Wer Geld von der ­Pensionskasse auf ein Freizügigkeitsdepot verschiebt, hat bei der Pensionierung viel mehr Geld als andere, die voll im Pensionskassensystem bleiben. Kein Wunder, haben viele, die sich mit dem Thema ­Pensionskassen auskennen, den Schritt aus dem System schon gemacht.

Aber langsam, Schritt für Schritt: Zuerst schauen wir uns an, wie sehr es sich lohnt, aus dem Pensionskassensystem zu einer Freizügigkeitseinrichtung zu flüchten. Danach kommen wir zum Punkt, wie man flüchten kann.

In den vergangenen fünf Jahren haben die Pensionskassen die Gelder der aktiv Versicherten mit rund 2 Prozent pro Jahr verzinst. Das ist wenig, wenn bedacht wird, dass es Schweizer Aktien in der gleichen Zeit deutlich über 5 Prozent Rendite pro Jahr brachten. Auch die Obliga­tionenkurse sind deutlich gestiegen – und die Immobilienpreise sowieso. In diese drei Anlagekategorien investieren die Pensionskassen am meisten: rund 85 Prozent ihres Anlagekapitals, wie die UBS kürzlich ermittelt hat.

Ein Fünftel der Pensionskasse

Wieso also kommen da nur 2 Prozent Zinsen für die aktiv Ver­sicherten heraus? Die Antwort findet sich vor allem in der Umverteilung von aktiv Versicherten (den Arbeitnehmenden) zu den Rentnern. Um die hohen Umwandlungssätze der Rentner zu finanzieren, müssen die Pen­sionskassen von der Rendite der aktiv Versicherten etwas abzwacken. Bei diesen landet teilweise nur ein Fünftel der Anlagerendite ­einer Pensionskasse. Wenn die An­lage­rendite der Pensions­kasse 10 Prozent beträgt, landen also nur 2 Prozent bei ­den aktiv Versicherten. Experten schätzten den Betrag der gesamten Umverteilung im Jahr 2019 auf 7 Milliarden Franken.

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«Die zweite Säule war mal leistungs­fähig, ist heute aber übersteuert und zum Spielball der Politik geworden. Das ist gefährlich für den Sparer», kommentiert dies der unabhängige Analytiker und Investor Christian Dreyer. Er ist ein Kenner der Branche – ehemaliger Organisator der jährlichen Pensions Conference in Rüschlikon und ehemaliger Geschäftsführer der CFA Society Switzerland, eines Berufsverbandes von Finanzexperten.

Kommentar

Der Anreiz, aus der Pensionskasse zu flüchten, ist gross. Doch wenn zu viele gehen, wackelt das gesamte System. Mehr hier

Wer nun aus dem Pensionskassen­­system aussteigt, muss diesen Umverteilungseffekt nicht mehr mitmachen. Das heisst: Wenn mit den Anlagen 10 Prozent Gewinn gemacht werden, landet nahezu alles beim Versicherten, also fast 10 Prozent, vielleicht nur 9, aber viel mehr als ­ die 2 Prozent, die er im Pensionskassensystem erhält.

Dafür trägt der Versicherte auch das Risiko voll, wenn die Aktienkurse fallen. Letzteres muss er dann aushalten. Wobei zu beachten ist, dass Aktien über lange Zeiträume bisher sehr hohe Renditen gebracht haben. Es gibt durchaus gut Gründe, weshalb das auch in Zukunft so bleiben dürfte. Auf die finanztheoretische Argumentation wird hier nicht eingegangen, nur so viel dazu: In den vergangenen 94 Jahren haben Schweizer Aktien im Schnitt über rund 8 Prozent Rendite pro Jahr gebracht, wie eine jährlich aktualisierte Studie der Privatbank Pictet zeigt.

Zudem sind die meisten Pensions­kassen stark in Obligationen und Immo­bilien investiert. Das muss nicht schlecht sein, aber auch nicht im Sinne jedes Versicherten. «Ich möchte nicht Mitbesitzer der Zürcher Bahnhofstrasse sein», sagt Adriano Lucatelli, Chef und Gründer von Descartes Finance, dazu. Er spielt damit darauf an, dass die Swiss Life, einer der grössten Anbieter für Pensionskassen­lösungen, viele Immobilien an dieser Strasse besitzt. Tatsächlich ist es so, dass jemand, der schon ein Haus besitzt, vielleicht nicht auch noch mit seiner Pensionskasse in Immobilien investiert sein will. Aber leider kann er die Anlagen seiner Pensionskasse nicht bestimmen.

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Christian Dreyer

Christian Dreyer, unabhängiger Analytiker und Investor, über die zweite Säule: «Zum Spielball der Politik geworden.»

Quelle: ZVG

Als erstes Fazit zeigt sich folgendes Bild: Wer 100'000 Franken bei seiner Pensionskasse über ­einen Zeitraum von zwanzig Jahren zu ­einem Zinssatz von 2 Prozent anlegt, hat am Ende ein Vermögen von rund 149'000 Franken. Wer zu 8 Prozent pro Jahr in Aktien investiert hat, macht im gleichen Zeitraum 466'000 Franken daraus. Das sind 317'000 Franken mehr. Sie können mir in zwanzig Jahren für den Tipp danken.

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Umwandlungssatz fällt

Skeptiker werden jetzt einwenden, dass die 8 Prozent Gewinn pro Jahr an der Börse nicht garantiert sind. Das ist richtig, aber die 2 Prozent bei den Pensionskassen sind es auch nicht. Das dürfte ziemlich sicher in den nächsten Jahren noch weniger werden. Auch der Umwandlungssatz, mit dem das Kapital in eine Rente umgewandelt wird, dürfte weiter fallen. Vielleicht nicht im Obligatorium, aber im Überobligato­rium, also sicher für alle, die mehr als 85'000 Franken pro Jahr verdienen.

Gleichzeitig könnten die Schranken für einen Kapitalbezug bei der Pensionierung steigen. Ausserdem könnten Pen­sionskassen bei einem Börsentief in eine Unterdeckung geraten, was schlecht für die Versicherten wäre, weil die Kasse dann saniert werden müsste. Das spricht alles nicht dafür, das ganze Vorsorgegeld in ­einer Pensionskasse zu lassen.

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100'000 Franken mehr

Sicher sollten alle, die über 55 Jahre alt sind – also 10 Jahre oder weniger von der Pensionierung entfernt sind –, vorsichtig sein, alles in Aktien zu investieren. Also rechnen wir konservativ, mit einer Rendite von 4,8 Prozent. Das ist noch 60 Prozent von den 8 Prozent.

Selbst mit dieser Rendite werden aus den anfänglichen 100'000 Franken in zwanzig Jahren 255'000 Franken. Das sind 100'000 Franken mehr als bei einer Pen­sionskasse. Auch innerhalb von zehn Jahren ist der Unterschied noch gross: Es ­werden 122'000 Franken bei einer Pen­sionskasse daraus (mit 2 Prozent Zins pro Jahr) und 160'000 Franken mit 4,8 Prozent Aktienrendite oder gar 216'000 Franken mit 8 Prozent Aktienrendite. Sicher ist beim Vergleich zu beachten, dass Pen­sionskassenmanager nicht 100 Prozent der Anlagen in Aktien investieren dürfen. Selbst wenn sie wollten, würde es das ­Gesetz nicht erlauben.

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Je länger die verbleibende Zeit bis zur Pensionierung, desto länger ist auch der Anlagehorizont – und desto höher ist der Unterschied zwischen dem, was aus dem Geld bei der Pensionskasse, und dem, was da­raus in einer Freizügigkeitseinrichtung wird. Mit 8 Prozent Rendite pro Jahr wird aus den 100'000 Franken innerhalb von dreissig Jahren knapp über 1 Million Franken, während es bei einer Pensionskasse mit 2 Prozent Verzinsung nur 181'000 Franken werden, also rund 800'000 Franken weniger. 

Auswandern, Immobilien oder selbstständig

Wenn Sie mir jetzt glauben, dass es sich lohnt, das Geld aus dem Pensionskassensystem zu nehmen, stellt sich die Frage, wie Sie da herauskommen. Grundsätzlich gibt es die Varianten auswandern, Immobilien kaufen oder sich selbstständig machen. Die drei sind wenigen vorbehalten, weil nicht alle Immobilien kaufen, schon gar nicht auswandern oder sich selbstständig machen können oder wollen. Für Letzteres muss es ein selbstständiger Haupterwerb sein, zudem prüfen die Behörden, ob wirklich eine Selbstständigkeit vorliegt.

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Aber es gibt noch eine vierte Variante, über die bisher wenig öffentlich diskutiert wurde. Sie kann bei einem Jobwechsel oder irgendeinem Unterbruch im Arbeitsleben genutzt werden – auch wenn man mal arbeitslos wird oder eine Auszeit zwischen zwei Jobs nimmt. Die bestehende Pensionskasse fragt dann, wohin sie die Freizügigkeitsleistung (Ihr Geld in der Pensionskasse) überweisen soll. Dann kann man zwei Freizügigkeitseinrichtungen angeben. Es sind zwei möglich, weil der Gesetzgeber kein Klumpenrisiko mit nur einem Anbieter verantworten wollte. Deshalb ist es wichtig, zwei voneinander ganz unabhängige Anbieter zu wählen, nicht einfach zwei Konten oder zwei Depots beim gleichen Anbieter.

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Wenn man den neuen Job antritt, schreibt die Pensionskasse des neuen ­Arbeitgebers, dass man doch bitte die Freizügigkeitsleistung überweisen soll. Dann überweist man nur den Teil von der einen Freizügigkeitseinrichtung, den anderen Teil belässt man bei der anderen Freizügigkeitseinrichtung. Zwar erlaubt das Gesetz das eigentlich nicht, sondern schreibt vor, alles in die Pensionskasse einzuzahlen. In der Praxis setzen sich die Pensionskassen aber nicht durch.

Einige Experten zum Thema Pensionskassen berichten höchstens davon, dass die Pensionskassen positive Anreize zu schaffen versuchen, um die Versicherten dazu zu bringen, trotzdem alles einzu­zahlen. Etwa indem sie Gelder zur Finanzierung von selbstbewohntem Wohn­eigentum nur auszahlen, wenn vorher alle Freizügigkeitsgelder überwiesen werden. Aber wer Immobilien kauft, kann wiederum das Kapital beziehen und ist so ebenfalls aus der Umverteilungsmaschinerie der Pensionskasse gekommen.

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Freie Wahl haben

Noch eine Warnung: Die neue Pen­sionskasse schickt neben der Aufforderung zur Einzahlung auch ein Formular, in welchem sie nachfragt, ob man noch weitere Gelder bei einer Freizügigkeitseinrichtung hat. Dort muss man wahrheitsgemäss antworten, sonst ist das Urkundenfälschung.

Adriano Lucatelli

Adriano Lucatelli, Chef Descartes Finance: «Ich möchte nicht Mitbesitzer der Bahnhofstrasse werden.»

Quelle: ZVG

Sobald man das Geld ausserhalb des Pensionskassensystems hat, ist man frei von der Umverteilung von aktiv Versicherten zu den Pensionierten. Zudem hat man dann auch die freie Wahl, welcher Freizügigkeitseinrichtung man sein Geld anvertrauen will. Das im Unterschied zur Pensionskasse, die von den Versicherten nicht gewählt werden kann, sondern vom Arbeitgeber bestimmt wird.

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Bis 100 Prozent Aktien

Auf der Suche nach einem Freizügigkeitsanbieter wählt man mit Vorteil einen, der hohe Aktienanteile erlaubt, also eine Wertschriftenlösung anbietet, die wir hier Freizügigkeitsdepot nennen. Es gibt derzeit die beiden Anbieter Viac und Descartes Vorsorge, die hohe Aktienanteile in ihren Lösungen anbieten. Bei beiden kann man eine Beziehung digital, also online eröffnen. Bei Descartes Vorsorge kann bis 100 Prozent in Aktien angelegt werden, bei Viac bis 97 Prozent. Von den Gewinnen, die mit den Wertschriften gemacht werden, landet alles – abzüglich der Kosten der beiden Anbieter von deutlich unter 1 Prozent – bei den Versicherten.

Je länger der Anlagehorizont, also je weiter weg die Pensionierung noch ist, desto höher darf der Aktienanteil sein. Wer jünger als fünfzig Jahre alt ist, dem kann zu 100 Prozent Aktien geraten werden. Wer hingen nur noch fünf Jahre vor der Pensionierung ist, dem müssen deutlich geringere Aktienanteile empfohlen werden – wegen der mit höheren Aktienanteilen steigenden Wertschwankungen.

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Als konkrete Handlungsempfehlung bei einem Stellenwechsel beziehungsweise bei einem Unterbruch der Beschäftigung: Man weist seine Pensionskasse an, den obli­gatorischen Teil der beruflichen Vorsorgegelder – also alles, was unter 60'435 Franken Jahreslohn versichert war – auf ein Frei­zügigkeitskonto und den Rest, das sogenannte Überobligatorium, auf ein zweites Freizügigkeitskonto bei einem anderen ­Anbieter zu überweisen. Die Pensions­kasse des ehemaligen Arbeitgebers sollte dabei behilflich sein, die Beträge aus dem Obligatorium und dem Überobligatorium zu berechnen.

Zahlen zum Thema

20 Prozent: Nur so wenig von der tatsächlichen Anlagerendite einer Pensionskasse kann bei den aktiv Versicherten teilweise ankommen.

7 Milliarden Franken: Auf diesen Betrag wird die Umverteilung von aktiv Versicherten zu Rentnern für das Jahr 2019 geschätzt.

317'000 Franken reicher kann nach 20 Jahren in Rente gehen, wer aus der Umverteilungsmaschinerie der Pensionskassen flüchtet.

1 Million Franken wird aus 100'000 Franken in 30 Jahren mit jährlich 8 Prozent Rendite. Bei Pensionskassen liegt ein Fünftel davon drin.

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Als mögliche Vorgehensweise könnte man den einen Teil auf ein Freizügigkeitsdepot bei Descartes Vorsorge und den anderen zu Viac überweisen, die beide hohe Aktienanteile ermöglichen. Man kann aber auch auf jedes andere Freizügigkeitskonto überweisen. Man muss einfach direkt von der Pensionskasse des ehemaligen Arbeitgebers auf Konten von zwei voneinander unabhängigen Freizügigkeitsanbietern überweisen. Nachträglich kann man den Freizügigkeitsbetrag nicht mehr splitten.

Halbe-halbe

Man kann auch einfach je eine Hälfte zu jedem der beiden Institute überweisen. Dann schaut man, wo sich das Geld besser entwickelt oder mit welchem Anbieter man zufriedener ist. Erst wenn man wieder ­einen Job annimmt, überweist man den obligatorischen Teil an die neue Pensionskasse und das Überobligatorium belässt man auf dem Freizügigkeitsdepot. Oder man überweist einfach die eine Hälfte, die andere belässt man auf dem Freizügigkeitsdepot.

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Natürlich wird das Pensionskassensystem in arge Schwierigkeiten geraten, wenn sehr viele in die Freizügigkeit ausweichen. Deshalb dürfte die Politik dann reagieren müssen, und sei es nur mit härterem Durchgreifen in der Praxis, wenn jemand nicht alle Freizügigkeitsleistungen überweist.

Das Pensionskassensystem ist heute schon in grossen Schwierigkeiten, die sich nur noch nicht so klar zeigen, zumindest nicht den Laien. Viele Profis sind schon lange weg aus dem System. Wenn Sie, lieber Leser, liebe Leserin, es vorher nicht wussten: Jetzt wissen Sie Bescheid.

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