Wie stark beschäftigt die Corona-Krise die Finanzmärkte?
Gesellschaftlich dreht sich noch immer alles um Corona. Die Märkte bewegt es derzeit hingegen kaum. Anders als noch vor zwei, drei Monaten, als sich praktisch jede Marktbewegung direkt oder indirekt mit Fakten und Meinungen, Hoffnungen und Ängsten rund um das Coronavirus in Verbindung bringen liess. Das ist angesichts noch immer hoher und jüngst steigender Fallzahlen sowie eher wieder strengerer Eindämmungsmassnahmen doch erstaunlich. Offenbar haben wir bzw. die Märkte gelernt, mit der ausserordentlichen Situation umzugehen und gehen davon aus, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis sich alles wieder normalisiert.

Wie wird sich die Schweizer Börse kurzfristig entwickeln?
Ich bin bereits seit einiger Zeit auf der vorsichtigen Seite. Seit Wochen liege ich damit falsch.  Aber ich bleibe dabei: Nach der Rally der letzten Monate ist viel Positives in den Aktienkursen eingepreist und die Bewertungen sind sehr «sportlich». Es braucht auf diesen Kurs- und Bewertungsniveaus wenig für einen Rückschlag an den globalen Aktienmärkten. Der Schweizer Markt wäre davon auch betroffen, könnte sich aber aufgrund seines eher defensiven Charakters besser halten als zyklischere Märkte.

Wo steht der SMI in zwölf Monaten?
Kurzfristig wird die Luft nach oben langsam dünn. Ich rechne zunächst eher mit einem Rücksetzer, bevor die Erholung – unter der Annahme, dass es keine negativen Entwicklungen bei der Corona-Pandemie oder an der Konjunkturfront gibt – weitergehen kann. Deshalb sehe ich den SMI auf Jahressicht nur unwesentlich höher als heute, sagen wir bei etwa 10'500 Punkten.

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Thomas Heller

Thomas Heller ist CIO und Leiter Research bei der Schwyzer Kantonalbank.

Quelle: ZVG

Investorenlegende Warren Buffett hat mit seiner Investmentgesellschaft Berkshire Hathaway in japanische Unternehmen investiert. Können Sie sein Interesse an Japans Wirtschaft nachvollziehen?
Die fünf japanischen Handelsgesellschaften passen ins «Beuteschema» von Buffett. Nach einer deutlichen Korrektur hatten sie sich relativ bescheiden erholt. Und im Vergleich zu den hohen Bewertungen im Heimmarkt, schienen ihm als Value-Investor die günstigeren japanischen Preise attraktiv. Insofern kann ich aus seiner Perspektive das Interesse nachvollziehen. Das ist aber eher ein Interesse an diesen «zufällig» japanischen Unternehmen als an Japans Wirtschaft.

Wie optimistisch sind Sie für die Entwicklung der Schweizer Wirtschaft: Wie dürften sich die Arbeitslosigkeit, das Bruttoinlandprodukt und der Privatkonsum in nächster Zeit entwickeln?
Die Schweiz verzeichnete im zweiten Quartal mit -8.2% den stärksten BIP-Rückgang seit Beginn der Quartalserhebungen vor 40 Jahren. Damit hat es die Schweizer Wirtschaft allerdings weniger stark getroffen als etwa die Eurozone (-12.1%), Grossbritannien (-20.4%) oder die USA (-9.1%). Trotz dieses markanten Einbruchs der Wirtschaftsleistung, ist die Arbeitslosenquote in der Schweiz dank der Kurzarbeit bislang noch nicht allzu stark angestiegen. Allerdings ist in den kommenden Monaten mit einem weiteren Anstieg zu rechnen, was auch den privaten Konsum, die mit Abstand grösste BIP-Komponente, belasten wird. Aber die wirtschaftliche Erholung ist im Gang und wird sich fortsetzen. Voraussetzung ist, dass die globale Konjunkturerholung ebenfalls weitergeht – wovon ich ausgehe. Es wird allerdings wohl bis 2022 dauern, bis die hiesige Wirtschaftsleistung das Niveau vor der Coronakrise wieder erreichen wird.

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Immer mehr Konzerne legen Wert auf ein gutes Abschneiden bei den ESG-Nachhaltigkeitskriterien. Rechnet es sich für Anleger, beim Investieren auf hohe ESG-Werte zu achten?
ESG-Kriterien werden weiter an Bedeutung gewinnen und immer mehr in die Unternehmensanalyse einfliessen, wie man es etwa von «normalen» Bilanzkennzahlen kennt. Untersuchungen zeigen, dass der Einbezug von ESG-Kriterien in die Analyse und Selektion von Unternehmen zumindest keinen Renditenachteil mit sich bringt.

Der Dollar zeigt weiterhin Schwäche. Wird der tiefe Kurs des «Greenback» Bestand haben?
Ja, davon gehe ich aus. Die Gründe für die Dollar-Schwäche der letzten Monate, beispielsweise die geringere Zinsdifferenz, haben noch immer Bestand. Kommt es nicht zu erneuten Verwerfungen an den Märkten, welche eine Flucht in den Greenback begünstigen würden, sehe ich kein grosses Erholungspotenzial. Aber das Gröbste scheint überstanden, ich rechne kurzfristig mit keiner weiteren signifikanten Abwertung des US-Dollar.

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Das Interview wurde schriftlich geführt.