Es gab einmal eine Zeit, da war der Goldmarkt genauso meschugge wie der Handel mit Bitcoin und anderen Kryptomünzen heute. Vor genau 40 Jahren drehten Anleger regelrecht durch und verfielen in einen Edelmetallrausch. Im Januar 1980 bestellen Sparer an den Bankschaltern so viel Münzen und Barren, wie sie kriegen konnten. Gold physisch zu besitzen war das Gebot der Stunde. «Reiche Spekulanten kaufen tonnenweise, kleine Sparer laufen von Bank zu Bank, um Münzen und Barren zu erstehen», notierte damals ein grosses deutsches Nachrichtenmagazin und diagnostizierte: «Das Goldfieber hat die Menschen gepackt.»

Beim neuerlichen aktuellen Höhenflug des gelben Metalls fühlt sich so mancher an die Euphorie des Jahres 1980 erinnert. Das wäre allerdings eine eher beunruhigende Parallele für Fans des Edelmetalls. Denn auf das Goldfieber folgte eine viele Jahre dauernde Golddepression. Umso wichtiger ist es, die Situation damals und heute genau miteinander zu vergleichen. Es ist einer der Fälle, wo die Kenntnis der Geschichte nicht nur zur Bildung, sondern zur Vermögensbildung (und zur Vermeidung von Verlusten) beiträgt.

Im Winter 1979/1980 vollführte der Goldkurs wahre Kapriolen, es schien unaufhaltsam nach oben zu gehen, hinauf in Preisdimensionen, die noch wenige Jahre zuvor unvorstellbar erschienen. Edelmetall schien das letzte Refugium zu sein, die Nachfrage privater wie institutioneller Investoren war immens. Hatte die Unze (31,1 Gramm) noch im Sommer 1979 an den Rohstoffmärkten weniger als 300 Dollar gekostet, so waren es jetzt 600 Dollar – eine Verdopplung in weniger als einem halben Jahr. Was war passiert?

Schon damals spielten Ereignisse im Iran eine Rolle: Anfang November 1979 hatten iranische Studenten, angeführt von fanatischen Anhänger des Ajatollah Khomeini, die US-Botschaft in Teheran besetzt und US-Bürger als Geiseln genommen. Mitten in der Ölkrise nahmen die Spannungen noch einmal gefährlich zu. Die Krise um die 52 Geiseln zog sich hin, als an Weihnachten 1979 sowjetische Truppen in Afghanistan einfielen. Die geopolitische Welt schien in Brand zu geraten.

Am 21. Januar 1980 wurde an der New Yorker Börse ein sensationeller Höchstpreis von 850 Dollar erreicht. Das war die bis dato höchste Spot-Notierung für das Edelmetall, das noch zehn Jahre zuvor bei 35 Dollar gefixt war. Analysten riefen die 1000-Dollar-Marke als Kursziel aus. Doch wer jetzt, nach einer Dekade Hausse, auf den mit Höchstgeschwindigkeit fahrenden Gold-Zug aufspringen wollte, wurde vom Markt schon bald abgestraft.

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Als der Dritte Weltkrieg auf sich warten liess, kollabierte der Edelmetall-Markt über Nacht. Schon im März 1980 war der  auf unter 500 Dollar zurückgefallen. Es war der Beginn einer jahrzehntelangen Goldbaisse. Erst im Jahr 2007, also 27 Jahre später, wurden wieder Goldkurse nördlich von 800 Dollar erreicht. Für Anleger stellt sich die Frage, wie sie eine Manie von einer gerechtfertigten und langfristig nachhaltigen Preisentwicklung unterscheiden können. Einen ersten Hinweis liefert das Ausmass des Wertzuwachses: Von der Jahrtausendwende bis zum 7. Januar 2020 ist der Goldpreis in Dollar gemessen um 444 Prozent gestiegen. Seinerzeit waren es mehr als 2300 Prozent.

Doch Ausmass und Länge einer Rallye allein liefern noch keinen hinreichenden Anhaltspunkt, wann ein Vermögenswert überbewertet oder Crash-gefährdet ist. Bei Aktien fungieren das Kurs/Gewinn-Verhältnis (KGV) oder das Kurs/Cashflow-Verhältnis als Massstab. Entfernt sich die Bewertung zu sehr von der langfristigen Trendlinie, deuten das Experten als Warnsignal. Doch beim Sachwert Gold lässt sich kein KGV ermitteln.

«Die Bewertung des Goldes ist in der Tat eine ganz besonders schwierige», erklärt Thorsten Polleit, Chefvolkswirt von Degussa Goldhandel. Es gibt nach wie vor keine mechanische Formel, die es gestatten würde, den Goldpreis als teuer oder günstig einzustufen. Dennoch gibt es natürlich Faktoren, die den Goldpreis bestimmen – wenngleich ihr Einfluss in der Zeit variiert. Dazu gehören zum Beispiel die globale Geldmenge und das Zinsniveau.

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Wie sich heute einige auf Kryptowährungen wie Bitcoins stürzen, fielen Anleger vor 40 Jahren in einen Edelmetallrausch.

Quelle: unsplash

Vor allem der Blick auf die Zinsen, also das, was Anleger mit Staatsanleihen erzielen können, offenbart einen grossen Unterschied zwischen 1980 und 2020. Die restriktive Geldpolitik des damaligen US-Notenbankchefs Paul Volcker führte dazu, dass Halter amerikanischer Staatsanleihen mit einer Rendite rechnen konnten, die gleich mehrere Prozentpunkte über der Inflationsrate lag. Gegen alle Proteste auch im eigenen Land wuchtete Volcker die Verzinsung nach oben, während die Preissteigerung zurückging. Vorübergehend betrug die Realrendite (also die Differenz zwischen Verzinsung und Geldentwertung) neun Prozent.

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US-Staatsanleihen waren nun unwiderstehlich attraktiv für Anleger, das Kapital floss aus dem Goldmarkt in den Anleihenmarkt. Daran änderten auch die politischen Unwägbarkeiten der Jahre 1981 bis 1983 wenig, die Historiker heute für die riskantesten Jahre des Kalten Krieges halten.

Die Notierungen der «Krisenwährung» zogen zwar immer mal wieder an, aber nur kurzfristig. «Politische Ereignisse haben in der Regel nur vorübergehende Auswirkungen auf den Goldpreis», sagt Polleit.

Das Edelmetall werde von vielen Anlegern als «sicherer Hafen» angesehen. Daher steige die Nachfrage in Zeiten, in denen Anleger verstärkte Risiken verspüren, doch ebbt die Sorge wieder ab, gebe auch die Goldnachfrage wieder nach. Gegenüber so hohen Zinsen konnte das unverzinste Gold keine Strahlkraft mehr entwickeln.

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Heute bietet sich ein vollkommen anderes Bild: Lang laufende Staatsanleihen werfen nominal 1,8 Prozent Zins ab – bei einer Inflation oberhalb von zwei Prozent. Sparer verlieren also real Geld. Von Fed-Chef Jerome Powell wird erwartet, dass der die Leitzinsen 2020 eher senkt als erhöht, also genau das Gegenteil von dem macht, was sein Vorgänger Volcker tat. In Europa ist die Situation noch dramatischer, da die EZB alles daran setzt, die Inflation auf ein bestimmtes Niveau zu hieven, und dafür auch Negativzinsen einsetzt.

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Doch auch für Gold lässt sich eine Ratio zu Hilfe ziehen, um ein Gefühl für das Bewertungsniveau zu erhalten. Dividiert man den Stand des US-Leitindex Dow Jones durch den Unzenpreis, zeigt das an, wie Aktien und Edelmetall zueinander stehen. Im Jahr 1980 waren Börsenpapiere im Verhältnis zu Gold extrem billig. Im Gegenzug erschien der Rohstoff überteuert.

Der Stand des US-Leitindex entsprach in etwa dem Goldpreis. Knapp zwei Dekaden später, im Jahr 1999 hingegen stand der Dow Jones 40 Mal so hoch wie die Feinunze. Jetzt waren Aktien überbewertet, Gold dagegen spottbillig. Weshalb sich Edelmetallkäufe zu diesem Zeitpunkt, als kaum ein Finanzexperte viel auf das «barbarische Relikt“ Gold gab, besonders auszahlten.

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Von Jerome Powell wird erwartet, dass er die Leitzinsen 2020 eher senkt als erhöht.

Quelle: Keystone

Heute rangiert die Dow-Jones-Gold-Ratio bei knapp unter 20, ein Stück oberhalb des arithmetischen Mittels von 13,5. Das Edelmetall scheint also weder extrem teuer noch extrem billig – was spiegelbildlich allerdings auch für Aktien gilt. Würde der Goldmarkt in einen ähnlichen Wahnsinn verfallen wie 1980, wären Unzenpreise jenseits von 10'000 Dollar denkbar.

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Damit rechnet jedoch kein namhafter Beobachter. Selbst Gold-Optimisten nennen allenfalls Preisziele von 1800 Dollar, was immer noch unter dem historischen Hoch zurückbliebe, das das gelbe Metall im September 2011 bei rund 1900 Dollar verzeichnete. Nach unten hin dürfte bei 1200 Dollar ein starker Widerstand liegen, schon mehrere Male prallte der Goldpreis an dieser Marke ab.

Selbst wer die langfristigen Chancen von Gold richtig einschätzt und Gold als Vermögensstabilisator und Schutz vor Negativ-Zinsen nutzt, kann beim Investieren gravierende Fehler machen. Das Hauptproblem bei der Geldanlage in Gold bilden die Transaktionskosten. Wer kleine Stückelungen kauft, zum Beispiel 1-Gramm-Barren, zahlt bis zu einem Fünftel an Aufgeld (Agio). Dieses Aufgeld ist unweigerlich verloren. Daher sollten Langfrist-Investoren grössere Gewichtsklassen bevorzugen.

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Die gefragtesten Goldmünzen in Deutschland sind der Krügerrand aus Südafrika, der Maple Leaf aus Kanada und der Philharmoniker aus Österreich, und hier sind es die Münzen mit einem Gewicht von einer Unze (31,1 Gramm), die besonders beliebt sind.

Bei den Barren bevorzugen Gold-Käufer Unzen-Barren sowie Barren im Gewicht von 100 Gramm: «Als typische Investment-Produkte mit einem besonders guten Preis-Leistungs-Verhältnis – oder in diesem Fall besser gesagt: Preis-Gramm-Verhältnis – gelten die klassischen Gold-Unzen sowie Barren ab 100 Gramm», erklärt Benjamin Summa vom Edelmetallhandelshaus Proaurum.

Das Aufgeld liege normalerweise nur bei wenigen Prozent. Allerdings haben kleine Stückelungen zumindest einen Vorteil: «Bei kurzfristigem Finanzbedarf müssten diejenigen, die ihren Goldschatz ausschliesslich mit 100-Gramm-Barren aufbauen, einen der Barren verkaufen, selbst wenn sie nur einen Bruchteil des Gegenwertes benötigen», merkt Summa an. Kleinere Barren oder Münzen böten hier grössere Flexibilität. Eine Faustformel lautet daher, neben Standardprodukten stets einen Anteil an kleinen Gold-Stückelungen im Portfolio zu besitzen.

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Für besonders kostenbewusste Investoren bieten sich jedoch Indexprodukte an, die mit physischem Gold hinterlegt sind. Der Xetra-Gold (WKN: A0S9GB) hat eine jährliche Verwaltungsgebühr von 0,36 Prozent und lässt sich bei vielen Discount-Brokern als Sparplan besparen oder günstig erwerben. Eine Alternative ist der Euwax Gold II (WKN EWG2LD). Bei dieser Inhaberschuldverschreibung entstehen keine laufenden Kosten für die Verwahrung, Verwaltung und Versicherung des hinterlegten Edelmetalls. Den Anlegern wird lediglich beim Kauf ein Aufschlag auf den Goldpreis berechnet.

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Kursgewinne, die mit diesen Produkten erzielt werden, behandelt der Fiskus wie Wertzuwächse in physischem Gold: Veräusserungsgewinne sind also nach einem Jahr Haltedauer steuerfrei. Gegen eine Gebühr werden die Barren zudem ausgeliefert.

Sparer, die sich auch in der Edelmetall-Baisse nicht davon abbringen liessen, jedes Jahr ein paar Unzen zurückzulegen, wurden belohnt. Wer damit zum Beispiel vor 30 Jahren begann, konnte bis heute eine Jahresrendite von 6,4 Prozent erzielen, selbst wenn fünf Prozent Agio auf den jeweiligen Goldkurs einkalkuliert werden. Aus 1000 Euro, die jedes Jahr seit 1987 kurz vor Silvester in das Edelmetall investiert wurden, über die gesamte Zeitspanne also 33'000 Euro, sind bis heute gut 100'000 Euro geworden. Gold ist eben ein Investment für Geduldige.

Dieser Artikel erschien zuerst im Bezahlangebot der «Welt» unter dem Titel: «Das Goldrausch-Déjà-vu».

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