller Fahrt die Bremse gezogen hat – und trotzdem den Crash nicht verhindern konnte. Bis Anfang Juli fiel der Umsatz der Auktionshäuser Christie’s, Sotheby’s und Phillips gemäss dem Brancheninformationsdienst ArtTactic von 5,7 Milliarden auf 2,9 Mil­liarden Dollar – das sind fast 50 Prozent weniger als im Vorjahr. Auch die starken Umsatzsteigerungen in Onlineauktionen können die Verluste nicht wettmachen.

«Dem Kunstmarkt wurden auf einen Schlag alle traditionellen Verkaufsplattformen entzogen», resümiert Iwan Wirth von der global operierenden Galerie Hauser & Wirth die erste Schockwelle. Seit März erlebt das Messetreiben einen Dornröschenschlaf. Die prestigiöse TEFAF (European Fine Art Fair) in Maastricht wurde vorzeitig abgebrochen. Die Art Basel und Kunstmessen in London und New York wurden erst verschoben und dann ganz online ­abgehalten, und ob die FIAC (International Contemporary Art Fair) Ende Oktober wirklich stattfinden wird, steht noch in den Sternen.

«Ohne Kunstmessen funktioniert unser bisheriges Geschäftsmodell nicht», gibt Urs Meile von der Galerie Meile unumwunden zu. Beinahe die Hälfte des ­Jahresumsatzes generiert Meile an Messen, genauso wie die meisten international ­erfolgreichen Galerien.

Opfer der Event-Kultur

Die Umdeutung der Kunstausstellung zum globalisierten Event- und Partyformat rächt sich jetzt an einer Branche, die einst von diskreten Connaisseuren und soliden Kunstliebhabern bestimmt war. Ohne ­Messen lässt sich die Käuferbasis nicht erweitern, der Austausch mit einflussreichen Museumskuratoren, die Künstlerkarrieren befördern, fehlt. «Die Branche wird den Gürtel enger schnallen», prophezeit Iwan Wirth. «Wir werden weniger Ausstellungen sehen, weniger Messen, weniger Kataloge und weniger Partys.»

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Welche längerfristigen Auswirkungen diese Verwerfungen auf die Künstler des 27. BILANZ-Künstler-Ratings haben werden, ist noch nicht abzuschätzen. Künstler haben aber nur so viel Erfolg wie ihre ­Promotoren: Museen, Kunsthallen und Galeristen verschaffen ihnen Visibilität und kritische Würdigung.

Wenn Museumsausstellungen verschoben und weniger Verkäufe getätigt werden, wird dies mittelfristig spürbar. Allerdings ist die Liste kein Spiegel des Marktes, sondern sie beruht auf der Einschätzung einer von kompetenten Fachleuten besetzten Jury. Insgesamt 40 Museumsleute, Kritiker und Kuratoren urteilten über Substanz, Relevanz und Aktivitäten der vergangenen zwölf Monate.

Die bestplatzierte Künstlerin ist, wie im Jahr zuvor, Pipilotti Rist, die 58-jährige ­Meisterin der Erlebniskunst, die sie aus delirischen Videos und sinnlich-verspielten Environments schafft. Zuletzt wurde ihr Werk im renommierten Louisiana ­Museum in Kopenhagen mit der bislang grössten Schau in Skandinavien gewürdigt. Pipilotti Rists Kunstproduktion, dank ­zahlreichen Assistenten und der global vernetzten Galerie Hauser & Wirth im ­Hintergrund ein gut geöltes Räderwerk, musste zahlreiche Verschiebungen wichtiger Museumsprojekte in Kauf nehmen.

Ausstellungen im Museum of Contemporary Art in Los Angeles und im National Museum of Modern Art in Kyoto wurden um ein halbes Jahr verschoben. Verkäufe gehen langsamer über die Bühne. Doch ihr Galerist, James Koch, Direktor bei Hauser & Wirth, bleibt stoisch: «Die Verschiebungen geben Pipilotti Rist Luft. Jetzt hat sie mehr Zeit für Kreativität.» Zum Beispiel für die Produktion der gros­sen Lichtinstallation vor dem Zürcher Kunsthaus, die zur mit Spannung erwarteten Eröffnung des David-Chipperfield-Neubaus geplant ist.

«Superjahr» für Miriam Cahn

Platz zwei belegt Thomas Hirschhorn, der Meister der politischen Bricolage ­(Vorjahr: 3. Rang). Grosse Aufmerksamkeit wurde ihm zuletzt mit der ausufernden Robert-Walser-Installation auf dem Bahnhofplatz in Biel zuteil, welche publikumswirksam das Outsidertum beschwört.

Nach jahrelanger relativer Vernachlässigung durch die Institutionen hat es die Malerin Miriam Cahn auf Platz 3 geschafft (Vorjahr: Rang 5). «Miriam Cahn hatte ein Superjahr», sagt Jochen Meyer von der Galerie Meyer Riegger in Berlin. «Die Energie und die Qualität ihres Werks haben die Wahrnehmung sie betreffend definitiv verändert.» Kaum je hat Cahns farbkräftige Malerei, die existenzielle Themen wie Krieg und Migration umkreist, den Nerv der Zeit mehr getroffen als jetzt.

Eine erfolgreiche Ausstellungstournee (Kunstmuseum Bern, Haus der Kunst in München, Museum of Modern Art in ­Warschau) und Retrospektiven in der Reina Sofía in Madrid und der Kunsthalle Bregenz weisen sie als eine der zurzeit stärksten Stimmen der zeitgenössischen Malerei aus. Ausstellungen in Tokio, ­Guangdong (China), Dallas, Paris und ­Berlin stehen bevor.

Neben verschobenen Museumsprojekten und abgesagten Reisen ist eine Verlang­samung der Kunstverkäufe spürbar. «Die Leute sind vorsichtig geworden. Es braucht länger, bis sie sich zu einem Kauf ent­schlies­sen», sagt Miriam Cahns Galerist Jochen Meyer. Man hört von Galeristen, die um Rabatte von 20 bis 30 Prozent angegangen würden. Doch keiner will bestätigen, solche Nachlässe auch wirklich zu ­gewähren. Kredite und Kurzarbeit helfen, die Preise stabil zu halten. «Wir geben manchmal zehn Prozent Rabatt, aber ­damit hat es sich», sagt Johann König von der gleich­namigen Galerie in Berlin.

Eingebremste Aufsteiger

Hat man es bei den Künstlern der oberen Ränge der Liste mit abgesicherten, durch Museumsausstellungen validierten Werten zu tun, könnten es nun junge Aufsteiger schwerer haben, in Krisenzeiten in Sammlungen verkauft zu werden.

Bei Künstlern, die erst seit Kurzem ihr Momentum haben, werden hoffnungsvolle Karrieren aufgestaut. Julian Charrière, Platz 1 unter den Künstlern unter 40 Jahren, hätte im Juni, zur Art Basel, vor internationalem Kunst­publikum mit seiner ­grossen Retro­spektive im Aargauer Kunsthaus eine Bühne vor ­internationalem Kunstpublikum gehabt. Sie wurde auf Herbst verschoben und wird, weil die Amerikaner und Asiaten ­fehlen, die sonst zur Art Basel in die Schweiz kommen, zum regionalen Event. Eine gros­se verpasste Chance.

Die Skulpteurin Claudia Comte, die Platz 2 unter den Jungen belegt, glänzte im vergangenen Jahr mit einer viel beachteten Schau im Castello Rivoli in Turin und gilt in ihrem Medium international als führend.

Ihre mit der Kettensäge in computer­gesteuertem 3-D-Scan geschaffenen oder vom Steinmetzen geformten Skulpturen (30'000 bis 40'000 Euro für kleinere Werke, 200'000 Euro für grosse) sind am Markt gefragt: Die Banque Cantonale Vaudoise erwarb im digitalen Viewing Room der Galerie Johann König ein grossformatiges Gemälde, und zuvor hatte das Musée des Beaux-Arts in Lausanne zwei Holzskulp­turen angekauft.

Augustin Rebetez, Kreateur von Gemälden, Skulpturen und Fotografien, die zu wild-poetischen, immersiven Installationen wuchern, wurde erstmals von der Jury gewählt (Rang 9, Künstler unter 40). Zwei grosse Soloausstellungen hatte er kürzlich in São Paulo und Mailand, zudem zwei Künstlerresidenzen in Russland und China.

Der Künstler, der von der Zürcher Galerie Nicola von Senger vertreten wird, vermutet, dass er kurzfristig weniger ­Museumsangebote haben werde. Dennoch empfand Rebetez, der sonst abgeschieden auf dem Land im Jura in einem Haus mit Garten lebt, den Lockdown als positive Erfahrung. «Ich mochte die Quarantäne. Sie tat meiner Arbeit gut.»

Neue Möglichkeiten und Chancen entstehen

Auch Galeristen versuchen, der neuen ­Situation positive Seiten abzugewinnen. «Vor lauter Messen und Reisen hatten wir das lokale Publikum vernachlässigt», räumt der Galerist Peter Kilchmann selbstkritisch ein. Von Mai bis Juli tätigte er spürbar mehr Verkäufe an hiesige Sammler. Nun eröffnet er eine zweite Galerie an der Zürcher Rämistrasse.

Wenn die Leute nicht mehr reisen, wird der lokale Markt wieder wichtiger. «In den letzten Jahren gab es im Kunstmarkt immer wieder Krisen. Durch diese Konsolidierung entstehen auch neue Möglichkeiten und Chancen: Der Dialog mit Künstlern wird intensiviert, neue Medien werden erforscht, nichts ist im Stillstand», sagt Nicola von Senger.

Der Luzerner Galerist Urs Meile zum Beispiel, dem es seit Monaten verwehrt ist, zu seiner Galerie in Beijing zu reisen, stellt Kunst aus seiner Galerie im Unterengadiner Dorf Ardez aus, in der Molkerei, in ­einem Kohlenkeller, in einem Stall und in seinem eigenen Haus – unter anderem auch die Künstlerin Julia Steiner (Rang 8, Künstler unter 40, Vorjahr: 9. Platz). Über Kollaborationen und Gallery Swapping tauscht man Publikum und Künstler aus. Die Galerie Meyer Riegger etwa geht mit einer Galerie in Seoul eine Austausch-Kooperation ein.

Die Galeristin Eva Presenhuber wiederum, die mit goldener Hand einige der ­international erfolgreichsten Schweizer Künstler – Ugo Rondinone (Rang 8), Urs Fischer (13), Peter Fischli (16), Jean-Frédéric Schnyder (22), Valentin Carron (31) – vertritt und kürzlich gleich zwei neue Galerien an der Zürcher Rämistrasse eröffnet hat, streckte in den letzten Wochen ihre Fühler nach Schweizer Museen aus. Die intensivierten Kontakte dürften ihren Künstlern zugutekommen.

Claudia Comtes Galerist Johann König, der nebst seiner Galerie in Berlin Filialen in London und Tokio hat, überlegt, sein Galeriengeschäft verstärkt auf Europa auszurichten und ­einen Ableger «in Zug oder Zürich» zu eröffnen. «Die DACH-Region vereinigt die sozial und wirtschaftlich besseren Gesellschaften», sagt er. «Da kann man vielleicht nicht die extremen Preise erzielen wie in den USA oder Asien, aber dafür ist das Geschäft grund­solide.»

«Unser Ziel ist es, 20 Prozent Umsatz online zu erreichen.»

Galerist Peter Kilchman

Nebst Messebetreibern und Auk­tionshäusern forcieren auch Galerien ihre Internetverkäufe: «Wir bauen unsere Onlineverkäufe als drittes Standbein aus», so Peter Kilchmann von der gleich­namigen Zürcher Galerie. «Unser Ziel ist es, 20 Prozent Umsatz online zu erreichen.»

Während die Branche im Umbruch ist, gibt es bereits jetzt drei Befunde zu machen. Erstens: Die Digitalisierung hat eine der letzten Bastionen erobert. Zweitens: Wenn die Partymusik verstummt ist, tritt die Essenz der Kunst wieder in den Vordergrund. Und drittens: Weil sich Galeristen nicht mehr auf Flughäfen und Messegeländen aufhalten, wird jeder in der Galerie wie ein VIP empfangen. Keine schlechte Zeit für den Kunstgenuss.

Die Jury

40 Kunstsachverständige haben zum Künstler-Rating 2020 beigetragen. Gewichtet werden die Anzahl Nennungen pro Künstler (prioritäres Kriterium) und die Platzierung der Namen in den eingesandten Ranglisten (sekundäres Kriterium):

Yasmin Afschar, Kuratorin Aargauer Kunsthaus, Aarau; Stefan Banz, Direktor KMD (Kunsthalle Marcel Duchamp / The Forestay Museum of Art), Cully; Tobia Bezzola, Direktor Museo d’Arte della Svizzera Italiana, Lugano; Konrad Bitterli, Direktor Kunstmuseum Winterthur; Alexandra Blättler, Konservatorin, Zürich; Giovanni Carmine, Direktor Kunsthalle St. Gallen; Cornelia Dietschi Schmid, Leiterin Kunstsammlung Roche, Kunsthistorikerin Hoffmann-La Roche, Schaffhausen; Jean-Paul Felley, Direktor École cantonale d’art du Valais, Sierre; Fanni Fetzer, Direktorin Kunstmuseum Luzern; Andreas Fiedler, Kurator, Bern/Berlin; Peter Fischer, Kurator/Entwickler Kunst & Kultur GmbH, Hitzkirch; Fredi Fischli, Kurator GTA Ausstellungen ETH Zürich; Karin Frei Rappenecker, Kunsthistorikerin/Kuratorin/Kunstvermittlerin Art Agency, Zürich; Céline Gaillard, Co-Direktorin Kunst(Zeug)Haus, Rapperswil-Jona; Winfried Heiniger, Verleger Kodoji GMBH, Baden; Oliver Kielmayer, Kurator Kunsthalle Winterthur; Lynn Kost, Kuratorin Kunstmuseum Winterthur; Roman Kurzmeyer, Kunstwissenschaftler/Kurator, Basel; Simon Lamunière, Kurator Skulpturenpark Domaine du Muy, Les Acacias; David Lemaire, Direktor Musée des beaux-arts, La Chaux-de-Fonds; Samuel Leuenberger, Kurator Art Basel, Die Neuen Auftraggeber, SALTS, Birsfelden; Dorothee Messmer, Direktorin Kunstmuseum Olten; Heike Munder, Migros Museum für Gegenwartskunst, Zürich; Susanne Neubauer, Kuratorin und Kunstwissenschaftlerin, Berlin/ Zürich; Flurina & Gianni Paravicini, Verleger Edizioni Periferia, Luzern; Sabine Rusterholz Petko, freie Kuratorin, Zürich; Sabine Schaschl, Direktorin Haus Konstruktiv, Zürich; Christoph Schenker, Prof. / Leiter Institute for Contemporary Art Research, Zürcher Hochschule der Künste, Zürich; Claudia Spinelli, Leiterin Kunstraum Baden; Barbara Staubli, Kunsthistorikerin/Kuratorin Julius Bär Kunstsammlung, Zürich; Markus Stegmann, Direktor Museum Langmatt, Baden; Juri Steiner, Kurator, Kunst- und Kulturvermittler, Lausanne; Nadia Veronese, Kuratorin Kunstmuseum St. Gallen; Yvonne Volkart, Kunstwisseschaftlerin/ Kuratorin, Zürich; Anna Wesle, Kuratorin Museum Franz Gertsch, Burgdorf; Roland Wetzel, Direktor Museum Tinguely, Basel; Nina Zimmer, Direktorin Kunstmuseum Bern; Barbara Zürcher, Direktorin Haus für Kunst Uri, Altdorf; Sarah Zürcher, Independent Curator / Art Writer, Corsier; Annelise Zwez, Kunstkritikerin, Twann BE.

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