Es ist der Bilanz- und Börsenskandal des Jahres, vielleicht des Jahrzehnts: In Deutschland muss der Dax-Konzern Wirecard Konkurs anmelden, nachdem aufflog, dass die Umsätze und die Bilanz mit Schein-Geschäften und Luft-Werten aufgeblasen worden waren. Ernüchternd ist der Fall, weil sehr Vieles allzu bekannt wirkt – von ähnlichen Debakeln früherer Jahre. Aber es gäbe auch ein paar neue Einsichten.

Die Gefahr lauert dort, wo die Zukunft am schönsten ist

Wie viele Aktionäre wussten wohl, was Wirecard eigentlich macht? Irgendwas mit Fintech. Das Unternehmen war im Boomfeld des Online-Payment tätig, was enorme Zukunftshoffnungen weckte.

Fintech ist in der Tat ein Anlagethema, das grosse Wachstumschancen verspricht – das aber für Laien und selbst für Halb-Profis kaum zu durchschauen ist.

Die Produkte sind unkonkret und nicht sinnlich fassbar. In solchen Geschäftsfeldern haben es auch unseriöse Figuren einfacher, viel zu versprechen, ohne dass sie etwas Konkretes bieten müssen. Worldcom, aufgeflogen 2002, war im damals neuen und schnell wachsenden Telecom-Systembereich tätig. Bernie Madoff erzählte seinen Kunden, er investiere in Financial Futures. Beim bislang spektakulärsten Firmenskandal Deutschlands, Flowtex, ging es zwar pro forma um richtige Produkte (Bohrmaschinen), aber versprochen wurden Gewinne aus dem B2B-Leasing-Business.

Das heisst in diesen Tagen: Bei Anlagetipps in Bereichen wie Krypto, AI und Klimaschutz gibt es zweifellos Zusatz-Chancen. Es empfiehlt sich auch eine Zusatz-Vorsicht vor falschen Versprechen.

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Kaufe nichts, was du nicht kennst

Ein Genfer Privatbankier erzählte einmal, wie nach der Jahrtausendwende US-Investmentbanker einflogen, um seinem Haus Collateral Debt Obligations und ähnliche Papiere schmackhaft zu machen. Nach dem Treffen gestanden sich die Partner der Bank – familiär verbunden – gegenseitig ein, dass sie die präsentierten Formeln nicht begriffen hatten. Also liessen sie die Finger davon. Es waren genau jene Papiere, welche bald darauf Grossbanken wie die UBS reihenweise an den Rand des Abgrunds brachten.

Und so erinnert der Fall Wirecard auch an ein altes Prinzip von Warren Buffett: Kaufe nichts, was du nicht verstehst. Die Regel wurde bei Wirecard wohl tausendfach verletzt.

Oder wissen Sie, was ein Akquirer macht? Wirecard war in diesem Bereich tätig: Es übernahm zwischen Detailhändlern und Kreditkartenfirmen das Management, die Sicherung und die Garantierung der Zahlungen; was half, Realtime-Zahlungen im Internet sicherzustellen. Die Margen sind enorm klein in diesem Business, aber es geht um Milliarden-Umsatzsummen. Aussenstehende sind nie in der Lage zu überprüfen, wie substanziell die ausgewiesenen Werte sind – und selbst wenn das Management noch völlig im seriösen Bereich bleibt, hat es in gewissen Bereichen manchmal einen grösseren Darstellungsspielraum. 

Die Geschäftswelt ist voller Unternehmer, die aus den Kenntnislücken anderer ein gewisses Agio herausschlagen wollen. 

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Bild einer Blase: Aktienkurs von Wirecard, 2006 bis zur Insolvenzanmeldung am 25. Juni 2020.

Quelle: PD

Höre das, was in den sozialen Medien brummt

Ein anderer Spruch von Warren Buffett lautet: «Wenn du eine Kakerlake in der Küche siehst, wirst du bald ihre Verwandten treffen.» Auf eine schlechte Nachricht folgen bald andere, lehrt seine «Cockroach Theory»: Wenn bei einem Unternehmen etwas nicht stimmt, läuft irgendwo dahinter noch allerhand schief.

Bei Wirecard war es offensichtlich: Seit mehreren Jahren ploppten Berichte und Andeutungen auf, die zweifelhafte Geschäfte und Ungereimtheiten behaupteten.

2016 kursierte ein anonymer Report mit Betrugsvorwürfen.

Im Oktober 2018 schrieb ein Analyst von Merrill Lynch in einer Kundennotiz, dass Wirecard nur von 5 der 100 grössten deutschen Handelsketten verwendet werde; dies stand im krassen Gegensatz zur behaupteten Marktführer-Position im Heimmarkt (mehr).

Im Januar 2019 folgte dann die «Financial Times» mit einer aufsehenerregenden Artikel-Serie: Hochrangige Manager in Singapur hätten womöglich Verträge gefälscht, viele Geldströme seien zweifelhaft. (Zum Wirecard-Dossier der FT).

Auch danach beruhigte sich die Lage wieder. Doch wer Wirecard via Social Media weiter beobachtete, fand immer wieder – anonym vorgebrachte – Kritikpunkte.

Ende 2019 tauchte beispielsweise eine weitere Website auf, die Wirecard-Ungereimtheiten in vielen Märkten anprangerte: anonym, aber sachlich im Ton und offenbar gut informiert.

«Rückblickend zeigt der Fall Wirecard auch einen Einschätzungs-Graben zwischen Deutschland und dem angelsächsischen Raum.»

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Kann man aus solchen – teilweise auch rüden – Vorwürfen aus dubioser Quelle etwas über eine Firma ableiten? Soll man es? (Denn immerhin kochten auch allerlei Short Seller ein manipulatives Süppchen mit Wirecard.)

Natürlich gilt höchste Vorsicht, aber die Kakerlaken-Weisheit lehrt wohl: Bei einer gewissen Häufung muss man das Heft selber in die Hand nehmen – und genauer hinschauen. Spätestens nachdem ein Sonderbericht der Prüfungsgesellschaft KPMG, veröffentlicht im April 2020, ans Licht brachte, dass das Management die Aufklärung von Verdächtigungen behinderte, schien der Fall klar. Dennoch: Die Aktie wurde auch danach noch zu über 100 Euro bewertet. 

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«Vereinbarte Interviewtermine mehrfach verschoben...»: Aus dem KPMG-Bericht vom April 2020.

Quelle: PD

Auch Profis sind oft ahnungslos

Dass man dem Gesumme in den sozialen Medien etwas Beachtung schenken sollte, hat einen weiteren Grund: Es dient zur Ergänzung der Einschätzungen im Establishment.

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Denn auf der anderen Seite ist die offiziöse Überwachung oft mangelhaft; (Klein-)Anleger können sich nicht auf irgendwelche Aufseher und Expertenmeinungen verlassen. Wie in fast allen grossen Bilanz- und Finanzskandalen zeigt sich dies auch in der Causa Wirecard.

Die Aufsichtsbehörde Bafin bemerkte nichts (phasenweise liess sie sogar gegen Wirecard-kritische Medien ermitteln – wegen Verdachts auf Kursmanipulation). Die Rating-Agenturen verliehen bis zum bitteren Ende eine gute Bonität. Die Revisionsfirma warnte nicht. Fast alle Analysten der Banken empfahlen die Aktie zum Kauf. Die Medien recherchierten kaum. Die Deutsche Börse nahm Wirecard sogar in den Leitindex Dax auf. 

Es gibt einen Finanz-Nationalismus

Rückblickend zeigt der Fall Wirecard auch einen Einschätzungs-Graben zwischen Deutschland und dem angelsächsischen Raum. Im Heimatland galt die junge, aufstrebende und (offensichtlich) global starke Payment-Firma aus Aschheim bei München als Zukunftshoffnung – als Beweis dafür, dass die Auto-Nation auch im Digitalgeschäft vorne mitspielen kann.

Die früheste und härteste Kritik kam indes aus dem angelsächsischen Raum, zumal von britischen Analysten, Fonds und Zeitungen.

Dies wurde wiederum in Deutschland als unanständige, wenn nicht illegale Short-Seller-Attacken empfunden und sogar von den Behörden entsprechend behandelt. 

Auf einer zweiten Ebene spiegelt sich hier ein wohl etwas grösseres Vertrauen des deutschsprachigen Publikums in Unternehmensleitungen, Behörden und offizielle Kanäle. «Wir haben festgestellt, dass die Aktionärskultur in Europa unterentwickelt ist, viele Investoren stellen nicht die richtigen Fragen an das Management»: So stellte es Carson Block, der Kopf der Short-Selling-Firma Muddy Waters, in einem Wirecard-Bericht des «Spiegels» dar. 

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