Mit dem Öffnen der Büchse der Pandora brach nach der griechischen Mythologie alles Schlechte über die Welt herein. Das einzig Positive, das die Büchse der Menschheit brachte, so die Sage, war die Hoffnung. Mehr als Hoffnung haben auch die Aktionäre der US-Internetfirma Pandora Media nicht.

Die Online-Radiostation hat noch keinen einzigen Cent Gewinn erwirtschaftet und ging am 14. Juni mit einer Marktbewertung von 2,6 Milliarden Dollar an die Börse. Wie viel Hoffnung darin steckt, zeigen die Geschäftszahlen aus dem ersten Quartal dieses Jahres: ein Verlust von 1,8 Millionen bei einem Umsatz von 138 Millionen Dollar.

Trotz diesen Geschäftszahlen stieg der Wert der Firma für kurze Zeit über vier Milliarden Dollar. In den folgenden Tagen sprach sich an der Börse herum, dass die Bewertung mehr Hoffnung in sich trägt, als die Firma Wachstumsperspektiven hat. Der Aktienkurs ist inzwischen unter den Ausgabepreis gefallen.

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Es gibt einige Gründe, warum die Aktie noch tiefer fallen dürfte: Pandora hat viel Konkurrenz von anderen Radiostationen, die auch über Internet gehört werden können. Zudem investieren Firmen wie Apple, Google und Amazon in eigene Musikangebote. Das alles wird es Pandora schwer machen, ein Wachstum zu erzielen, das die hohe Marktbewertung auch nur annähernd rechtfertigt. Spätestens Ende Jahr wird Druck auf den Aktienkurs von Pandora ausgeübt werden. Dann läuft die Sperrfrist für elf Prozent der Aktienanteile an der Firma ab, die für 180 Tage nach dem Börsengang gilt – solche Sperrfristen gibt es oft für Aktien des Managements und anderer am Börsengang Beteiligter.

Da stellt sich die Frage, warum Anleger trotz allem in eine Firma wie Pandora investieren. «Es ist ein ziemlicher Hype im Gange», sagt Reto Hartinger, Präsident von Internet Briefing, dem grössten Interessenverein zum Thema Internet in der Schweiz. Hartinger war schon um die Jahrtausendwende in der Szene tätig, zog mit Partnern zusammen die Internetplattform Search.ch hoch und verkaufte sie an die Post. Damals gab es die Dotcom Bubble: Viele Internetfirmen ohne Gewinne gingen mit Milliardenbewertungen an die Börse, nur um bald darauf wieder zu verschwinden.

Bubble 2.0, analog zu Web 2.0, wird der Hype jetzt genannt. «Es ist dieses Mal eine partielle Blase, betrifft vor allem die sozialen Netzwerke im Internet», sagt Steffen Wagner, einer der Partner der Internetplattform Investiere.ch, die es Privatpersonen ermöglicht, direkt in nicht börsenkotierte Unternehmen zu investieren, viele davon Internetfirmen.

Kurse im Tief. Dass die Blase nur partiell ist, veranschaulicht der Index der Aktienkurse von US-Internetfirmen, der immer noch weit von den Höchstständen im Jahr 2000 entfernt ist (siehe «Weit unter der Dotcom Bubble» unter 'Downloads'). Im Vergleich zu damals verharrten die Kurse danach auf relativ tiefen Niveaus.

Dabei gibt es durchaus Argumente für Kurspotenzial. Das Internet hat sich in den vergangenen zehn Jahren deutlich weiterentwickelt: Waren im Jahr 2000 nur 100 Millionen Menschen online, so sind es heute Milliarden. Zudem hat sich die Zeitdauer vervielfacht, die Nutzer online verbringen: Waren sie vor zehn Jahren noch vor allem im Büro online, so sind sie es heute fast dauernd: über Computer, Smartphone und Tablet.

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Von dieser Entwicklung des Internets profitieren nicht nur die hoch bewerteten sozialen Netzwerke, sondern auch gestandene Internetfirmen, die eher günstig bewertet sind (siehe «Günstig bewertete Internetfirmen» unter 'Downloads').

Die Bewertungen der sozialen Netzwerke, die bereits an der Börse kotiert sind, muten dagegen teilweise astronomisch an: Renren, das chinesische Pendant zu Facebook, ist an der Börse fast drei Milliarden Dollar wert, erwirtschaftet aber (noch) keine Gewinne. Dabei dürfte das Wachstum dieser Plattform von der Angst des chinesischen Staatsapparates gebremst werden. Der Staat blockiert ja bereits Facebook völlig. Die Angst vor sozialen Netzwerken ist durchaus begründet, wenn man die Revolutionen in Nordafrika in Betracht zieht, zu deren Infrastruktur Facebook und andere Sozialnetzwerke zählen.

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LinkedIn ist ein weiteres Beispiel für den Börsenhype: Die Plattform für geschäftliches Netzwerken erwirtschaftete im vergangenen Jahr einen Gewinn von 15 Millionen bei einem Umsatz von 243 Millionen Dollar. An der Börse ist Linked­In 6,5 Milliarden Dollar wert. Am ersten Börsentag im Mai schoss der Wert sogar über zehn Milliarden Dollar hinaus. Inzwischen hat der Titel Federn gelassen, und die Kurs­kurve der vergangenen 30 Tage zeigt fast so steil nach unten wie am ersten Börsentag nach oben.

Was Zukunft kostet. Der volatile Kurs­verlauf von LinkedIn zeigt, dass die Bewertung sozialer Netzwerke extrem schwierig ist, weil viel Zukunft eingerechnet wird. LinkedIn hat 100 Millionen Mitglieder. Wenn alle ein Premium-Abo für 240 Dollar pro Jahr kaufen würden, dann wäre die heutige Bewertung lächerlich günstig. Der Ertrag pro Nutzer wird allerdings kaum je auf 240 Dollar zu liegen kommen. Zumindest befinden sich andere Internetplattformen wie Facebook, Google, Amazon oder eBay weit darunter (siehe «Was ein Nutzer wert ist» unter 'Downloads').

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«Wenn man heute wüsste, dass sich LinkedIn als Geschäftsnetzwerk global durchsetzt, dann wäre die Aktie trotzdem ein sicherer Kauf», sagt Marc Bernegger, der schon mehrere Internetfirmen aufgebaut hat (etwa Usgang.ch und Amiando.com). «Allerdings sind schon viele grosse soziale Netzwerke im Internet wie Myspace vom Hype in die Bedeutungslosigkeit verschwunden. So könnte es auch LinkedIn ergehen», ergänzt Bernegger, der auch als Investor bei Jungunternehmen agiert, etwa als Partner bei Next Generation Finance Invest, einer an der Berner Börse kotierten Beteiligungsgesellschaft, die in Internetfirmen in der Finanzbranche investiert.

Die Gefahr für LinkedIn zeigt sich im Wachstum der Mitgliederzahl bei BranchOut (siehe «Rasantes Wachstum» unter 'Downloads'). Dabei handelt es sich um eine bei Facebook integrierte Applikation für geschäftliches Netzwerken, also um direkte Konkurrenz für LinkedIn.

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Im Moment scheint Facebook mit 700 Millionen Mitgliedern alle Konkurrenten mühelos zu übertrumpfen. Das zeigt sich auch bei wichtigen Messgrössen wie der durchschnittlichen Zeitdauer, die ein Nutzer in einem Netzwerk eingeloggt bleibt. Diese Grösse bestimmt auch die möglichen Werbeerträge. Im Vergleich zu Facebook verbringen die Nutzer bei LinkedIn relativ wenig Zeit. «LinkedIn und ihr kleinerer Konkurrent Xing sind deswegen auch schon als Lebenslauf-Friedhöfe bezeichnet worden», sagt Hartinger. «Beiden Plattformen fehlen die Applikationen, die Transaktionen, es passiert nichts, deshalb bin ich dort auch nicht immer eingeloggt», erklärt er.

Fast dauernd eingeloggt ist Hartinger dagegen bei Facebook, der Plattform, die im vergangenen Jahr rund zwei Milliarden Umsatz und einen Gewinn von einer halben Milliarde Dollar erwirtschaftet haben soll. Der Wert dieser Geschäftszahlen an der Börse ist umstritten.

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Obwohl Facebook noch an keiner Börse kotiert ist, können die Aktien auf verschiedenen Handelsplattformen für privat gehaltene Firmen gekauft werden. Bei Sharespost.com kostet eine Facebook-Aktie derzeit rund 34 Dollar, was einen Marktwert von 80 Milliarden impliziert. Die Aktien sind damit wieder deutlich günstiger als noch im Januar, als Facebook bei Sharespost sogar mit 155 Milliarden Dollar bewertet wurde.

Gerüchteweise soll Facebook im ersten Quartal des nächsten Jahres zu einem Marktwert von 100 Milliarden Dollar an die Börse gebracht werden. Das halten die meisten Auguren für sehr teuer. Allerdings haben die auch schon im Jahr 2008 «sehr teuer» gerufen: Nur auf 15 Milliarden Dollar wurde der Wert von Facebook damals berechnet, und Microsoft kaufte sich zu diesen Konditionen einen Anteil von 1,5 Prozent am Netzwerk. Die «Sehr-teuer-Rufer» wurden im Nachhinein Lügen gestraft. Passiert jetzt bei 100 Milliarden das Gleiche?

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«Wenn das Wachstum von Facebook die nächsten zwei bis drei Jahre anhält, dann ist die heutige Bewertung nicht teuer», sagt Bernegger. Er vergleicht den Börsengang von Facebook mit dem von Google. Die Suchmaschine ging im Jahr 2004 an die Börse mit einem Marktwert von 27 Milliarden Dollar, was damals eine Mehrheit als viel zu teuer einstufte. Heute ist Google 160 Milliarden Dollar wert und erwirtschaftet 2,4 Milliarden Dollar Gewinn, pro Quartal! Aufgrund des schnellen Gewinnwachstums liegt das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) von Google heute deutlich unter 20.

Beim Börsengang im Jahr 2004 lag das KGV von Google allerdings noch bei 1350 – auf Basis eines Gewinns von nur 20 Millionen Dollar im Jahr 2003. Im Vergleich zum Börsengang von Google wäre der 100-Milliarden-Börsengang von Face­book geradezu günstig bewertet, mit einem KGV von nur 200.

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Alles für den Sieger. «Wenn Facebook eine dominante Rolle im Werbemarkt einnehmen kann, dann sehe ich trotz der exorbitanten Bewertung Potenzial nach oben», sagt Bernegger. Das Geschäft im Internet funktioniert international eben nach dem Motto «The winner takes it all». Google hat sich als Suchmaschine durchgesetzt, und Facebook dürfte sich als soziales Netzwerk durchsetzen. Darum ist auch für Hartinger eine Marktbewertung von 100 Milliarden für Facebook nicht überrissen, sondern eine Wette für Risikobewusste. «Das Potenzial ist noch riesig. Alleine durch ein professionelleres Werbemanagement-Tool könnte Facebook die Einnahmen drastisch steigern», sagt Hartinger. Bis anhin seien die Möglichkeiten erbärmlich, die Facebook den Werbekunden biete, ergänzt er.

Wer sich als Privatinvestor schon vor dem Börsengang an Facebook beteiligen will, muss tief in die Taschen greifen. Derzeit kostet die Mindestmenge, die bei Sharespost.com zum Verkauf steht, fast 100 000 Dollar.

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Man kann sich aber auch indirekt an Facebook beteiligen: über Microsoft, die einen Anteil von 1,5 Prozent am sozialen Netzwerk besitzt, und über die südafrikanische Firma Naspers (ISIN: ZAE000015889), die indirekt eine Beteiligung von rund 2,4 Prozent an Facebook hält. Im Vergleich zu Facebook sind Microsoft und Naspers günstig bewertet: Naspers mit einem KGV von unter 20 und Microsoft sogar unter 10. So lässt sich günstig eine kleine Beteiligung an Facebook aufbauen. Alles eine Frage der Verpackung. Übrigens auch bei der Büchse der Pandora. Sie war in Wirklichkeit gar keine Büchse, sondern ein irdener Vorratskrug (griechisch: pithos) für Wein, Öl oder Getreide. Das Wort «Büchse» ist ein Übersetzungsfehler.