Gary Shilling redet nicht lange um den heissen Brei herum. Gleich in der Überschrift seines neuen Investorenbriefs macht er unmissverständlich klar, was seiner Meinung nach auf uns zukommt: «Alles wie 1929?», fragt er in der Maiausgabe des vielbeachteten Newsletters «Insight».

Auf 32 Seiten führt der Investmentveteran aus, was ihn an den Märkten von heute alles an die Weltwirtschaftskrise erinnert. Und das ist eine ganze Menge.

«Lassen Sie sich nicht in die Irre führen»

«Die Geldanlage-Landschaft ähnelt mehr und mehr dem Crash von 1929 und der Grossen Depression Anfang der 1930er-Jahre», schreibt der 1937 geborene Investor, der sich nebenbei als Hobby-Imker betätigt. «Lassen Sie sich nicht von der jetzigen Erholung am Aktienmarkt in die Irre führen», warnt er Anleger eindringlich. 

Nicht nur aus Shillings Sicht sind die beunruhigenden Parallelen unübersehbar. Eine ganze Reihe namhafter Ökonomen und Auguren überzeugt der Aufschwung an den Börsen derzeit überhaupt nicht.

Sie halten den Kursanstieg im besten Fall für eine «Bärenmarktrallye», also das letzte, kurze Aufbäumen eines sterbenden, in die Jahre gekommenen Zyklus: Die Krise von 2020 wird sich als das Vorbeben grösserer historischer Verschiebungen erweisen, die niemanden ungeschoren lassen, mahnen die modernen Kassandras.

«Obwohl das Coronavirus das zerstörerischste wirtschaftliche, finanzielle und soziale Ereignis seit dem Zweiten Weltkrieg mit ebenso weitreichenden Folgen ist, glauben viele, dass die Situation bald unter Kontrolle sein wird und dass die massiven monetären und fiskalischen Stimuli die Wirtschaft nicht nur stabilisieren, sondern auch beleben werden», sagt Shilling. Doch das dicke Ende stehe noch bevor.

V steht für eitle Hoffnung

Es waren vor allem Hoffnungen, die die Aktienmärkte nach oben trieben: Der amerikanische S&P500-Index kletterte von seinem Mehrjahres-Tief am 23. März bis zum Zwischenhoch Ende April um fast ein Drittel.

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Diese fulminante Rallye betrachten viele als den Beginn eines neuen Bullenmarktes bei Aktien und die ultimative Bestätigung dafür, dass die Weltwirtschaft eine V-förmige Erholung schafft.

Die Pessimisten halten das V-Szenario jedoch für eine eitle Hoffnung, die am Ende an der Realität zerschmettern muss. Der prominente Ökonom Nouriel Roubini beispielsweise sieht ökonomisch allenfalls eine U-förmige Erholung.

«Negative Angebotsschocks»

Und auch diese verzögerte Rückkehr zum Wachstum sollte niemanden darüber hinwegtäuschen, dass die Welt in den 2020er-Jahren eine andere sein wird – eine, die an die Grosse Depression der 1930er-Jahre erinnert. Jene Dekade war von ökonomischer Volatilität und hoher Arbeitslosigkeit geprägt.

Roubini hat dieser neuen Krisenära ein ganzes Buch gewidmet, in dem er zehn Gründe für den Bruch mit der bisherigen Zeit des Wachstums aufführt.

Allen voran nennt der New Yorker Ökonom die hohe Schuldenlast, die eine Bürde für künftige Generationen darstellt. Nicht nur Staaten hätten in den vergangenen Jahren einen Teil der Zukunft verfrühstückt. Auch Unternehmen hätten zugeschlagen und beispielsweise für milliardenschwere Aktienrückkäufe neue Verbindlichkeiten angehäuft.

Für noch fataler hält der Prophet, der bereits vor dem Absturz von 2008 warnte, einen anderen Trend: die Deglobalisierung. Schon seit der Finanzkrise befinde sich die internationale Arbeitsteilung in der Defensive. Dieser Prozess dürfte sich beschleunigen. Er rechnet damit, dass die Lieferketten in den kommenden Jahren «balkanisiert» werden. Firmen würden Teile der Wertschöpfung wieder stärker ins Inland verlagern.

Höhere Preise, weniger Jobs

Mit weitreichenden Konsequenzen: Für die Verbraucher bedeutet das höhere Preise, zugleich aber nicht unbedingt mehr Arbeitsplätze. Denn wer hier produziert, wird eher auf Maschinen setzen – nicht allein aus Kostengründen, sondern auch wegen der alternden Bevölkerung.

Roubini bezeichnet das als «permanente negative Angebotsschocks» – eine toxische Mischung aus Deglobalisierung, Entkopplung zwischen den USA und China, Balkanisierung der globalen Lieferketten, Handelsbeschränkungen und Protektionismus.

«Sollte sich an den Börsen das Szenario Grosse Depression wiederholen, werden jetzt investierte Anleger noch einen Preis zahlen.»

All diese Dinge würden das potenzielle Wachstum verringern und den Inflationsdruck erhöhen, ist sich der Ökonom, den manche wegen seiner düsteren Vorhersagen auch «Dr. Doom» nennen, sicher.

Sollte sich an den Börsen das Szenario Grosse Depression wiederholen, werden jetzt investierte Anleger noch einen Preis zahlen. Denn nach der ersten Zwischenrallye ging es ab April 1930 noch mal richtig abwärts. Der S&P 500 rutschte bis 1932 von knapp 26 auf gut vier Punkte ab, sprich: Er verlor mehr als 80 Prozent an Wert.

Noch einmal 30 bis 40 Prozent

«Auch heute wird ein viel grösserer Kurssturz um noch einmal 30 bis 40 Prozent folgen, wenn Investoren erkennen, dass sich die Rezession bis ins Jahr 2021 zieht», sagt Shilling voraus.

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Thomas Mayer, Gründungsdirektor des Flossbach von Storch Research Institute, zeichnet ein anderes, aber mindestens ebenso beunruhigendes Szenario: Demnach profitieren die Aktienmärkte zwar kurzfristig von den ultraniedrigen Zinsen, die von den Zentralbanken nach unten manipuliert werden.

Das Gespenst Inflation

Das funktioniere jedoch nur solange, wie den Geldhütern nicht die unerwartete Rückkehr der Geldentwertung einen Strich durch die Rechnung macht.

«Kommt die Inflation zurück, bricht das Finanzierungsmodell der Zentralbanken zusammen – und Lenin könnte mit seinem Spruch Recht bekommen: ’Wer die Kapitalisten vernichten will, der muss ihre Währung zerstören‘», befürchtet Mayer, der früher Chefvolkswirt der Deutschen Bank war.

Gold Bundesbank
Quelle: «Die Welt»

Auffällig ist, dass die Inflationszahlen zwar niedrig sind und sich auch die Inflationserwartungen nicht richtig von der Stelle bewegen – doch zugleich kaufen die Investoren Gold in Mengen. Vor allem Indexfonds, sogenannte Gold-ETFs, erfreuen sich reger Nachfrage.

Inzwischen stecken mehr als 3'000 Tonnen des Edelmetalls in den Produkten, so viel wie noch nie. Das entspricht fast schon dem Goldschatz der Deutschen Bundesbank, die in den Tresoren im In- und Ausland 3'364 Tonnen hält.

Dass die Börsen noch nicht das Schlimmste gesehen haben, lässt auch eine weitere Beobachtung vermuten. So wurde jetzt bekannt, dass eine andere Börsenlegende die vermeintlichen Schnäppchenkurse im März keineswegs zum Einstieg genutzt hat.

Im Gegenteil: Warren Buffett hat im ersten Quartal den Cash-Bestand seiner Holding Berkshire Hathaway sogar noch ausgebaut. Seine Begründung: Viele negative Effekte würden sich nicht unmittelbar zeigen, sondern erst später in einer Krise. Nicht nur das: Der Vorzeigeinvestor hat sich auch von seinen Aktienpaketen im Airline-Sektor getrennt. Insgesamt stiess er Beteiligungen im Wert von sechs Milliarden Dollar ab. Von Kauflust keine Spur.

Für all die Optimisten hatte der 89-jährige Buffett während der Hauptversammlung von Berkshire Anfang Mai eine ernste Warnung parat: «Wer jetzt einsteigt, muss nicht nur einen sehr langen Anlagehorizont, sondern auch extrem starke Nerven mitbringen.»

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