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Analyse
Die irreführende Idee vom Nullsummenspiel

Sieht die christiliche Leitkultur bedroht: CVP-Präsident Gerhard Pfister.Quelle: Keystone

Wenn du gewinnst, verliere ich: Diese Vorstellung vergiftet den politischen Diskurs. Und in den meisten Fällen ist sie falsch.

Kommentar  
Von Nicolas Zahn
22.12.2017

Einfache Ideen erfreuen sich in einer komplexen Welt grosser Nachfrage. Eine solche Idee ist das Nullsummenspiel, dessen Grundannahme schnell erklärt ist: Ein gewisses Gut – sei es Geld, Essen oder Macht – existiert nur in einer fixen Menge. Gewinnt ein Akteur an diesem Gut hinzu, so geht dies immer zu Lasten der anderen Akteure.

Demgegenüber steht das Konzept der «positive sum» mit der umgekehrten Grundannahme. Ein bestimmtes Gut ist hier nicht fix, viel eher vermehrt es sich durch die Teilnahme verschiedener Akteure, insbesondere wenn diese kooperieren. Beispielhaft sehen wir diese Logik beim wirtschaftlichen Wachstum: Nehmen mehr Firmen am Wettbewerb teil, entstehen mehr Güter und Dienstleistungen.

Antworten in Fragen von Globalisierung und Freihandel

Lange Zeit galt das Konzept der positive sum als die Antwort in Fragen der Globalisierung und des Freihandels. Durch Arbeitsteilung, globale Wertschöpfungsketten und tiefe Zölle nehmen mehr und mehr Akteure an der globalen Wirtschaft teil. Und tatsächlich hat die Globalisierung und der damit verbundene Freihandel auch zu einem beachtlichen Wirtschafts- und Wohlstandswachstum geführt, gerade in der nicht-westlichen Welt.

Dennoch gewinnt das Nullsummenspiel vermehrt Anhänger. Politiker bedienen sich des Nullsummenspiels, um gegen Globalisierung und Freihandel Stimmung zu machen. In der Debatte wechselt der Fokus von der Frage, wie Wachstum generiert werden könnte, auf die Frage, wie man selbst vom bestehenden Kuchen das grösste Stück bekäme. So geht etwa US-Präsident Donald Trumps «America first»-Politik davon aus, dass Handel und internationale Kooperation zu Lasten Amerikas gingen.

Ähnliche Vorstellungen herrschen in Europa an den Rändern des politischen Spektrums vor. Selbst in der Schweiz tauchte die Idee eines Nullsummenspiels im Zusammenhang mit der Masseneinwanderungsinitiative und dem Inländervorrang auf: Man geht implizit davon aus, dass sich in- und ausländische Arbeitnehmer um eine fixe Zahl von Arbeitsplätzen streiten.

Die Grundannahmen treffen oft nicht zu

Natürlich kommt es im Zuge der Globalisierung zu Verdrängungseffekten, etwa auf dem Arbeitsmarkt. Doch dafür gibt es Lösungen. Bevölkerungsschichten, die vom Wandel weniger profitieren als andere, sollte man mit gezielten Massnahmen helfen – über Anpassungen des Steuersystems, Arbeitsmarktmassnahmen oder Investitionen in Aus- und Weiterbildung. Diesen Leuten ist jedoch nicht durch Stimmen geholfen, die sich dem Wandel verschliessen und behaupten, jetzt gehe es nur darum, für sich selbst das grösste Kuchenstück zu sichern.

Statt den Blick für Lösungen zu öffnen, vergiftet die Idee des Nullsummenspiels jedoch den Diskurs. Die Vorstellung, auf einem bestimmten Markt könne es nur Gewinner und Verlierer geben, schürt Misstrauen und Egoismus. Menschen arbeiten gegen- statt miteinander. Die Zivilgesellschaft wird geschwächt: Plötzlich geht es um alles oder nichts, deshalb ist alles erlaubt. Aus einem Wir-Gefühl wird ein Wir-gegen-Die-Gefühl. Die Idee des Wettbewerbs – ein grundsätzlich positiver Gedanke – wird pervertiert.

Besonders problematisch am Nullsummenspiel ist, dass seine Grundannahmen oft gar nicht zutreffen. Gerade in Handelsfragen hat es sich als schlechter Ratgeber erwiesen. Während des französischen Merkantilismus dachte man etwa, dass jedes importierte Gut zu Lasten der eigenen Wirtschaft gehe, da die globale Gütermenge unveränderlich sei. Daraus leitete man ab, dass man um jeden Preis exportieren müsse. Dass dieses System nicht aufgehen konnte, wurde klar, als andere Länder es kopierten – und niemand mehr von niemandem etwas kaufte.

Die Gesellschaft ist kein Nullsummenspiel

Wer den Austausch über die Marktwirtschaft als Nullsummenspiel betrachtet, liegt in den allermeisten Fällen falsch. Sogar noch mehr Vorsicht ist geboten, wenn es um Güter ausserhalb der Wirtschaft geht. Rechtspopulistische Parteien wie die AfD glauben, dass jeder weitere Zuwanderer zu Lasten der bereits anwesenden Bevölkerung gehe – sowohl wirtschaftlich als auch kulturell. Ähnliche Ideen haben sich selbst in der politischen Mitte eingenistet. In der Schweiz sieht etwa CVP-Präsident Gerhard Pfister die Kultur als Nullsummengut. Würden von Zuwanderern eingebrachte, neue Ansichten oder Gewohnheiten akzeptiert, so gehe dies auf Kosten der bisher vorherrschenden «christlichen Leitkultur».

Ähnlich wird auch in Bezug auf Minderheiten argumentiert. Männer fürchten Verluste durch gestärkte Rechte für Frauen, Inländer fürchten Verluste durch gestärkte Rechte für Ausländer, Heteros fürchten Verluste um ihre Ehe durch die Einführung der Ehe für Alle. Sämtliche dieser Gruppen vergessen jedoch, dass gesellschaftlich relevante Güter nicht in einer limitierten Menge zur Verfügung stehen.  So würde beispielsweise die Ehe für Alle keine Einschränkung für Hetero-Paare darstellen, denn sie können weiterhin von ihrem Recht Gebrauch machen, ohne dass ihre Heirat an Wert verlieren würde. Jedoch entsteht ein zusätzlicher Gewinn für bisher ausgeschlossene Gruppen, denen diese Möglichkeit nun auch offensteht.

Neben der wirtschaftlichen entspricht also auch die gesellschaftliche Liberalisierung der positive sum und nicht der Nullsumme. Dass Politiker dennoch simplifizierende Konzepte in die Runde werfen, um Stimmung gegen Öffnung und Liberalisierung zu machen, ist Grund zur Sorge. Nicht selten tun sie das sogar wider besseres Wissen, und machen das Nullsummenspiel so zur Nullsummenlüge. Aufmerksame Bürger sollten ihnen nicht auf den Leim gehen.

Nicolas Zahn ist Vorstandsmitglied bei der Organisation «Operation Libero».

 

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