Staatlich verordnetes Grümpel-Sparsystem. So nennt ein Informant, der nicht ­zitiert werden will, das helvetische Pen­sionskassensystem. Der Mann gehört zu den Eingeweihten. Er weiss, dass die zweite Säule der Altersvorsorge schon lange nicht mehr in der Champions League spielt, sondern höchstens noch an einem Grümpelturnier.

Kein Wunder also, hat er sich mit seinem Geld aus der Pensionskasse verabschiedet.

300'000 oder 600'000 Franken, das ist die Frage

Ein fünfzigjähriger Mann kann 300'000 Franken in der Pensionskasse angespart haben. Wenn er das Vermögen selber verwaltet, werden daraus bis zu seiner Pensionierung im Alter von 65 Jahren mit ­hoher Wahrscheinlichkeit 600'000 Franken. Und das, ohne eine weitere Einzahlung zu leisten.

Im PK-System müsste er bis zum Alter von 85 Jahren warten, um ohne weitere Einzahlungen den gleichen Betrag zu haben. Bei seiner Pensionierung im Alter von 65 Jahren wären für ihn aus den 300'000 wahrscheinlich bloss 400'000 Franken geworden.

Diese Rechnung veranschaulicht, wie gross die Anreize sind, aus dem Pensionskassensystem zu «flüchten». Kein Wunder, nutzen die Eingeweihten alle Schlupflöcher.

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Ein Teilausstieg aus der Pensionskasse ist möglich und wird meistens mit Zehn- oder gar Hundertausenden Franken mehr Kapital im Alter belohnt. Wie Sie die Lücke finden. Mehr hier

In der Recherche zum Thema zeigte sich ein Schlupfloch, das genutzt wird, obwohl es sich in ­einer Grauzone befindet. Eingeweihte nutzen es, wenn sie den Arbeitgeber wechseln oder ihre Beschäftigung aus anderen Gründen unterbrechen. Man kann sich fragen, ob das fair ist. Als Journalist kann man sich zudem fragen, ob man darüber berichten soll. Denn je mehr Leute davon erfahren, wie viel mehr Kapital sie wahrscheinlich ausserhalb der Pensionskasse ansparen könnten, desto mehr werden sich aus der beruflichen Vorsorge verabschieden. Das wiederum führt dazu, dass das Pensionskassensystem noch schlechter wird, nicht einmal mehr eines Grümpelturniers würdig. Wenn sehr viele das System verlassen, bricht es sogar zusammen.

Ich will nicht, dass das Pensionskassensystem ­zusammenbricht. Aber ich finde es unfair, wenn die Allgemeinheit nicht erfährt, dass Eingeweihte das löchrige PK-Boot aus guten Gründen verlassen.

Wir erleben einen Schrecken ohne Ende – höchste Zeit für Reformen!

Das PK-System funktioniert schon lange nicht mehr so, wie es entworfen wurde. Aus der zweiten Säule, in der nach dem Kapitaldeckungsverfahren jeder selber für sein Alter vorsorgt, ist eine Umverteilungsmaschinerie geworden. Die Pensionskassen wurden in einer Abstimmung über das Drei-Säulen-­System im Jahr 1972 eingeführt. Damals stimmten 75 Prozent der Bevölkerung zu. Es dauerte bis 1985, bis die zweite Säule umgesetzt wurde. Damals war es ein leistungsfähiges System, bei dem die meisten ­gerne dabei waren. Das ist heute nicht mehr so.

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Deswegen ist es Zeit, die Pensionskassen zu reformieren. Sonst werden sich wohl immer mehr Leute aus dem aktuellen System zurückziehen. Der Prozess verläuft nicht abrupt, sondern schleichend, wie ein Schrecken ohne Ende. Lieber ein Ende mit Schrecken.