Selten konnte man an der Börse in so kurzer Zeit so viel Geld verdienen. Wer beispielsweise am 18. März Aktien des US-Flugzeugbauers Boeing kaufte, hat seinen Einsatz seither verdoppelt. Wer einfach nur in den Dax oder den amerikanischen S&P 500 investierte, konnte innerhalb weniger Tage ein Plus von 20 Prozent machen. Das Problem dabei: Kaum ein Privatanleger hat das gemacht.

Dabei hatten sich viele vorgenommen, diesen Börsencrash zu nutzen, um günstig an der Börse einzusteigen und Schnäppchen einzusammeln. Doch jetzt scheint der Zug schon wieder abgefahren. Aber ist das wirklich der Fall? Liegt der Tiefpunkt an den Börsen schon wieder hinter uns? Oder kann es doch noch einmal tiefer gehen?

Letztlich weiss niemand die Antwort, auch Investment-Profis nicht. Doch diese schauen auf eine Reihe von Daten, um sich einer Antwort anzunähern. Sieben Kennziffern geben dabei Signale, und je mehr davon auf Grün stehen, desto näher dürfte die Trendwende sein.

1. Kursrückgänge im historischen Vergleich

Zunächst lohnt natürlich ein Vergleich mit anderen Börsencrashs. Dabei zeigt sich als Erstes, dass es noch nie so schnell so tief abwärts ging. Über ein Drittel verlor der MSCI Europe innerhalb von 20 Tagen, beim S&P 500 waren es rund 29 Prozent. Damit hatten beide schon fast jene Verluste erreicht, die sie bei den Abstürzen von 1990/91, 2000-2003, 2007- 09 und 2011/12 im Durchschnitt erlitten hatten. Nur damals zog sich das im Schnitt über 429 Tage hin.

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Es wäre also ein extrem kurzer Crash, wenn dies alles gewesen sein sollte. Zudem gab es eben auch Börsenabstürze, die noch weit schlimmer ausfielen. So sanken die Kurse nach dem Platzen der Dotcom-Blase Anfang des Jahrhunderts in Europa um fast 60 Prozent, in Amerika immerhin um 42 Prozent. Bei der Finanzkrise ging es auf beiden Seiten des Atlantiks um 56 beziehungsweise 57 Prozent abwärts.

Tendenz aktuell: gleichbleibend.

2. Volatilität

«Bullenmärkte beginnen in der Regel nicht mit einer zehnprozentigen Rallye an einem einzigen Tag», sagt Tim Graf, Chef der Makrostrategie in Europa bei State Street, und formuliert damit seine Zweifel, dass die schnelle Erholung schon eine Trendwende war.

Die Grafik zeigt die Schwankungsbreite der Märkte 2008 und März 2020 und deren Ausschläge.

Nach wie vor in schwindelerregender Höhe: Der Index für den US-Markt VIX.

Quelle: Welt/Yahoo
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Denn diese setzt normalerweise erst ein, wenn sich die Lage beruhigt hat, und das wiederum lässt sich an der Schwankungsbreite der Märkte messen, der Volatilität. Der entsprechende Index für den US-Markt VIX ist nach wie vor in schwindelerregender Höhe, fast so hoch wie während der schlimmsten Phase der Finanzkrise.

Tendenz aktuell: negativ.

3. Sentiment

Anders ist es dagegen bei der Stimmung der Investoren, gemessen durch den sogenannten «AAII Sentiment Survey». Bei dieser Umfrage geben Profis Auskunft, ob sie derzeit eher negativ («bearish») oder positiv («bullish») gestimmt sind. Aus dem Verhältnis zwischen Bullen und Bären ergibt sich dann ein Lagebild.

Trendwenden an den Börsen entstehen üblicherweise erst, wenn die Mehrheit pessimistisch ist – und das ist aktuell der Fall. «Das Sentiment ist schon extrem eingetrübt», sagt Bernd Meyer, Chefanlagestratege bei der Berenberg Bank. «Es gibt eine deutliche Dominanz der Bären.»

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Tendenz aktuell: positiv.

4. Kurs-Gewinn-Verhältnis

Eine übliche Kennzahl, um festzustellen, ob Aktien billig oder teuer sind, ist das Verhältnis von Kursen zu Gewinnen (KGV). Am Tiefpunkt des Crashs war das Kurs-Gewinn-Verhältnis schon deutlich zurückgegangen, in Bezug auf den MSCI ACWI Index, der alle Aktienmärkte der Welt umfasst, lag es schon über ein Viertel unter dem jahrzehntelangen Durchschnitt.

Das Problem: Hier fliessen die Gewinnprognosen der Analysten ein, und diese haben ihre Ausblicke bisher kaum verändert – für den Deutschen Aktienindex (Dax) sagen sie beispielsweise nach wie vor einen Zuwachs um fünf Prozent für dieses Jahr voraus. Daraus errechnet sich das aktuelle Dax-KGV von rund 14, knapp unter dem Durchschnitt.

Die Grafik zeigt das Kurs-Gewinn-Verhältnis der Unternehmen des MSCI ACWI Index.

Beim Kurs-Gewinn-Verhältnis ist die Talsohle wohl noch nicht erreicht.

Quelle: Welt/HQ Trust
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Doch diese Gewinnprognosen sind natürlich Unsinn. Die Analysten von M.M. Warburg rechnen beispielsweise damit, dass die Gewinne in diesem Jahr um mindestens 40 Prozent einbrechen. Damit läge das Dax-KGV derzeit weit über dem Schnitt.

Geht man zudem davon aus, dass das KGV in Bären-Märkten stets sinkt, so ist für den Dax noch viel Luft nach unten. M.M. Warburg kommt bei einem Gewinnrückgang von 40 Prozent in diesem Jahr auf einen fairen Wert des Dax von 6800 Punkten. Sollten die Gewinne im kommenden Jahr wieder um 40 Prozent steigen, so wäre bis zum Jahresende ein Stand von 8900 Punkten drin.

Tendenz aktuell: negativ.

5. Regressionslinie der Gewinne

Allerdings kann man auch viel weiter in die Zukunft blicken – und gerade Privatanleger sollten das tun. Denn langfristig steigen die Gewinne der Unternehmen mit einer erstaunlichen Kontinuität. Das ist auch nur logisch, denn einerseits wächst die Weltbevölkerung stetig, und andererseits steigen auch die Preise immer. Damit erhöhen sich auch die Gewinne, und sie tun dies entlang einer diagonalen Linie, die Marcel Müller vom Vermögensverwalter HQ Trust ermittelt hat.

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Die tatsächliche Gewinnentwicklung weicht zwar immer wieder davon ab, mal nach oben, mal nach unten, letztlich fällt sie aber stets auf diese Linie zurück, sie regressiert, weshalb sie als Regressionslinie der Gewinne bezeichnet wird.

Dieser Absturz ist schlimmer als der Schwarze Montag von 1987

Es ist der schnellste Stimmungsumschwung aller Zeiten: Vor Kurzem waren die Börsen in Jubelstimmung, jetzt herrscht blanke Panik.

Zuletzt lagen die Gewinne der Unternehmen im MSCI ACWI 7,6 Prozent über dieser Linie. Die Aktienkurse sind nun um rund ein Drittel gefallen, und geht man davon aus, dass auch die Gewinne entsprechend fallen, so liegen sie deutlich unter der Regressionslinie. Mittel- bis langfristig müssten sie also wieder deutlich steigen.

Marcel Müllers Folgerung: «Aktien sind auf langfristige Sicht günstig – unter der Voraussetzung, dass sich die Gewinne der Regression und das KGV seinem historischen Mittel annähern.»

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Tendenz aktuell: positiv.

6. Kurs-Buchwert-Verhältnis

Da jedoch niemand genau weiss, wohin sich die Gewinne entwickeln, schauen Profis in Zeiten wie diesen meist auch auf eine andere Kennzahl: den Buchwert. Das ist, vereinfacht gesagt, das gesamte Vermögen eines Unternehmens, das in der Bilanz ausgewiesen wird, seien es Sachwerte oder Finanzanlagen – in einer klassischen Fabrik also beispielsweise Gebäude und Maschinen. Deren Wert ändert sich auch in einer Krise nicht oder kaum.

Sinkt das Verhältnis von Aktienkursen zum Buchwert unter 1, so bedeutet dies, dass die Firma an der Börse weniger wert ist, als ihre Bilanz ausweist. Das kann manchmal bei einzelnen Unternehmen angemessen sein, wenn massive Abschreibungen zu erwarten sind, der Buchwert also viel zu hoch erscheint.

Für einen Index oder den gesamten Aktienmarkt wäre das jedoch nur gerechtfertigt, wenn man davon ausgeht, dass die Wirtschaft in eine jahrelange Depression verfällt, bei der auch Sachwerte dramatisch an Wert verlieren.

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Ist dies nicht der Fall, so gelten Aktien, wenn das Kurs-Buchwert-Verhältnis unter 1 fällt, allgemein als attraktiv. Und tatsächlich: Der Dax-Verfall stoppte in der vergangenen Woche etwa an dem Punkt, als der Buchwert der Firmen erreicht war. Auch bei den vorangegangenen Krisen war dies der unterste Punkt.

Das Problem dabei: Was für den Dax gilt, gilt leider für den US-Aktienmarkt nicht. Dort notierten Aktien selbst am tiefsten Punkt der vergangenen Tage noch weit über dem doppelten Buchwert. Zwar fielen sie bei vergangenen Krisen meist nicht so tief wie in Deutschland, der Boden lag vielmehr beim 1,5-fachen Buchwert. Doch auch davon waren die Kurse in den vergangenen Tagen noch meilenweit entfernt.

Welcher Aktienmarkt letztlich den Weg vorgibt, dürfte dabei klar sein. «Einem amerikanischen Aktienmarkt ist es herzlich egal, ob der deutsche Aktienmarkt eine vermeintlich wichtige Schwelle beim Preis-Buchwert-Verhältnis erreicht hat oder nicht», kommentieren die Analysten von M.M. Warburg. «Und der Dax wird bestimmt nicht auf einem Niveau von 8000 Punkten ausharren, wenn alle anderen Indizes fallen, nur weil gerade der Dax eine Schwelle in der Bewertung erreicht hat.»

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Tendenz aktuell: gleichbleibend.

7. Corona-Infektionsraten

Schliesslich gibt es aber noch einen weiteren Indikator, der speziell für diese Krise gilt, und das ist natürlich die Zahl der Infizierten und Toten in der Corona-Pandemie. Wenn es hier eine Trendwende gibt, wenn wenigstens in Italien und Spanien die Zahlen zurückgehen und in den USA der Höhepunkt nahe scheint, dann könnte dies ein Wendesignal sein.

Allerdings kann das auch früher passieren – oder später. Letztlich werden die Tiefpunkte am Aktienmarkt praktisch immer dann erreicht, wenn sie niemand erwartet. Daher sollten Privatanleger auch nie versuchen, darauf zu setzen, warnt Manfred Bucher, Aktienexperte bei der Bayern LB.

«Da es für Investoren kaum möglich ist, den Tiefpunkt genau zu erwischen, empfiehlt sich, bei der Neuanlage in Tranchen vorzugehen und die Investitionen damit auch zeitlich zu diversifizieren», sagt er. Sprich: In regelmässigen Abständen, sei es täglich, wöchentlich oder monatlich, einen fixen Betrag investieren und dies stur über einige Zeit beibehalten.

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Eine Beispielrechnung der Targobank zeigt den Effekt: Hätte man am 19. Februar, einen Tag vor Beginn des Abschwungs, begonnen, jeden Tag 100 Euro in den Dax zu investieren, hätte das Minus im eigenen Depot bis zum 25. März rund fünf Prozent betragen. Der Dax hat jedoch im selben Zeitraum 27 Prozent nachgegeben. Auf diese Weise kann man den Effekt also abfedern, sollte es doch noch einmal abwärtsgehen, gleichzeitig verpasst man aber nicht den Zug nach oben.

Tendenz aktuell: negativ.

Dieser Artikel erschien am 30. März 2020 im Bezahlangebot der «Welt» unter dem Titel: An diesen sieben Kennziffern erkennen Sie den perfekten Einstiegsmoment.