Adriana Puente, wie viele Stunden Freiwilligenarbeit werden jährlich beim Corporate Volunteering geleistet?
Konkrete Zahlen, wie viele Unternehmen ihren Mitarbeitenden diese Möglichkeit anbieten, gibt es leider nicht. Was ich sagen kann: Die Angebote aus dem «Corporate Volunteering»-Programm, das der WWF anbietet, werden sehr gut angenommen. Rund 150 Firmen haben davon seit 2019 Gebrauch gemacht, viele davon mehrfach. 2024 wurden dabei 11’716 Stunden Freiwilligenarbeit geleistet. Das sind umgerechnet 1464 Arbeitstage à 8 Stunden. Tendenz steigend.

Das Programm beim WWF ist kostenpflichtig. Schreckt das viele Firmen nicht eher ab?
Früher war die Frage nach dem finanziellen Beitrag der Firmen tatsächlich ein Thema, das Unsicherheiten auslöste. Heute wissen die Unternehmen jedoch, dass solche Programme organisatorischen Aufwand und Kosten mit sich bringen. Beim WWF, wie auch bei vielen anderen Organisationen, werden die «Corporate Volunteering»-Einsätze vollständig von den Firmen finanziert. Wir möchten bewusst keine privaten WWF-Spenden dafür verwenden, sondern sicherstellen, dass die Unternehmen in eine hochwertige Erlebnisqualität investieren.

Welche Arbeiten verrichten die Teilnehmenden?
Solche, die aktiv zum Erhalt und zur Pflege biodiverser Landschaften beitragen. Dazu gehört unter anderem die Pflege von Trocken- und Alpweiden, Hecken, Mooren und Auen. Zudem schaffen die Teilnehmenden wertvolle Lebensräume für einheimische Tiere und Pflanzen, indem sie Kleinstrukturen wie Totholzhecken, Ast- und Steinhaufen anlegen und so die Vernetzung der Natur fördern. Auch die nachhaltige Landwirtschaft wird unterstützt – etwa durch Jäten, Ernten oder Heuen. Im Rahmen des Gewässerschutzes wird zudem Müll gesammelt.
 

Adriana Puente ist Co-Projektleiterin Corporate Volunteering beim WWF Schweiz und beantwortet unter naturaktiv@wwf.ch gerne Fragen zum Corporate Volunteering.

Adriana Puente ist Co-Projektleiterin Corporate Volunteering beim WWF Schweiz und beantwortet unter naturaktiv@wwf.ch gerne Fragen zum Corporate Volunteering.

Quelle: WWF Schweiz

Welche Art von Einsatz ist am begehrtesten?   
Bei ganztägigen Einsätzen sind das Pflegen von Trockenweiden, das Bauen von Bienenhotels und Einsätze mit landwirtschaftlichem Bezug sehr beliebt. Die häufigsten halbtägigen Einsätze sind Cleanups. Die meisten Einsätze finden in der Region Zürich, in der Ostschweiz oder im Berner Oberland statt.

Lohnt sich die Arbeit?
Definitiv! Bei unserer Wirkungsmessung aus dem Jahr 2024 kam beispielsweise heraus, dass fast 2000 Kilogramm Müll aus unserer Umwelt händisch gesammelt und fachgerecht entsorgt wurden.

Was für Rückmeldungen erhalten Sie?
Sehr positive. Teilnehmende schätzen die hohe Qualität der Einsätze und berichten, dass sie viel Neues lernen und ihren Horizont erweitern können. Die meisten Teilnehmenden sagen auch, dass das Engagement den Teamgeist stärkt und die Verbindung zur Natur intensiviert. Für viele ist es eine willkommene und angenehme Abwechslung zum Büroalltag – zugleich fühlen sie sich motiviert, etwas Sinnvolles zu tun und der Gesellschaft etwas zurückzugeben.

Welche Firmen sind bezüglich Corporate Volunteering in der Schweiz Vorbilder?
Aus unserer Sicht ist jedes Unternehmen vorbildlich, das seinen Mitarbeitenden Möglichkeiten anbietet, sich freiwillig zu engagieren. Viele Unternehmen, die mit uns «Corporate Volunteering»-Aktivitäten durchführen, haben ein vielfältiges und grosszügiges Programm und sind sehr gut organisiert. Wichtig ist es aus unserer Sicht, die Qualität der Einsätze mit Feedback laufend zu überprüfen und, wenn nötig, zu verbessern.

Wo gibt es generell Luft nach oben?
Firmen können sich verbessern, indem sie mehr Zeit und Budget für Corporate Volunteering bereitstellen und ihr Engagement gezielter dort einsetzen, wo der Bedarf besonders hoch ist. Statt an punktuelle Einsätze sollten sie langfristig denken: Beginnen könnte man mit einfachen Aktivitäten wie einem halbtägigen Cleanup und dann vertiefende Erlebnisse anbieten. Dazu gehört etwa ein ganzer Tag in einer Region wie dem Engadin oder dem Wallis. Spannend sind auch Workshops zu aktuellen Themen wie nachhaltige Ernährung oder was man selbst tun kann, um seinen Klima-Fussabdruck zu verbessern.

Im Einsatz gegen Litteringsünden: Corporate Volunteers bei einem Cleancup.

Im Einsatz gegen Litteringsünden: Corporate Volunteers bei einem Cleancup.

Quelle: WWF Schweiz

Im Einsatz gegen Litteringsünden: Corporate Volunteers bei einem Cleancup.
Warum braucht es die Vertiefung?

Weil so nicht nur mehr Wirkung, sondern auch ein Kulturwandel innerhalb des Unternehmens entsteht. Der WWF kann Firmen auf dieser Reise begleiten und helfen, eine engagierte Community aufzubauen, die das Thema Nachhaltigkeit im Unternehmen verankert.

Inwiefern zahlt sich Corporate Volunteering für die Firmen aus?
Es lohnt sich mehrfach. Firmen, die sich engagieren, profitieren von einer höheren Zufriedenheit ihrer Mitarbeitenden, haben intern eine bessere Reputation, und die Mitarbeitenden bleiben länger im Betrieb. Besonders für jüngere Generationen ist sinnstiftendes Engagement ein klarer Pluspunkt bei der Arbeitgeberwahl. Wer Corporate Volunteering anbietet, investiert in Menschen, Marke und Zukunft.

Gibt es Studien, die belegen, dass sich Corporate Volunteering lohnt?
Ja. Laut einer Studie von «Frontiers in Psychology» von 2018 erhöht Corporate Volunteering den Arbeitseinsatz und die Autonomie der Mitarbeitenden. Und es führt zu einer stärkeren Unterstützung durch Kolleginnen und Kollegen und Vorgesetzte. Gemäss einem Beitrag des «International Journal of Human Resource Studies» von 2016 steigert Corporate Volunteering zudem die Bindung von Mitarbeitenden an das Unternehmen, fördert Teamgeist, soziale Identifikation, Selbstwertgefühl und verringert Burnouts. Mitarbeitende nehmen sich sinnstiftend und kompetent wahr – was auch zu einer positiveren Wahrnehmung ihrer Arbeitgeber führt. Mitarbeitende, Firma, Umwelt – alle gewinnen. Ein Win-win-win-Effekt also.

In welchem Alterssegment kommt Corporate Volunteering am besten an?
Am aktivsten ist die Altersgruppe zwischen 35 und 54 Jahren. Sie bringt berufliche Stabilität und ein ausgeprägtes Verantwortungsgefühl mit. Ältere Mitarbeitende engagieren sich aber ebenfalls stark, meistens aus werte- und sozialorientierter Motivation. Viele jüngere Mitarbeitende schätzen vor allem flexible, sinnstiftende Programme, die auch ihre persönliche und berufliche Entwicklung unterstützen. Lernende benötigen oft mehr Motivation und Überzeugungsarbeit, um aktiv teilzunehmen.

Weshalb?
In dieser Lebensphase liegt ihr Fokus stark auf sozialen Themen. Daher kommen bei ihnen Programme, die den sozialen Aspekt betonen, besonders gut an. Gut gestaltete Volunteering-Angebote können alle Altersgruppen ansprechen – auf unterschiedliche Weise, aber mit gleicher Wirkung.

Können sich auch kleine Firmen Corporate Volunteering leisten?
Es buchen auch kleinere Firmen Einsätze beim WWF. Dies meist als besonderer Anlass, zum Beispiel zu einem Jubiläum, oder als jährliches Event, beispielsweise für ein Offsite-Meeting. Bei ihnen ist preislich oft entscheidend, wie gross eine Gruppe ist und wie lange der Einsatz dauern soll.

Wie finde ich heraus, ob in meiner Firma Corporate Volunteering möglich ist?
Am besten erkundigt man sich in der Personalabteilung. Existiert noch kein Programm, kann man dort auch anregen, Corporate Volunteering zukünftig anzubieten. Gute Argumente, wie die gesteigerte Arbeitszufriedenheit, können dabei helfen, Führungskräfte zu überzeugen.