Wer an die Spitze eines grossen Finanzunternehmens will, muss ein gutes Gespür für Risiken haben. «Bloomberg» hat die Chefs verschiedener Investmentbanken, Vermögensverwalter und Versicherern gefragt, wie sie die Risiken für das kommende Jahr einschätzen. Neben vielen Problemfeldern sichten die Finanz-Topshots dabei auch Chancen. 

 

David Solomon, CEO von Goldman Sachs

«Ich denke nicht, dass die grössten Risiken aus der Wirtschaft herrühren. Es gibt eine Menge politische Unsicherheiten, welche die Unternehmen hemmen, Investitionen zu tätigen. Ich würde nicht sagen, dass wir uns eine Rezession einreden werden. Doch die politische Unsicherheit belastet die Wirtschaft und die Märkte.

Die Geldpolitik wird noch einige Jahre ein grosse Rolle spielen. Aber ich bin mir sicher, dass wir zurückblicken werden und einiges über die Auswirkungen negativer Zinsen gelernt haben werden.

Wir werden uns weiter auf unsere Kunden konzentrieren und sie dabei unterstützen, die Unwägbarkeiten zu umschiffen. Unsere Unternehmensstrategie ist langfristig auf Wachstum unseres Geschäfts, den Ausbau neuer Bereiche wie das Privatkundengeschäft sowie die Steigerung der Effizienz ausgerichtet. Wir blicken auf eine 150-jährige Unternehmensgeschichte zurück, in der wir uns immer wieder an ein dynamisches Umfeld angepasst haben.»

Kewsong Lee, Co-Chef der US-Beteiligungsgesellschaft Carlyle

«Ich habe längerfristig eine mögliche Verschlechterung der bilateralen Beziehungen zwischen den USA und China. Wenn die strukturellen Unterschiede zwischen unseren beiden ökonomischen und politischen Systeme im Laufe der Zeit nicht überbrückt werden können, kommt es zur Eskalation. Diese würde Investitionen und Finanzströme zwischen unseren Ländern einschränken. Künstliche Einschränkungen
des Zugangs zu den Kapitalmärkten, grenzüberschreitender Investitionen und des Besitzes von Vermögenswerten könnten das Wirtschaftswachstum verlangsamen und zu unvorhersehbaren Liquiditätsengpässen und schlechteren Ergebnissen an den Märkten führen.

Wir konzentrieren uns weiterhin auf das, was wir kontrollieren können. Das bedeutet, langfristig zu investieren mit Disziplin und Ausgewogenheit. Dabei arbeiten wir mit grossartigen Partnern zusammen. Über unsere globale Plattform wollen wir die Wertschöpfung unabhängig von wiederkehrenden Marktturbulenzen und politischen Entwicklungen.
von unserer globalen Plattform, um die Wertschöpfung unabhängig davon zu fördern.»

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Stephen Schwarzman, CEO von Blackstone

«Nach einer Wachstumsphase verlangsamt sich die Wirtschaft weltweit, bleibt aber weiterhin widerstandsfähig – insbesondere in den USA.
Der globale Trend zu niedrigeren und sogar negativen Zinsen droht, das Wachstum weiter zu abzuwürgen und einige Länder in eine schwierige Lage während des nächsten Abschwungs zu bringen. Die grössten kurzfristigen Risiken sind jedoch geopolitischer Art. Jegliche vorhersehbare wie unvorhersehbare Risiken könnten das Vertrauen der Anleger erschüttern – mit unmittelbaren negativen Folgen. Wie ich in meinem neuen Buch 'What It Takes' skizziere, haben wir bei Blackstone eine Kultur aufgebaut, um Abwärtsrisiken in unseren Entscheidungen
zu berücksichtigen. Es ist wichtig, dass Regierungen, institutionelle Investoren und Unternehmen dasselbe tun.»

Anne Richards, CEO von Fidelity International

«Negative Anleiherenditen sind heute von systemischer Bedeutung. Leitzinsen sind auf dem niedrigsten Niveau und US-Staatsanleihen sind so hoch bewertet wie seit 100 Jahren nicht mehr. Wir sind kurz vor einer Blase, wissen aber nicht, wann diese platzt. Die Zentralbanken stehen unter hohem Druck, das Risiko-Assets und die Risikobereitschaft zu unterstützen, und zwar unabhängig von möglichen moralischen Risiken.
Sollte sich der anhaltende Abwärtstrends bei Zinsen und Erträgen umkehren, könnte das höchst negative Auswirkungen haben. Aus diesem Grund haben die Zentralbanken einschliesslich der US-Notenbank und der Europäischen Zentralbank seit der globalen Finanzkrise jegliche Zinserhöhungen hinausgezögert.

Ein weiteres Problem ist die Liquidität. Der reibungslose globale Kapitalfluss stösst zunehmend auf Grenzen. Der Handelskrieg zwischen den USA und China sowie der Streit um die Börsenäquivalenz zwischen der Schweiz und der EU zeigen, wie politische Streitigkeiten sich auf Kapital und den Handel auswirken. Wenn der Kapitalfluss eingeschränkt wird, sind auch die Möglichkeiten des Finanzsystems begrenzt, auf unvorhergesehene Liquiditätsengpässe reagieren zu können.»

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David Herro, Stellvertretender Vorsitzender von Harris Associates

«Jede Entwicklung – seien es Wahlergebnisse oder andere politische Entscheidungen – welche die freie Marktwirtschaft und das Recht auf Privateigentum einschränkt, ist eine grosse Gefahr. Als Investor muss man daher immer die qualitativ hochwertigsten Unternehmen und die niedrigsten Bewertungen suchen.»
 

Axel Weber, UBS-Präsident

«Ich sehe im Jahr 2020 viele Risiken. Zum Beispiel der Handelskonflikt zwischen den USA und China, der Nahostkonflikt, Brexit, die US-Wahlen und eine weitere Abschwächung der Weltwirtschaft. Doch diese Risiken sind an sich nicht meine grösste Sorgen. Wir kennen solche Abwärtsrisiken und wir können uns darauf vorbereiten. Was mich mehr beunruhigt ist das beispiellose Mass an Unsicherheit, das mit diesen Risiken einhergeht. Zum Beispiel mache ich mir Sorgen um die möglichen negativen Folgen einer Entglobalisierung, die Nebenwirkungen der Geldpolitik der vergangenen zehn Jahre auf die Finanz- und Währungsstabilität oder die möglichen systemischen Folgen von Cyberangriffen.

Als Bank müssen wir uns dieser Risiken bewusst sein und in sehr unsicheren Zeiten vorbereitet sein. Unser regional und nach Sparten aufgeteiltes Geschäft, ist eine gute Voraussetzung, um unser Risikoprofil umsichtig und unser Kapital verantwortungsvoll zu verwalten.»

Andreas Utermann, CEO von Allianz Global Investors

«Erstens: die weitere Fragmentierung der neoliberalen Welt. Seit Ende des Zweiten Weltkriegs hat die Welt enorm vom freien Handel und Kapitalfluss profitiert. Es gab deutlich mehr Gewinner als Verlierer. Es ist zu hoffen, dass die zunehmenden Handelskonflikte nicht dazu führen, dass der Kuchen schrumpft und die Umverteilung zugunsten der Globalisierungsverlierer schwieriger wird, was wiederum zu einer weiteren Radikalisierung der Politik führt.

Zweitens: die geldpolitischen Herausforderungen. Für die sinkenden Inflationsraten der vergangenen 40 Jahre ist unter anderem die Politik der Zentralbanken verantwortlich, die weniger von der Politik beeinflusst wird. Zudem hat die Globalisierung die Verhandlungsmacht der Arbeitnehmer verringert. Angesichts anhaltend tiefer Inflation und Zentralbanken, welche ihr Inflationsziel verpassen, dürften die Notenbanker von allen Seiten des politischen Spektrums angegriffen werden. Damit könnte die Geldpolitik wieder politischer werden. Auch der Ausstieg aus dem QE-Programmen, der Politik des billigen Geldes, wird in einer sich abschwächenden Wirtschaft immer schwieriger. 

Angesichts dieser erheblichen Risiken und Unsicherheiten, hat für uns 2020 und darüber hinaus Kostenbewusstsein höchste Priorität.»

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(bloomberg/mlo)