Kein anderer Kassenkonzern wächst aktuell auch nur ­annähernd so stark wie die Helsana-Gruppe. Dies zeigt eine Umfrage der «Handelszeitung» unter den 15 grössten Anbietern. Bereits auf Anfang 2019 konnte die Helsana 66'000 neue Kunden in der obligatorischen Grundversicherung akquirieren.

Dieses Ergebnis hat die Nummer zwei der Branche auf Anfang 2020 deutlich übertroffen, wie die «Handelszeitung» aufgrund von Informationen aus Kassenkreisen schätzt. Damit gewann der von Daniel Schmutz geführte Konzern innert drei Jahren mehr als 170'000 Grundversicherte.

70 Millionen Franken an Provisionen für Vermittler

Das kostet. Branchenkenner gehen davon aus, dass die Helsana-Chefs gegen 70 Millionen Franken an Provisionen für Vermittler ausschütten, um dieses Wachstum zu generieren. Damit ist die Helsana nicht allein: Es sollen enorme Summen in Provisionen an Vermittler investiert worden sein, um neue Kunden anzubaggern.

Stark gewachsen ist auch die in Winterthur domizilierte Swica. Sie weist auf Anfang 2020 schätzungsweise rund 25'000 neue Grundversicherte aus. Zur Zürcher Sanitas Gruppe wechselten insgesamt 13'000 Kunden. Auf der Verliererseite steht die Berner KPT, die 18'000 Abgänge zu verzeichnen hat.

Ob die einstige Beamtenkasse am meisten Grundversicherte eingebüsst hat, steht noch nicht fest. Die Assura und die Groupe Mutuel halten sich bezüglich Entwicklung des Versichertenbestands bedeckt. Bei beiden Anbietern ist anzunehmen, dass sie wohl einen Verlust hinnehmen mussten. Bei der Assura seien sie gering, ist zu hören.

Versicherte wechseln innerhalb ihrer Versicherung

Auch wenn die Zahlen noch provisorisch sind, zeichnet sich ab:  Insgesamt war die Wechselbereitschaft der Versicherten schwächer als auch schon. Dies bestätigen die Sprecher der befragten Kassen. Grund dafür ist der moderate mittlere Prämienanstieg auf 2020 um lediglich 0,2 Prozent.

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Profitiert hatte, wer über gut gefüllte Reservepolster verfügte und Nullrunden oder Prämienabschläge präsen­tieren konnte. Dazu zählte die Sanitas Grundversicherungen AG. Deren mittlere Prämien seien auf Anfang Jahr um 0,6 Prozent gesunken, sagt Sprecher Christian Kuhn. «Wir konnten daher trotz tieferer Wechselbereitschaft ein erfreuliches Kundenwachstum von mehr als 2 Prozent verzeichnen.»

Um Prämien sparen zu können, hüpfen Versicherte aber oft nicht mehr zu ­einer anderen Kasse, sondern wählen ein günstigeres Angebot ihres Grundver­sicherers. So hält der Trend an, alternative Versicherungsmodelle wie ein Hausarztmodell abzuschliessen. Damit profitiert der Versicherte von einem Rabatt, weil sich mit diesen Angeboten Leistungskosten sparen lassen.

Aus diesem Grund offerieren die Kassen alljährlich neue Angebote. Denn Ver­sicherte optimieren ihre Prämie gemäss Swica-Pressesprecherin Silvia Schnidrig noch gezielter als in den Vorjahren: «Dabei stellen wir fest, dass in der Grundversicherung in erster Linie ein Modellwechsel stattfindet und in zweiter ­Linie die Franchise angepasst wird.»

Swica und Concordia wachsen trotz höherer Prämien

Bei der CSS entscheiden sich gemäss CSS-Sprecherin Christina Wettstein mittlerweile 90 Prozent aller neuen Kunden für ein alternatives Versicherungsmodell. Im Umkehrschluss heisse dies, dass die Zahl der Kunden abnehme, die eine ordentliche Grundversicherung abschliessen. Bei der Swica und der Concordia wählten vor ­einem Jahr noch weniger als 20 Prozent ein Standardmodell. Neu werden es noch weniger sein.

Zu den günstigsten Anbietern zählen die beiden Unternehmen nicht. Dennoch gelang es ihnen dank ihrer klaren Ausrichtung auf solche Modelle, in den letzten Jahren stetig zu wachsen. So erhöhte sich der Versichertenbestand der Concordia seit Anfang 2015 um mehr als 70'000 Kunden. Ähnlich stark zulegen konnten die Sanitas und die Visana. Die höchste Zunahme mit rund 140'000 Grundversicherten schaffte die Swica. In Prozentpunkten war es ein Nischenplayer: Die in Brugg domizilierte Bauernkasse Agrisano erhöhte den Bestand um rund 22 Prozent.

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Mehr als 100'000 Neukunden zog auch die CSS an und konsolidierte damit ihre Leaderrolle in der Grundversicherung. Sie weist erstmals seit mehreren Jahren einen geringen Kundenverlust aus. Gar nicht gering waren hingegen die Abgänge, welche die Groupe Mutuel hinnehmen musste. Deren Kassenchefs unterschätzten vor ­einigen Jahren den Kostenanstieg und schrieben deswegen hohe Verluste in der Grundversicherung.

Groupe Mutuel: Prämien stiegen überdurchschnittlich

Um das danach arg dezimierte Eigenkapital auf die gesetzlich notwendige Höhe zu schrauben, mussten die Walliser die Prämien überdurchschnittlich anheben. Dies goutierten die Kunden der einstigen Nummer zwei der Branche nicht: Der Bestand ist gegenüber 2015 um mehr als 230'000 auf zurzeit weniger als eine Million Grundversicherte geschrumpft.

Daneben verloren von den 15 grössten Anbietern seit 2015 auch die Aquilana, die EGK, die ÖKK und die Berner KPT Kunden. Letztere verzeichnet rund 24'000 Abgänge.

51 Grundversicherer

  • Als 1996 das neue Krankenversicherungsgesetz in Kraft trat, gab es 145 Grundversicherer. Heute sind es noch 51. Davon gehören 32 den 15 grössten Krankenkassenkonzernen.
  • Der grösste der 19 übrigen Grundversicherer, die Walliser Sodalis, hat rund 37'000 Grundversicherte, die kleinste, die Schwyzer Kasse Ingenbohl, hat rund 900.
  • Die Grossen wachsen auch auf Kosten der Kleinen: Ihr Marktanteil belief sich laut den aktuellsten Zahlen für das Jahr 2018 auf 2,3 Prozent. Das entsprach 194'600 Grundversicherten.