Die Impfstoff-News von Biontech und Pfizer haben eine Euphorie ausgelöst. Bei vielen Menschen, die sich ein Ende dieser Corona-Pandemie ersehnen, aber auch an den Börsen. Zu Recht?
Michael Nawrath: In der Masse der Bevölkerung wurde diese Nachricht als Weg zurück zur Normalität verstanden. Und so auch an den Börsen. Wir haben gesehen, wie vor allem Tourismus- und Airlineaktien im Kurs gestiegen sind. Aber die Normalität ist auch nach der Ankündigung durch Biontech und Pfizer noch in weiter Ferne.

Biontech sprach von 90 Prozent Schutz und einem «Durchbruch». 
Von 44'000 gesunden Probanden sind jetzt 94 erkrankt – überprüft mit positivem Test und daraufhin, ob sie Symptome zeigen. Diese Erkrankten wurden also für den Zwischenbericht von Biontech untersucht. Von den 94 haben 86 nur Placebos erhalten. 8 hatten die Impfung und sind trotzdem krank geworden. So kommen wir auf knapp 10 Prozent, also 8 von 94, wirkungslos und über 90 Prozent Protektion.

Es ging auch nicht um ältere Patienten oder solche, die schwere Krankheitsverläufe hatten. Wir wissen beispielsweise nicht, wie die Progression der Krankheit vom Symptom bis zur möglichen Notwendigkeit einer Beatmung mit dem Impfstoff aufgehalten wird. Wir wissen auch nicht, ob die Sterblichkeit gesenkt wird. Und wegen der höheren Sterblichkeit haben wir ja vielerorts einen zweiten Lockdown. Die Überbelastung der Krankenhäuser soll im Moment vermieden werden.

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Dies klingt aber fast so, als ob es gar keinen richtigen Grund zur Hoffnung gäbe.
Doch, schon. Enorm ist, dass man innerhalb von weniger als einem Jahr von der Gen-Sequenz eines Virus zu einem Impfstoff gelangt ist. Wir haben jetzt nicht mehr eine Chance im Verhältnis von 50 zu 50, sondern vielleicht 70 zu 30, dass dieser Wirkstoff noch Ende dieses Jahres zugelassen wird. Das ist wissenschaftlich enorm und hat einen Wert für die Wirtschaft und das soziale Leben.

michael nawrath

Michael Nawrath ist Leiter der Analyse für Pharma- und Biotechunternehmen bei der Zürcher Kantonalbank (ZKB). Er praktizierte als Mediziner fünf Jahre in Berlin und sieben Jahre an Universitätsspital Zürich. Er war auch in der klinisch orientierten Forschung tätig.

Quelle: ZVG

Es gibt also eine Perspektive.
Ja, wir können einen Impfstoff gegen das Virus entwickeln. Die Perspektiven haben sich verändert. Doch selbst mit einem oder mehreren Impfstoffen wäre die Normalisierung nicht sofort gegeben. Die Restriktionen werden begleitend noch mindestens für ein Jahr notwendig bleiben. 

Werden wir die zweite Welle, über die sich ja auch Unternehmen und Anleger Sorgen machen, nicht dennoch irgendwie brechen können?
Wir wissen noch nicht, wie lange ein Impfstoff wirken wird. Wenn die Schutzwirkung zu kurz ist, kann man streng genommen nicht mal von einem Impfstoff sprechen. Wir wissen auch nicht, ob Menschen auch mit Impfung weiter ansteckend sind. Wir werden, um dies nochmals zu wiederholen, das ganze nächste Jahr nicht zur Normalität zurückschreiten können: Weder im öffentlichen Leben, noch in der Wirtschaft. Das heisst auch, Amazon, Zalando und all die Onlinehändler werden noch lange mehr zu tun haben. Genauso Unternehmen, die Testverfahren entwickeln. Diese wird es weiter brauchen, um die Immunität zu überprüfen, beziehungsweise, ob und wie lange der Impfschutz anhält. Die Börsen haben sie zu früh abgestraft.

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«Wir werden noch mindestens das nächste Jahr mit reduziertem Flugverkehr, Maskenpflicht und der Einschränkung von Grossveranstaltungen wie Fussballspielen oder Konzerten leben müssen.»

Michael Nawrath, ZKB

Ihrer Analyse zufolge müsste man die Börsenreaktion vom Montag auf die Biotech/Pfizer-Ankündigung generell als ziemlich übertrieben einstufen.
Ja. Diese zyklischen und gebeutelten Unternehmen der Touristikbranche im Kurs derart nach oben zu treiben, war verfrüht. Wir werden noch mindestens das nächste Jahr mit reduziertem Flugverkehr, Maskenpflicht und der Einschränkung von Grossveranstaltungen wie Fussballspielen oder Konzerten leben müssen. Auch mit einem Impfstoff. 

Aber die Kursentwicklungen können wir nicht wegdiskutieren. Von der einen auf die nächste Sekunde war es kein Vorteil mehr, Corona-Gewinner an der Börse zu sein. Auch die Schweizer Pharmakonzerne Roche und Novartis, die keine Impfstoffentwickler sind, kamen unter Druck.
Roche hat im dritten Quartal allein in der Diagnostik 9 Prozent an Umsatz dazugewonnen. Diese Umsatzdynamik sollte noch zwei Jahre anhalten. Es wird weiter Tests brauchen, auch dann, wenn eine Impfung möglich sein wird. Roche ist auch in der Therapie gut: Es wird auch weiter direkte Medikamente brauchen, die das Virus angreifen und in Schach halten. Roche hat noch kein fertiges Medikament, aber ich erwarte im Verlauf des nächsten Jahres ein Therapeutikum. Eine Infektion mit Covid-19 wird man weiter zusätzlich mit Medikamenten bekämpfen müssen.

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Und Novartis?
Novartis ist in den Gebieten Diagnostik, Therapie und Impfstoffe nicht operativ tätig. Novartis hat, wie auch andere Pharmahersteller, bisher noch keinen Wirkstoff im Zusammenhang mit Covid-19 erfolgreich getestet. Für Novartis ändert sich die Ausganglage nicht, auch nicht an der Börse. 

Inwiefern hat sich die Lage für die Pharmaindustrie insgesamt geändert? 
Für die Impfstoffhersteller hat sich die Lage aufgehellt, das dürfen wir so sagen. Die Umsatzschätzungen lagen am Montag für Pfizer zwischen 3 und 8,5 Milliarden Dollar. An der Bandbreite sieht man aber auch, wie gross die Unsicherheit ist. Pfizer will mit 20 Dollar pro Impfdosis kräftig Umsatz machen, während AstraZeneca oder Johnson&Johnson angekündigt haben, den Impfstoff zunächst zum Selbstkostenpreis auf den Markt zu bringen. Wobei, auch diese werden später nach Corona im Impfstoffgeschäft wieder etwas verdienen wollen. 

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Die Augen sind jetzt auf Biontech und Pfizer gerichtet. In der Schweiz schaut man auch stark auf die Lonza, die einen Impfstoff vom US-Entwickler Moderna herstellen könnte. Wie sehen die Perspektiven für die anderen Impfstoffentwickler aus? 
Biontech arbeitet an einem genetischen mRNA-Impfstoff, wie er noch nie auf der Welt zugelassen worden ist. Wir können nach der Biontech/Pfizer-Ankündigung daher ein «cross-read» machen. Auch der Lonza-Partner Moderna und Curevac in Deutschland forschen an den genetischen mRNA-Impfstoffen. So ein Vakzin scheint zu wirken. Es ist aber eine falsche Überlegung, alle anderen Impfstoffhersteller negativ zu bewerten. Die anderen haben nicht umsonst geforscht. Es wird mindestens drei oder vier verschiedene Arten von Impfstoffen brauchen, um die Pandemie wirksam bekämpfen zu können.  

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Und wie wird es für Nicht-Impfstoffentwickler wie Roche und Novartis in den nächsten Monaten laufen? 
Für die beiden Schweizer Pharmavertreter sind die Lage nicht so schlecht aus. Ich finde es schade, dass nach der ersten Welle und dann bei der Börsenerholung keine freundlichere Stimmung gegenüber der Healthcare-Branche entstanden ist. Ob diese Pharmaunternehmen Diagnostika herstellen, Therapien entwickeln oder in der digitalisierten Medizin tätig sind: Sie sind fast schon in Ungnade gefallen und werden als defensive Aktien meiner Meinung nach zu sehr gering geschätzt. Die Kritik oder zumindest ein Anstoss dazu sollte für einmal in Richtung der Investoren gehen, nicht der Unternehmen.

Dieser Artikel erschien zuerst bei Cash unter dem Titel: «Die Reaktion der Börsen auf den Impfstoff war übertrieben».

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