Ich habe so einen Verdacht. Irgendeinmal in zehn oder zwölf Jahren werden wir zueinander sagen: «Erinnerst du dich noch, als plötzlich in der ganzen Stadt solche Scooter herumstanden?» Wir werden den Kopf schütteln und uns fragen, wie die in den 2010er Jahren auf solche Geschäftsideen kommen konnten. Das Trotti-Angebot ist ja durchaus lustig, aber es deckt nicht gerade drängende Bedürfnisse. Und es trägt wenig bis nichts dazu bei, irgendwelche Verkehrs-, Stau-, Bewegungs- oder CO2-Probleme zu lösen.
 
Trotzdem setzten viele Menschen sehr viel Hoffnung und noch mehr Geld darauf. Lime und Bird, die führenden Anbieter dieser App-Vehikel, werden mit mehreren Milliarden Dollar bewertet. Solche «Einhörner» – also Jungunternehmen im Milliardenwert – sind in der Wirtschaftswelt inzwischen häufiger als in der Bilderbuch-Sammlung eines 5jährigen Mädchens. Es fragt sich schon, wer da im Märchenland lebt.
 
Die E-Scooter-Firma Lime zum Beispiel soll im laufenden Jahr bis 300 Millionen Dollar Verlust schreiben. Dies unter anderem, weil Abschreibung, Reparatur und Wartung der Fahr-Zeuge erhebliche Kosten verursachen. Das Problem: Jedes Trotti müsste etwa ein halbes Jahr unterwegs sein, um in die Gewinnzone zu fahren – ein Glück, das den wenigsten beschieden ist, selbst wenn sie nicht von irgendwelchen Nachtbuben in den Fluss geworfen werden.

Natürlich kann man darauf setzen, dass die Sache bald total anders aussieht – dank futuristisch steigender Nachfrage und immer besserer Technologie. Doch mal ehrlich: Was sagt Ihr Bauchgefühl dazu?
 

«In der Wirtschaftswelt grasen mehr Einhörner als in der Bilderbuch-Sammlung eines 5jährigen Mädchens. Es fragt sich schon, wer da im Märchenland lebt.»

Das ökonomisch interessante Phänomen ist jedenfalls, dass selbst Profi-Investoren wieder unfassbare Aufpreise berappen für Angebote und Marken mit einem diffusen Zukunfts-Appeal. Den Musterfall für das Futurismus-Agio bot Wework, eine Firma, die Büros vermietet. Sie schaffte es, sich als Digital-Hotspot für irgendwelche Millennials zu präsentieren («revolutioniert die Art und Weise, wie Menschen und Unternehmen arbeiten»). Im Januar wurde Wework mit 47 Milliarden Dollar bewertet, ein Elefant unter den Einhörnern. Leider war er auch mit schweren Schulden belastet, denn grossartige Zukunftsvisionen benötigen oft enorm viel Anheiz-Kapital. Jetzt musste Wework in einer Notübung von seinem Haupt-Investor Softbank vor dem Zusammenbruch gerettet werden. Das böse Wort «Bailout» machte wieder die Runde.

Irgendwas mit Fintech

Dieselbe Softbank, ein japanisches Konglomerat, butterte jüngst in Deutschland 900 Millionen in eine Firma namens Wirecard. Diese macht Zahlungsabwicklungen: Acquiring, Payment Processing, Risk Management für Kreditkartenfirmen – irgendwas mit Fintech. Wie das geht, weiss ich auch nicht genauer. Mein Trost: Vor einiger Zeit fragte ich einen Grossbank-Analysten, der die Aktie zum Kauf empfohlen hatte, wie detailliert er in die Geldströme bei Wirecard einsehe. Der Mann musste weitgehend passen: Er verlasse sich vor allem aufs Zahlengerüst von offizieller Bilanz und Erfolgsrechnung.

Inzwischen ist Wirecard gleich viel wert wie die Deutsche Bank. Dies, nachdem (und obwohl) die «Financial Times» mehrere Berichte und zahlreiche Dokumente vorlegte, die viele Zweifel an der wahren Substanz jener offiziellen Zahlen weckte.
 
Gibt es schöne, weisse Einhörner? Natürlich, mein Kind. Gewiss, lieber Investor. Aber sie sind sehr, sehr selten. Womöglich wirst du im ganzen Leben keinem begegnen.

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