Wie ein Reiskorn lässt sich der Chip unter meiner Haut bewegen. Mit seiner Hülle aus hochpoliertem Glas, die dafür sorgt, dass er nicht mit den umliegenden Haut- und Muskelschichten verwächst, ist er Fremdkörper und Körperteil zugleich.

Dieses Reiskorn, das ich seit vier Monaten in meiner Hand habe, hat gleich mehrere Funktionen: Erstens soll es meine Visitenkarten ersetzen. Zweitens soll es meine Schlüssel überflüssig machen. Und drittens soll es mir zeigen, wie eine Welt aussieht, in der man wichtige Dinge wie Identitätsausweise oder Zahlungsmittel nicht mehr bei sich, sondern in sich trägt. Deshalb habe ich mir vor vier Monaten diesen Chip in meine linke Hand implantieren lassen.

Ausgestattet ist der RFID-Chip mit Nahfeldkommunikationstechnik (NFC). Eine Technik, die mithilfe elektromagnetischer Wellen dafür sorgt, dass berührungslos Signale ausgetauscht werden. Diese Technik funktioniert bei einem Badge, mit dem ich die Bürotür öffne, bei einer gechippten Katze, die damit lokalisiert werden kann und seit kurzem auch in meiner Hand. Jedem steht es frei, sich einen Chip in den Körper schiessen zu lassen. Nur zwingen darf einen beispielsweise eine Firma bisher nicht dazu. Aber vielleicht ist Zwang gar nicht nötig, weil die Chips so praktisch sind? Ob das so ist, möchte ich herausfinden.

Der Eingriff

Das Studio «Mitico Bodycult» in Zürich-Oerlikon ist der erste Chip-Implanteur der Schweiz. Seit gut zwölf Monaten kann man sich dort einen Chip unter die Haut schieben lassen. Der Gründer Deady Leemann liess sich den ersten Chip, den er implantierte, extra in Asien anfertigen. «Unsere Zielgruppe waren Leute aus der Body-Modification-Szene und Leute, die den Trend von Anfang an mitmachen wollten», erklärt er. Bevor ich mir einen Chip implantieren lasse, bespreche ich mit dem Studioinhaber, welche Daten ich auf meinem Chip haben möchte. Zuerst werden alle Informationen meiner Visitenkarte auf den Chip übertragen. Aber auch wenn der Chip später unter meiner Haut ist, kann ich ihn mit neuen Informationen beschreiben und beispielsweise eine nicht mehr aktuelle Handynummer austauschen.

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Der Eingriff dauert kaum 10 Minuten (siehe Video). Der Chip, gefüllt mit meinen Daten, sitzt in der Röhre einer weissen Spritze, die sonst für Tiere verwendet wird. Bevor Leemann die Spritze ansetzt, sucht er eine passende Körperstelle. Die Hand – und dabei vor allem der Bereich zwischen Daumen und Zeigefinger – eignet sich besonders gut. Erstens ist der Chip hier gut geschützt und kann auf die natürlichste Art, etwa bei einem Türöffnungssystem, verwendet werden.

Schmerzlevel eines Bienenstichs

Nachdem die Hautstelle desinfiziert ist, wird die Haut nach oben gezogen und die Spritze angesetzt. Mit einem Stoss wird der Chip platziert. Das Schmerzlevel ist höchstens mit dem eines Bienenstichs vergleichbar. Nachdem die Spritze entfernt worden ist und nur eine kleine, runde Wunde hinterlässt, wird das Technikteil noch in seine optimale Position gebracht. Anschliessend wird die Hautstelle mit einem Pflaster zugeklebt. Die Miniwunde verheilt innerhalb von ein bis zwei Tagen.
«Der Chip ist nicht batteriegetrieben», erläutert Leeman. Man braucht ein NFC-Gerät, beispielsweise ein Smartphone, als Gegenpart. Die Reichweite des Chips ist sehr klein, was ein Vorteil ist, damit nicht ­Daten ohne mein Wissen abgesaugt werden können.

Auch ferngesteuert werden könne man durch den Chip nicht, wie Leemann auf seiner Website potenzielle Kunden beruhigt. Und von diesen Kunden gibt es inzwischen ziemlich viele. So etwa einen Mann, der mithilfe des Chips sein Elektrofahrrad entsperrt, oder jemand, der sich den Namen und Geburtstag seines Partners auf den Chip schreiben lässt. Für den Chip inklusive Implantation bezahle ich 150 Franken. Wenn jemand mehr Speicherplatz auf seinem Implantat haben will, werden 10 Franken Aufpreis fällig.

Hände mit Zauberkraft

Um den Chip und seine Funktionen zu testen, fliege ich nach Stockholm. Dort besuche ich eine Firma, in der sich jeder Mitarbeiter nach Unterschreiben seines Arbeitsvertrags einen Chip einpflanzen lässt und wo Badges zur Türöffnung überflüssig geworden sind. Den Security-Check am Flughafen passiere ich problemlos. Der Metalldetektor kann meinen neuen Begleiter nicht erkennen.
Nur wenige Strassen neben dem königlichen Schloss in Stockholm, in einem riesigen Komplex, den die Stadt für Startups bereitgestellt hat, befinden sich die Büros von BioNyfiken. Ein Unternehmen, das sich der Erforschung moderner Arbeitswelten verschrieben hat. Dort sitzt Hannes Sjöblad, der als «Chief Disruption Officer» für die Organisation arbeitet. Die Atmosphäre ist startup-mässig locker, aber mit skandinavisch-edlem Schick: Am Büffett wird schwarzer Pudding serviert, die Pullover der Startup-Gründer sind genauso teuer wie die Designermöbel in der Firmenmensa.

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Ich habe Hannes Sjöblad schon am Telefon von meinem Chip erzählt und natürlich will er meine Kontaktdaten direkt aus meinem Chip herauslesen. Er hält sein Handy über meine Hand und schon hat er sich alle Informationen über mich gezogen.
Auch die Türen lassen sich mit den implantierten Chips problemlos öffnen. Die Aktivierung der Computer funktioniert über eine Berührung mit der Hand. Es scheint, als wären unsere Hände mit Zauberkraft ausgestattet. In Schweden hätten sich bereits 300 Menschen ­einen Chip implantieren lassen, erklärt Sjöblad. «Ich verwende mein Implantat für viele Dinge, so wie andere Menschen Schlüsselanhänger oder Chip-Karten nutzen. Ich erhalte damit Zugang zu meinen Büroräumen, logge mich dort in verschiedene Systeme ein, wie etwa beim Kopierer, und schalte damit nachts die Alarmanlage ein. Ausserdem verwende ich mein Implantat, um im Fitnesscenter Zutritt zu erhalten und in verschiedenen Geschäften in Schweden an Treueprogrammen teilzunehmen.»

Fragen zum Datenschutz

Seiner Meinung nach werden alle Technologien, die wir heute noch in der Tasche oder am Arm tragen, irgendwann so klein, dass es bequemer sein wird, sie einfach unter die Haut zu implantieren. Bei BioNyfiken entfallen Dinge, die es in 99 Prozent der Firmen weltweit häufig gibt: Menschen vergessen ihr Passwort, verlieren ihre Schlüssel, aktualisieren ihre Sicherheitscodes nicht. Zudem ist es garantiert, dass wirklich nur die Mitarbeiter Zutritt zum Büro haben. Theoretisch lassen sich sogar die Bewegungsprofile der Mitarbeiter tracken.  «Die Themen Datenschutz und Datensicherheit werden durch diese Technologie aber viel stärker in die öffentliche Debatte gelangen», so Sjöblad.

Die Kritik an den Körper-Chips ist bereits jetzt so stark, als würde morgen ein Zwangsschippen aller Büroarbeiter drohen. Fast jeder, dem ich von meinem Chip erzähle, reagiert erstaunt und schliesst für sich aus, dass er sich jemals einen Chip einpflanzen lassen würde. Sjöblad glaubt, dass diese Skepsis dann weicht, wenn die Technologie der Chips noch ausgereifter ist und die Implantierung weniger brachial als mit einer Spritze vor sich geht. Beispielsweise dann, wenn man den Chip wie ein Tablette schlucken kann. Es gibt momentan im ganzen deutschen Sprachraum und wohl auch in ganz Europa keinerlei Rechtsprechung zu den Chips im Arbeitsleben.

Ein Artikel aus dem Arbeitsrecht, der die Chip-Thematik berühren könnte, sei jener, der den Mitarbeitenden körperliche Unversehrtheit garantiere, erklären mir Gewerkschafter. Damit könne kein Angestellter dazu gezwungen werden, sich einen Chip implantieren zu lassen. Aber hat die 1 mal 1 Millimeter kleine Wunde, die mir vom Chip geblieben ist, wirklich meine körperliche Unversehrtheit verletzt? Datenschutz hingegen ist wie bei vielen digitalen Entwicklungen das Hauptargument, das ­gegen die Technologie spricht. Zwar könne beispielsweise durch Bewegungstracking die Sicherheit, etwa in Gefängnissen oder Atomkraftwerken, erhöht werden, gleichzeitig brauche es aber klare Regeln, was der Arbeitgeber wann von einem Mitarbeitenden über ­einen Körper-Chip erfahren dürfe.

Angst vor Überhitzung

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Für Biohacker, also jene, die es sich zur Aufgabe machen, den menschlichen Körper durch Erweiterungen zu optimieren, sind die Chips die Vorhut von etwas ganz Grossem.  In der heutigen Technologie, die auch in meiner Hand ist, sehen sie nicht mehr als «Schrott». Dieser Schrott sei aber die Basis für eine Entwicklung, deren Endpunkt kaum abzuschätzen sei.

Für mich stellt sich erst mal die Frage, wie lange ich meinen Chip noch tragen möchte. Er funktioniere bis zu 30 Jahre lang einwandfrei, versicherte mir der Chip-Implanteur. Nur bei einer Computertomografie könne der Chip überhitzt und damit ausser Gefecht gesetzt werden. Ob man als Chip-Träger von dieser «Überhitzung» etwas spürt, weiss ich nicht. Der Chip kann, wenn man es will, problemlos mit wenigen Schnitten wieder aus der Hand entfernt werden. Vor der Implantation dachte ich, ich behalte den Chip höchstens für einen Monat. Inzwischen habe ich mich an das Reiskorn gewöhnt. Es ist Fremdkörper und Körperteil zugleich – ein Fremdkörper, der meinem Körper zusätzliche Fähigkeiten gibt. Eigentlich dachte ich, das geht nur in Kindheitsträumen.

 

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