Sie galten in den düstersten Wochen der Corona-Pandemie als die vergessenen Kinder der Unternehmenswelt: die Startups. Alle KMU erhielten innerhalb von Tagen ihre Notkredite, nur die Startups qualifizierten sich nicht dafür. Ihnen mangelte der nötige Umsatz, den die Richtlinie für die Staatshilfe verlangte.

Seit vier Wochen ist alles anders. Dank einem zweiten Krisenpaket dürfen auch die Jungunternehmer bei den Banken Notkredite beantragen. Die Basis dafür bildet der vom Staatssek­retariat für Wirtschaft (Seco) ausge­arbeitete sogenannte Bürgschafts­ver­trag. Dieser Basisvertrag, welcher der «Handelszeitung» vorliegt, zeigt: Die Banken tragen dabei absolut kein ­Risiko. Im Gegenteil: Sie können Gebühren und Zinsen in beträchtlichem Umfang von Staat und Kanton einfordern, selbst wenn das Startup bankrott geht. Einigen Startups und Wagniskapitalgebern geht das deutlich zu weit.

Die Blaupause für den Bürgschaftsvertrag ist vom Seco unter Mitsprache der Bankenbranche und der Start­up-Welt ausgearbeitet worden. Die entscheidende Zahl darin: 120 Prozent. Sie besagt, dass sich Bund und Kantone gegenüber den Banken für 120 Prozent des eigentlichen Kredits für die Startups verbürgen. Konkret heisst das: Für jede 100'000 Franken, die im Ernstfall bei einem Startup verloren gehen, könnten weitere 20'000 bei den Banken fällig werden. Für Unkosten, wie es aus der Bankenbranche heisst. Andere sprechen von garantierten Einnahmen bei null Risiko.

Zinsen und Zinseszinsen

«20 Prozent sind einfach zu viel», sagt ein Berater aus der Startup-Szene, der seinen Namen nicht in der Zeitung ­lesen will. «Dieser hohe Prozentsatz wäre nicht nötig gewesen.» Es gibt aber auch Wagniskapitalgeber, die Verständnis aufbringen. «Über die Jahre können sich Zinsen und Zinseszinsen für die Banken schon auf zweistellige Prozente summieren», erklärt ein Startup-Förderer aus Zürich.

Allerdings rückt der Bürgschaftsvertrag die Banken auch sonst in eine gute Position. So können die neuen verbürgten Kredite dazu gebraucht werden, um seit März entstandene Kontoüberzüge der Startups bei der kreditgebenden Bank auszugleichen.

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Das juristische Risiko ist für die Banken gering. Wenn ein Startup insolvent werden sollte, dann müsse die kreditgebende Bank keine recht­lichen Schritte oder eine Betreibung gegen das Startup einleiten, heisst es im Bürgschaftsvertrag. Stattdessen könne sie den verbürgten Kredit inklusive der Zinsen und Unkosten direkt bei der dafür zuständigen Bürgschaftsorganisation und damit bei Bund und Kanton einfordern. Und das kann schnell gehen. Kommt ein Startup seinen Verpflichtungen bei Zinsen oder Kreditzahlungen nicht nach, so darf die Bank bereits nach einer «Mahnung und ­einer Nachfrist von einem Monat» an die Solidarbürgin gelangen.

Komplexer Prozess

Das fällige Geld muss spätestens nach drei Monaten bei der Bank sein. Die Bank darf dabei nicht nur den ­eigentlichen Kredit geltend machen, sondern neben den Zinsen und Bankgebühren auch weitere nachweisbare Kosten.

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Wie hoch diese Entschädigungen für die Banken sind, ist in der nationalen Vorlage des Seco nicht geregelt. Die Bedingungen werden direkt zwischen Startup und Bank ausgehandelt. Die Kantone und die Bürgschaftsorganisationen, welche die Kredite letztlich absegnen, haben dazu nichts zu sagen.

Zwanzig Kantone haben bisher zugesagt, sich am Programm zu beteiligen. Das Prozedere ist stets das gleiche: Ein Startup stellt zentral beim Seco ­einen Antrag auf Kredit, von wo dieser dann an den entsprechenden Kanton weitergeleitet wird.

Der Kanton wiederum bestimmt eine Stelle, die mithilfe von Experten den Kreditantrag prüft. Diese Einschätzung gelangt anschliessend an eine der vier Bürgschafts­organisationen der Schweiz, die dann abschliessend über den Antrag entscheidet und den entsprechenden Bürgschaftsvertrag unterschreibt und ihn zurück an das Startup schickt. Mit dem Schreiben in der Hand kann das Unternehmen dann zu einer beliebigen Bank gehen und konkret den nun verbürgten Kredit beantragen.

Noch am Anfang

Bisher gibt es unterschiedliche Signale, ob das Programm erfolgreich sein wird. «Einige Kantone werden überrannt», meldet ein Startup-­För­derer. Andere berichten von einer gewissen Zurückhaltung der Jungunternehmen. Offiziell hat laut Seco erst ein einziges Startup einen Kredit bewilligt erhalten. Allerdings dürfte es für aussagekräftige Zahlen deutlich zu früh sein. Über die konkrete Umsetzung des Programms haben die Kantone erst vor einigen Tagen konferiert. Das Fenster für das Beantragen der Kredite ist noch den ganzen Sommer bis Ende August offen.