Verantwortliches Investieren richtet sich nach allgemeinen Normen. Diese Normen unterliegen einem Wertewandel, der Veränderungen widerspiegelt. Neben der «klassischen»Verantwortung für Rendite und Risiko gelten zunehmend Kriterien, die den Schutz der Umwelt genauso beinhalten, wie ein angemessenes Sozialverhalten und gute Unternehmensführung.

Die Abkürzung ESG hat sich als griffige Abkürzung für die Themen «Environment», «Social» und «Governance» etabliert. Allen Kriterien ist gemeinsam, dass sie sich an einem nachhaltigen Handeln orientieren, also an der Bewahrung der natürlichen Regenerationsfähigkeit von Mensch, Umwelt und Unternehmen.

Grenzen orientieren sich an den Vorgaben der Klimaziele

Ein nachhaltiges Anlageportfolio wird zunehmend an dem zurechenbaren CO2-Ausstoss gemessen. Die akzeptablen Grenzen orientieren sich dabei grob an den Vorgaben der politischen Klimaziele. Darüber hinaus werden weitere qualitative und quantitative Normen durch die ESG-Kriterien definiert, die künftig einzuhalten sind.

Der von einer breiten gesellschaftlichen Strömung getragene Wille, Unternehmen und Investoren zu mehr Nachhaltigkeit zu verpflichten, stösst in der praktischen Umsetzung auf viele Schwierigkeiten und Probleme. So gibt es z.B. noch wenig Einigkeit darüber, welche Energieerzeugungsformen als nachhaltig zu bezeichnen sind.

Quantitative Grenzen zur Unterscheidung von «guten» und «schlechten» Unternehmen werden der Komplexität von globalen Wertschöpfungsketten nicht gerecht. Kann man zum Beispiel den CO2-Ausstoss einer Lieferung von Äpfeln aus Neuseeland vergleichen mit dem hohen CO2-Ausstoss, der bei der Produktion von Halbleitern anfällt?

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Ratingagenturen, die sich auf ESG-Ratings spezialisieren, kommen teilweise zu sehr unterschiedlichen Bewertungen ein und desselben Unternehmens. Eine kritische Hinterfragung von ESG-Kriterien und -Normen ist nötig und wünschenswert, sollte aber nicht das Ziel des nachhaltigen Wirtschaftens und Investierens in Frage stellen. Verantwortliches investieren bedeutet, sich dem Auftrag zu stellen und sich nach bestem Wissen und Gewissen um die beste Lösung zu bemühen. Offene Fragen und Kontroversen sollten nicht als Grund herhalten, nichts zu unternehmen.

Nachhaltiges Investieren ist zum Trend geworden 

Das Thema Nachhaltigkeit hat sich mittlerweile neben der Digitalisierung als eines der dominierenden Themen am Kapitalmarkt entwickelt. Als edler Grund für diesen Trend mag dabei die intrinsische Motivation herhalten, nämlich das «Richtige» zu tun, sich also nach akzeptierten gesellschaftlichen Normen zu richten. In der Breite nicht unbedingt ein Motiv, welches man der Finanzbranche zubilligen würde.

Eine auf unternehmerische Risiken und Chancen abzuleitende Motivation für nachhaltiges Investieren entspricht da schon eher dem Denkschema von Investoren. Die Beurteilung von Risiken ist ohnehin fester Bestandteil von Investitionsentscheidungen.

Die politischen Vorgaben einer klimafreundlichen Wirtschaftspolitik bergen für viele Branchen und Unternehmen hohe Risiken in der Umstellung, die man besser vermeidet, indem man dort nicht oder weniger investiert. Für bestimmte Branchen könnte dies zu einem langen Siechtum führen. Für jene Branchen und Unternehmen, die einen positiven Beitrag zu Nachhaltigkeitsthemen leisten, ergeben sich hingegen grose wirtschaftliche Chancen.

Gutes tun, um daran zu verdienen, war schon bei Adam Smith Grundpfeiler der Marktwirtschaft. Der Versuch, Nachhaltigkeit und Marktwirtschaft zu verbinden, sollte nicht nur Basis eines jeden Geschäftsmodells sein, sondern das ureigene Interesse von Investoren.

 

* Klaus Kaldemorgen ist Fondsmanager bei DWS.