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Porträt
Ariel Lüdi - der Startup-Pate

Ariel Lüdi
Ariel Lüdi: Abenteuerlustiger Kapitalgeber. Quelle: Jannis Chavakis/13Photo

Vom Stuntman zum Millionär: Der Aargauer Ariel Lüdi revolutionierte den E-Commerce. Ein neues Projekt soll weltweit ein Erfolg werden.

Von Bastian Heiniger
am 13.04.2018

Mit einer Marketingplattform die Smartphones erobern, weltweit. Nichts Geringeres ist das Ziel von Ariel Lüdi und seinem Tech-Startup Mobilebridge. Vom barocken Anwesen in Cham ZG mit Ursprung im 17. Jahrhundert aus, wo ein breit angelegter Bach durch die weitläufige Gartenanlage plätschert, wo das Wiehern der im Gehöft untergebrachten Pferde für den höchsten Geräuschpegel sorgt, wo das Silicon Valley kaum entfernter zu sein scheint, von diesem Hort der Ruhe aus will Lüdi das Marketing revolutionieren. Dank digitaler Plattform und eigener Kryptowährung.

Es wäre ein Leichtes, das Vorhaben als Spinnerei von überambitionierten Nerds abzutun, stünde da nicht ein Mann dahinter, der Ähnliches bereits vollbracht hat: Lüdi übernahm 2004 eine zwölfköpfige Softwarebude namens Hybris – neun Jahre später verkaufte er das Unternehmen mit unterdessen 700 Mitarbeitern für 1,5 Milliarden Franken an den Softwaregiganten SAP. Heute ist Hybris Marktführer im E-Commerce. Weltweit nutzen Konzerne mit einem Online-Verkauf die Software – von Migros, Nespresso, Carlsberg zu Chanel und H&M. Von Levi’s, Nikon, Samsung zu Goodyear und Volkswagen. Jetzt will Lüdi nochmals durchstarten: So wie er mit Hybris den E-Commerce revolutionierte, so soll Mobilebridge das E-Marketing verändern.

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«Erste Marketinglösung, die Blockchain nutzt»

Lüdi steht an diesem sonnigen Märzabend im zum Event-Lokal umfunktionierten Hallenbad seines Anwesens in Cham. Leger gekleidet, mit Poloshirt und Nike-Sneakers, tritt er vierzig geladenen Geschäftsleuten gegenüber. Und erklärt ihnen, warum er Mobilebridge zu sich geholt und 7 Millionen Franken investiert hat. «Wir werden die erste Marketinglösung sein, die Blockchain nutzt und eine Kryptowährung hat», sagt er. Die Idee: Auf der Plattform namens Momentum kann jedes Unternehmen eigene Tokens anbieten – digitale Loyalitätspunkte. Tests laufen etwa mit Burger King in Russland.

Konkret: Je nach Interaktion zwischen Burger King und Kunde gibts eine gewisse Anzahl an Tokens – beim Kauf eines Burgers, bei der Teilnahme an einer Umfrage, beim Preisgeben von Informationen, beim Teilen von Beiträgen auf den sozialen Medien. Mit den Tokens kann der Kunde im Restaurant bezahlen. Gespeichert werden sie in einer Wallet-App auf dem Smartphone. Dort sind alle Tokens von den verschiedenen Unternehmen versammelt: von Restaurant, Hotel, Kleiderladen, Schuhgeschäft, Autoverleih bis zu Reisebüro oder Fluggesellschaft. Dank der dazugehörigen Kryptowährung Momentum lassen sich die verschiedenen Tokens untereinander austauschen. Heisst: Steht der Nutzer in einem Hotel, kann er seine Burger-King-Tokens via Momentum in jene des Hotels konvertieren und damit bezahlen. Dank der Blockchain-Technologie funktioniert das weltweit.

Vom Programmierer zum Millionär

Die in Cham anwesenden Geschäftsleute haben angebissen, löchern Lüdi mit Fragen. Stellen sie eine kritische, nach dem Motto, warum etwa ein Unternehmen wollen sollte, dass Kunden Loyalitätspunkte bei der Konkurrenz ausgeben, kommt Lüdi erst richtig in Fahrt. Mit leuchtenden Augen und weiten Gesten entgegnet er: «Erstens passiert das auch in die andere Richtung, zweitens werden so die Punkte überhaupt gebraucht.» Allein in den USA flössen jährlich 500 Milliarden Dollar in Loyalitätssysteme. Die Hälfte bleibe ungenutzt! Eine vergebene Mühe für Unternehmen, deren Bilanz dadurch belastet werde, eine verpasste Gelegenheit für Kunden. «Dank dem Austausch gehen die Punkte künftig nicht mehr verloren.» Die Geschäftsleute nicken anerkennend.

Dass Ariel Lüdi vom Programmierer zum Millionär und zum Entrepreneur wurde, war kaum vorauszusehen. Eigentlich war er Stuntman. Zwar entscheidet er sich nach der Kantonsschule für ein Physikstudium an der ETH – weil er schlecht ist in diesem Fach. Und das als Herausforderung sieht. Glücklich wird er aber nicht. Er bricht ab, reist in die USA, nimmt Gelegenheitsjobs an, widmet sich seiner Leidenschaft: dem Fallschirmspringen. 1981 kehrt er in die Schweiz und an die ETH zurück. Wird aber nicht Physiker, sondern bricht das Studium erneut ab und lässt sich zum Fallschirminstruktor ausbilden. Lüdi wird zum gefragten Stuntman.

Dreimal dem Konkurs entkommen

Für eine Filmaufnahme im Krüger-Nationalpark in Südafrika springt er samt einem Klavier auf der Höhe von 8000 Metern aus einer Hercules-Maschine. Nur: Irgendwann fühlt er sich intellektuell unterfordert und heuert bei IBM an – dank seinem Nebenfach Programmieren. 1988 landet er bei der damals noch kleinen US-Firma Oracle, steigt auf bis in die Geschäftsleitung, erlebt, wie Oracle zum Marktführer im Datenbank-Geschäft wird. Stellen folgen bei den IT-Firmen Broadvision und Salesforce, bis er schliesslich den Job antritt, der sein Leben verändert.

 

Name: Ariel Lüdi

Funktion: Entrepreneur und Investor

Alter: 59

Wohnort: Cham ZG

Familie: verheiratet, zwei Kinder

Ausbildung: Fallschirminstruktor, drei Semester Physik mit Nebenfach Programmieren an der ETH.

Das Unternehmen Nach dem Verkauf des Softwareunternehmens Hybris an SAP erwirbt Lüdi das Areal der ehemaligen Hammerschmiede in Cham ZG. Und gründet das Hammerteam, zu dem nach und nach neue Tech-Startups dazustossen. Lüdi fungiert als Investor, Unterstützer und teilweise als Verwaltungsrat.

Wie er dazu kam, erzählt Lüdi, während er über sein 20'000 Quadratmeter grosses Anwesen mit Villa, Häusern, Hallenbad und Pferdestall schreitet: 2004 investiert ein Schweizer Risikokapitalist in die noch kleine Softwarefirma Hybris. Der Kapitalgeber will Lüdi in den Verwaltungsrat hieven. Doch nach all den Jahren in Kaderpositionen strebt Lüdi nach mehr. «Ich komme nur, wenn ich CEO werde», sagt er, nimmt all sein Geld zusammen und kauft sich ein. «Wenn einsteigen, dann richtig.» Das zahlt sich aber nicht aus. Im Gegenteil.

Anfangs harzt das Geschäft, dreimal schrammt er am Konkurs vorbei. Muss aufs Haus und bei Freunden Kapital aufnehmen. Das war 2006. Fünf Jahre später ist Hybris Weltmarktführer. Wie war das möglich? «Wir hatten eine Vision, wie sich der E-Commerce entwickelt», sagt Lüdi. «Damals dachten alle nur an Websites. Wir setzten früh auf die Integration von Online-Shops, stationären Läden und mobile.» Zudem war für Kunden die Hybris-Software innerhalb eines Monats bereit. «Andere brauchten zum Einrichten einer E-Commerce-Lösung ein Jahr.»

Hypris sollte an die Nasdaq

2013 soll Hybris an die US-Börse Nasdaq. Das lockt den Softwareriesen Adobe an, der Hybris kaufen will. Lüdi entscheidet sich aber für SAP. Adobe sei aufgetreten, als wüsste sie alles besser. Der damalige SAPCEO und heutige Vorstandsvorsitzende Bill McDermott hingegen erzählte ihm, dass SAP selber schon hätte E-Commerce einbauen wollen, jedoch gescheitert sei und deshalb Hybris brauche. Diese Ehrlichkeit überzeugt. Der Deal steht und Lüdi ist ein gemachter Mann. Er erinnert sich, wie er in Zürich vor dem Globus stand und wusste, dass die Geldtransaktion bald abgeschlossen sein musste. «Es war ein ziemlich surrealer Moment, als ich auf meinem Handy im Bankkonto den dreistelligen Millionenbetrag sah.»

Nun galt es, zwei Dinge zu tun: Das Geld konservativ anzulegen und einen steuergünstigen Wohnsitz zu suchen. Diesen findet er in Cham. Lüdis Vorbesitzer, die Familie von Planta, erwarb die Liegenschaft der ehemaligen Hammerschmiede 1984 und investierte mehrere Millionen Franken, um den historischen Charme des Guts zu erhalten. 2013 musste sie schliesslich unter Wert an Lüdi verkaufen.

Investitionen in 20 Tech-Startups

Auch er schiesst Geld ein, renoviert und baut sich ein Unternehmenszentrum. Denn so konservativ wie er erst gedacht hat, legt Lüdi sein Geld dann doch nicht an: 30 Prozent des Vermögens stecken nun in zwanzig verschiedenen Tech-Startups, die er unter dem Brand Hammer Team zusammenschloss. Lüdi fungiert quasi als Vater, der sie finanziell, aber auch mit Rat und Tat unterstützt, Spezialisten etwa für Marketing und Verkauf bereitstellt. «Ich bin eigentlich ein Anti-Venture-Capitalist», sagt Lüdi. Statt auf Businesspläne und Zahlen achte er auf die Leute dahinter, ob es für die Idee einen Markt gibt. Verdient hat er bis anhin an seinen Startups noch nichts. «Man rechnet mit acht Jahren bis zu einem erfolgreichen Exit.» Es bleibe also noch etwas Zeit.

Bis Ende Mai läuft der Verkauf der Momentum-Token von Mobilebridge; 20 bis 40 Millionen Franken will das Startup einnehmen. Und dann angreifen.