Die Schweiz gilt laut einem neuen Bericht des US-Treasury wieder als potentielle Währungsmanipulatorin. Wie stark wird dieser Status die Beziehungen belasten?
Er wird sie gar nicht belasten. Die Schweiz war jahrelang auf der Beobachtungsliste gewesen, jetzt ist sie es erneut, als eines von zehn Ländern. Wir haben von diesen zehn Ländern eines der kleinsten Handelsdefizite. Diese Einstufung ist nicht dramatisch, sie ist sehr technisch.

Martin Naville, CEO der Swiss-American Chamber of Commerce am 14. Juli 2005 in seinem Buero in Zuerich. (KEYSTONE/Martin Ruetschi)  === ,  ===

Martin Naville leitet seit 2004 die Handelskammer Schweiz-USA. Zuvor arbeitete der studierte Jurist für die Boston Consulting Group. Die Swiss-American Chamber of Commerce (Amcham) zählt gut 2500 Mitglieder.

Quelle: Keystone

Medien spekulierten, dass die USA neue Zölle auf Schweizer Pharmaexporte einführen könnten. Die USA erheben ja bereits Zölle auf Schweizer Stahl.
Bei den Stahlexporten sprechen wir von Waren im Wert von 82 Millionen Franken. Davon sind sechzig Prozent von den Zöllen ausgenommen. Es geht hier um ein kleines Ärgernis. Die Meldung, dass Zölle auf Pharmaprodukte kommen könnten, kursierte nur in Medien. Die Schweizer Regierung hat das überprüft, unter anderem durch Bundesrat Guy Parmelin beim Handelsbeauftragten Robert Lighthizer. Das Gerücht wurde nie bestätigt.
 
Es drohen also keine zusätzlichen US-Zölle?
Sicher nicht direkt gegen die Schweiz. Falls ein neuer Streit mit den EU oder China über Zölle ausbricht, könnte die Schweiz auch getroffen werden. Direkte Zölle der USA gegen die Schweiz sind nicht realistisch.
 
Die Schweiz möchte einen neuen Freihandelsvertrag mit den USA. Wird der Platz auf der Beobachtungsliste dieses Vorhaben erschweren?
Möglich ist das schon. Wenn wir das Verhältnis aber etwas breiter betrachten, haben die USA einen massiven Überschuss bei den Dienstleistungen, es gibt einen massiven Überschuss an Schweizer Arbeitsplätzen in den USA. Die Liste lässt sich fortsetzen: Einen Überschuss weisen die USA auch bei den Direktinvestitionen, den Ausgaben für Forschung und Entwicklung sowie den Steuergeldern aus, die die Schweizer Konzerne in Amerika zahlen. Zusammengenommen haben wir hier eine Win-Win-Situation, wenn nicht sogar einen wirtschaftlichen Vorteil für die USA.
 
Wie stehen die Chancen für einen neuen Freihandelsvertrag?
Die Chancen sind sehr realistisch. Es gibt viel Wohlwollen, Goodwill, für Verhandlungen innerhalb des US-Kabinetts und vonseiten des Präsidenten. Die Problematik sind die Prioritäten und die Ressourcen des US-Handelsbeauftragen. Er hat etwa 120 Verhandler in seinem Team, und viele laufende Handelsgespräche, mit China, der EU, UK, Vietnam, Japan oder Russland. Die Frage ist, ob die Schweiz auf der Prioritätenliste nach oben rutscht. Das Weltwirtschaftsforum könnte die Situation deblockieren.

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«Zusammengenommen haben wir hier eine Win-Win-Situation, wenn nicht sogar einen wirtschaftlichen Vorteil für die USA.»

Rechnen Sie mit einem Durchbruch am Weltwirtschaftsforum in Davos?
Es könnte zu formellen Gesprächen führen. Ein inhaltlicher Durchbruch ist nicht zu erwarten. Voraussichtlich wird Donald Trump Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga treffen. Es werden sehr viele andere Sitzungen stattfinden mit den Mitgliedern des US-Kabinetts, die nach Davos reisen. Das könnte einen Durchbruch beim Prozess für den Freihandelsvertrag ermöglichen.
 
Müsste ein neue Freihandelsvertrag vor den US-Präsidentschaftswahlen zustande kommen? Donald Trump kämpft ja diesen Herbst um eine zweite Amtszeit.
Einen Abschluss vor den Wahlen ist unmöglich. Falls der Prozess bald startet, würde er sich nach einem Wahlsieg von Trump und den Republikanern sicher fortsetzen. Sollten die Demokraten gewinnen, würde es von den Plänen der neuen Regierung abhängen. Ein Abbruch wäre aber nicht garantiert, denn auch auf demokratischer Seite werden Freihandelsgespräche mit einem Land wie die Schweiz sehr positiv betrachtet.
 
Wie würde sich das bilaterale Verhältnis verändern, sollte eine Demokratin oder ein Demokrat gewinnen?
Die Frage ist sehr spekulativ. Die Palette an den demokratischen Präsidentschaftsbewerbern – von Elizabeth Warren, über Bernie Sanders zu Joe Biden – ist unglaublich breit. Voraussagen zu machen, wäre unseriös. Aber die Wirtschaftsbeziehungen waren unter Demokrat Clinton, Republikaner Bush und Demokrat Obama immer sehr positiv. Die Schweizer Exporte haben sich jährlich um etwa zehn Prozent erhöht. Wenn wir die letzten Jahre betrachten, müssen wir keine grossen Veränderungen erwarten.

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