Noch lacht ihr», twitterte Lutz Golsch vor wenigen Wochen in der Hochphase von Pandemie und Lockdown. Der Geschäftsführer der Unternehmensberatung FTI mit Sitz in Washington warnte vor Corona-Retuschen in den Firmenberichten und an den Kapitalmärkten. «Wartet mal ab, was die Finanzer sich ausdenken.»

Wovor Golsch warnt, ist das sperrige Kürzel «Ebitdac», das übersetzt für Gewinn vor Zinsen, Steuern, Abschreibungen, Amortisation und Corona steht. Es ist faktisch eine neu modulierte Kennzahl, die sich in Europa auszubreiten beginnt. Das heisst, die Stärke eines Unternehmens wird ausgewiesen, wie wenn das Virus die Firma nie infiziert hätte.
Vor dem Ebitdac warnt der Europäische Verband für fremdfinanzierte Unternehmen Elfa. Er kritisiert speziell die Ebitdac-Offensive in Anleiheprospekten und Geschäftsberichten, wodurch das Management Verluste im Zusammenhang mit Covid-19 und erzwungenen Lockdowns zurück- oder rausrechnen könnte. Diese grosszügige Art der Rechnungslegung ähnelt dem «angepassten Ebitda», wo Beteiligungs­bewertungen, Zu- und Verkäufe rein- oder rausgerechnet werden.

Not macht erfinderisch

Durch sogenannte Add-Backs – etwa für den vermuteten entgangenen Gewinn wegen Corona – kann ein höherer opera­tiver Gewinn ausgewiesen werden. «Das werden einige Unternehmen versuchen», ist Benjamin Kovacka, Leiter Kreditana­lyse beim britischen Finanzinformationsdienstleister Reorg Research, überzeugt.

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Man schreibt also den entgangenen Gewinn einfach dazu, auch wenn es ihn gar nicht gibt. Das tut etwa der deutsche Messtechniker Schenck Process. In den meisten anderen Fällen haben die Firmen in ihren Erläuterungen zur Berichterstattung oder in den Anleiheunterlagen die Bedingungen so allgemein wie möglich formuliert. Oder die entsprechenden Informationen im Kleingedruckten oder in Fussnoten verpackt.

Und was bringt die kreative Corona-­Rechnerei? Eine bessere Bonität, keine Fälligstellung bei Krediten, mehr Luft zum Atmen für die Unternehmen, allenfalls eine Grundlage für Gewinnausschüttungen. «Aber um den Preis, dass Investoren den Durchblick nicht mehr haben», sagt Lale Topcuoglu, leitende Fondsmanagerin des Vermögensverwalters J O Hambro.

Deshalb hat Elfa das Thema jetzt auf dem Radar, bevor die Berichtssaison zum Halbjahresergebnis der Firmen losgeht. Und stützt sich dabei auf Daten von Reorg Research. Diese listet gleich ein Dutzend Schweizer Unternehmen auf, darunter Salt, Schmolz + Bickenbach oder SIG Combibloc, deren Bestimmungen bei der Auflage von Anleihen vage formulierte Passagen enthalten. «Das ermöglicht es den Unternehmen, den Ebitdac anzuwenden», sagt ­Elfa-Leiterin Sabrina Fox.

SIG wird Ergebnis wie üblich ausweisen

«Salt berichtete in den Ergebnissen des ersten Quartals 2020 über die geschätzten Auswirkungen von Corona auf Umsatz und Ebitda», sagt ein Sprecher. SIG wiederum richtet aus, dass die Firma «das Ergebnis wie in den Vorperioden und mit den üblichen Vergleichen ausweisen» werde. Weil der Verpackungshersteller weltweit tätig sei, «wirkt sich die Corona-Pandemie zu unterschiedlichen Zeitpunkten unterschiedlich – teilweise positiv und teilweise negativ – auf die verschiedenen Märkte des Unternehmens aus». Inwiefern Umsatzentwicklungen Corona-bedingt seien, sei «kaum zu berechnen».

Firmen werden infolge von Corona kreativ, wenn es ums Reporting geht.

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Was viele Steuerberater, Anwälte und Analysten stört, sind die schwammigen Formulierungen, die das nachträgliche Hinzufügen vermuteter entgangener ­Gewinne ermöglichen können. Zum ­Beispiel: «Alle als aussergewöhnlich, ungewöhnlich oder nicht wiederkehrend eingestuften Positionen» oder «alle ausserordentlichen, aussergewöhnlichen, ungewöhnlichen oder nicht wiederkehrenden Gewinne, Verluste, Ausgaben oder Belastungen». Das kann so ziemlich alles sein.

Für Juristen und Ökonomen ist das der Griff in die Trickkiste von Buchhaltern und Kostenrechnern, welche die Blutspur der Pandemie in den Büchern wegwischen wollen. Weil Not erfinderisch macht und weil sich viele Firmen um ihre Kreditwürdigkeit und Kapitalmarktattraktivität sorgen, finden sie neue Bewertungsan­sätze, um einen höheren Gewinn auszuweisen, als es das Geschäft momentan hergeben würde. Dies, um Kredite zu erhalten, Anleihen einfacher platzieren oder Dividenden und Boni leichter rechtfer­tigen zu können.

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Ethos ist bereits wachsam

Etwas, das den Anlegerschützern von Ethos gar nicht schmeckt: «Wir werden dies genau verfolgen, insbesondere im ­Zusammenhang mit der Verwendung solcher korrigierter Indikatoren in variablen Vergütungssystemen. Dies sollte die Zahlung von Boni nicht rechtfertigen, wenn die Ergebnisse der Unternehmen unter der aktuellen Krise leiden sollten und Mitarbeitende entlassen werden», sagt Ethos-Chef Vincent Kaufmann. Auch die EU-­Finanzmarktaufsicht Esma mahnt zur Transparenz: «Informationen müssen vergleichbar, relevant und zuverlässig sein.» Fondsmanagerin Topcuoglu legt nach: «In einem Bull Market wird das ­gerne ignoriert. Wenn sich das dreht, kommt es zu Überraschungen.»