Der Montag war kein Tag für Öl-Anleger. Fast alle, die irgendwie am Ölmarkt mit dabei waren, erlebten einen Horror. Die Aktien von Ölkonzernen wie BP, Shell oder Total waren im Rückwärtsgang mit Tagesverlusten von fünf bis zehn Prozent. Ölausrüster wie Halliburton oder Schoeller Bleckmann waren ebenfalls auf Tauchfahrt und ganz besonders gross waren die Verluste beim Ölpreis.

War die Nordsee-Ölsorte Brent mit einem Tagesverlust von etwa 40 Prozent ohnehin schon massiv unter Druck, so kam es bei der US-Sorte WTI – West Texas Intermediate – zu einem absoluten Kurskollaps. Der Preis rauschte um 100 Prozent nach unten und landete teilweise sogar im negativen Bereich. Wer Öl verkaufen musste oder wollte, bekam kein Geld dafür, sondern musste dafür bezahlen.

Tanker-Aktien liefern schöne Kursgewinne

Nicht im Minus dagegen waren die Aktien von Öl-Tankern. International Seeways (ISIN: MHY410531021), Frontline (ISIN: BMG3682E1921) und Teekay Tankers (ISIN: MHY8565N3002) kletterten Anfang der Woche jeweils zwischen zehn und 25 Prozent. Scorpio Tankers (ISIN: MHY7542C1306T) gingen um 30 Prozent nach oben und Tsakos Energy Navigation (ISIN: BMG9108L1081) explodierte sogar um 40 Prozent.

Der Kursschub bei den Tankern ist leicht nachvollziehbar. Infolge Corona-Krise und Stillstand grosser Teile der Wirtschaft und einer Lähmung der Bevölkerung durch Quarantäne oder Ausgangsbeschränkungen ist die Nachfrage nach Öl massiv zurückgegangen. In den USA beispielsweise hat sich der Benzinverbrauch halbiert und die Nachfrage nach Kerosin für Flugzeuge ist im Bereich von Null.

Corona bringt eine Ölschwemme…

Die Ölproduzenten in den USA dagegen produzieren munter weiter. Weniger Nachfrage und mehr oder weniger konstantes Angebot – das bringt einen Überschuss am Ölmarkt. Deshalb fielen Anfang der Woche auch die WTI-Preise ins Bodenlose. Denn wer am Terminmarkt durch einen Mai-Kontrakt verpflichtet war, WTI-Öl im Mai von seinem Gegenpart an der Warenbörse in Chicago, der Chicago Mercantile Exchange kurz CME, abzunehmen, der kam in die Bredouille. Wohin nämlich mit dem Öl?

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Die Lagerkapazitäten in den USA werden wegen des Angebotsüberschusses immer voller und sind in wenigen Wochen komplett zugebunkert. Wer aber nächste Woche oder bis Ende Mai Öl angedient bekommt, der kann es nicht einfach so im Garten bunkern. Viele Spekulanten waren deshalb Anfang der Woche sogar bereit ihre Mai-Öl-Reserven auch gegen Zuzahlung abzugeben. Etwas Ähnliches kennen Anleger seit längerem ja auch bei Staatspapieren. Länder mit bester Bonität wie die Schweiz bekommen für die Ausgabe ihrer Schuldtitel sogar noch Geld geschenkt, zahlen also weniger zurück, als sie zuvor bekommen bei der Ausgabe der Obligationen am Markt bekommen haben.

…bei vollen Lagern an Land bunkern Spekulanten zunehmend Öl in Tankern

War die Negativzahlung für Mai-Kontrakte am Terminmarkt für viele Spekulanten die beste Lösung, so waren freie Kapazitäten auf Öl-Tankern für andere der letzte Strohhalm. Weltweit schippern etwa 850 der ganz grossen Tanker der Klasse VLCC oder Very Large Crude Carrier – sehr grosse Öl-Träger – auf den Meeren. Sie haben eine Länge ab etwa 320 Metern und können rund 3,0 Millionen Barrel Röhöl fassen.

Normalerweise werden diese Schiffe auch für den Transport von Rohöl benutzt. Jetzt ist es aber anders. Branchenkennern zufolge kommen inzwischen etwa 125 dieser grossen Tanker für die Lagerung von Öl zum Einsatz. In normalen Zeiten sind das lediglich nur etwa 25 dieser Schiffe.

Spekulanten setzen auf steigende Ölpreise

Die grossen Tanker-Gesellschaften haben inzwischen eine ganze Reihe ihrer Schiffe teils für viele Monate vermietet um Öl für die Kunden zu bunkern weil es an Land keine Kapazität mehr gibt. Die aktuelle Marktlage hängt wie geschildert vor allem mit Corona zusammen. Viele Öl-Spekulanten oder auch -Händler rechnen damit, dass der Corona-Stillstand in wenigen Monaten zu Ende ist und dass dann die Ölnachfrage und der Preis schnell wieder steigen werden.

Deshalb sind Terminkontrakte auf Öl in der Zukunft teils deutlich teurer als für Juni oder Juli. Kostet das Barrel für die beiden Sommermonate an der CME derzeit rund 17 und etwa 22 Dollar, so steht der Preis für September-Öl bereits bei 26 Dollar. Für den Februar-Kontrakt im nächsten Jahr werden sogar schon wieder Preise von über 30 Dollar aufgerufen und der Dezemberkontrakt 2021 kostet sogar 34 Dollar für das Barrel.

Die Frachtraten sind stark gestiegen

Für die Teilnehmer am Ölmarkt macht es also Sinn, Öl auf Tankschiffen zu bunkern, wenn die Kosten dafür geringer sind, als die Preisdifferenz am Terminmarkt. Diese extra Nachfrage nach Lagerstätten zusammen mit dem Angebotsüberschuss infolge der Corona-Krise beschert den Tanker-Firmen hohe Frachtraten.

Werden in normalen Zeiten für die Miete eines grossen Öltankers pro Tag etwa 35000 bis 40000 Dollar fällig, so liegt die Rate wegen der hohen Nachfrage nach Lagerkapazitäten derzeit teilweise im Bereich um 100000 Dollar. Für die Tankergesellschaften ist das ein unerwarteter Windfall-Profit, der mehr als doppelten Ertrag und enorme Gewinnsteigerungen bringen dürfte.

Frontline und Teekay Tankers – ganz tiefe KGVs

Diese Gewinne sind zwar nicht für alle Zeiten festgezurrt, aber derzeit sind die Tanker-Flotten ein gewinnträchtiges Investment. Denn die Gewinnschätzungen deuten queer Beet durch den Sektor auf ganz tiefe KGVs.

Frontline und Teekay Tankers kommen für dieses Jahr jeweils auf ein geschätztes 3er-KGV. Auch für nächstes Jahr erwartet der Konsens der Analysten bei beiden eine spottbillige 5er-Gewinnbewertung. Scorpio Tankers bringt es in diesem und nächsten Jahr nach Einschätzung der Analysten jeweils auf ein günstiges 5er-KGV.

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International Seeways und Tsakos Navigation gibt es fast umsonst

Sogar noch einen Tick günstiger schätzen die Experten International Seeways ein. Der Konsens der Analysten geht für den Betreiber einer Tankerflotte von einer Gewinnbewertung in diesem und nächsten Jahr jeweils vom Vierfachen aus. Noch günstiger bewertet ist allerdings die griechische Tsakos Energy Navigation. Das KGV der Tanker-Gesellschaft soll laut Konsensschätzung in diesem Jahr nur bei 2,1 liegen und auch im nächsten Jahr nochmals bei sensationell niedrigen 2,8 landen. Billiger geht einfach nicht!

Tankergesellschaften zählen damit zu den günstigsten Titeln auf dem Kurszettel. Kein Wunder, dass bei den genannten Unternehmen jeweils fast alle Analysten eine Kaufen-Empfehlung abgeben. Weitere Kursgewinne sind angesichts der extrem niedrigen Bewertung tatsächlich zu erwarten, insbesondere dann, wenn sich das Gewinnniveau wie von den Analysten geschätzt im nächsten Jahr im Rahmen des Konsens entwickeln sollte.

Hoffnung auf weiterhin hohe Nachfrage nach Lagerkapazität für Öl auf Tankern besteht sogar für die Zeit nach Corona. Denn an der Terminbörse CME gehen die Marktteilnehmer von weiter steigenden Ölpreisen aus. Der Dezember-Kontrakt für WTI Ende 2021 wird immerhin schon mit rund 40 Dollar gehandelt. Das längerfristige Lagern von Öl in Tankern könnte also für Spekulanten und die Betreibergesellschaften der Ölgiganten ein lukratives Geschäft bleiben. Und dann können auch die Aktionäre der Firmen mit weiter steigenden Kursen rechnen.

Georg Pröbstl ist Chefredaktor des Börsenbriefs Value-Depesche. Der Börsendienst ist auf substanzstarke unterbewertete Aktien mit guten Perspektiven aus Deutschland, Österreich und der Schweiz spezialisiert. Die jährliche Performance des Musterdepots seit Start im April 2010 beträgt +14,6 Prozent (DAX: +7,8 Prozent).

Transparenzhinweis: Der Autor berät Anlageprodukte. In diesem Beitrag besprochene Aktien können zum Anlageuniversum zählen.