Heinz Huber macht keinen Hehl aus seinen Ambitionen in der Vermögens­verwaltung: «Das Potenzial ist gross. Wir haben viele Sparer, aber wenige Anleger», sagt der Chef der Raiffeisen-Gruppe. Das Anlagegeschäft sei daher ein Gegenstand der Gruppenstrategie, die mit den Raiffeisenbanken diskutiert werde. Auch um die Abhängigkeit vom Zinsdifferenzgeschäft zu reduzieren. Im Hypothekargeschäft steht die Bank mittlerweile deutlich auf der Bremse. Im Gegenzug sollen die Anlagen wachsen, auch dank digitalen Lösungen.

«Wir werden ab Sommer eine digitale Vermögensverwaltung für unsere 3,5 Millionen Kundinnen und Kunden lancieren», kündigt Huber an. Das Angebot ab einem Mindestbetrag von 5000 Franken basiere auf der Technologie der Volt-App von Vontobel. Angelegt werden soll themenbasiert, und zwar mittels ETF möglichst kostengünstig. Das Anlage-­Know-how stellt die Genossenschaftsbank selber. «Wir haben eigens ein Investment Office aufgebaut.» Die ­ersten Resultate der Vermögensoffensive zeigen sich bereits: Raiffeisen konnte im Geschäftsjahr 2019 ihre Verwaltungs­mandate vervierfachen, wenngleich auf tiefer Basis. Und auch das Fondsgeschäft wuchs zweistellig.

Nicht nur die Genossenschaftsbank drückt ins Anlagegeschäft. Auch die Postfinance mit ihren 2,7 Millionen Kunden steht in den Startlöchern. Endlich, denn das Projekt dafür läuft schon seit Jahren: «Wir haben auf der grünen Wiese ein digitales Anlagegeschäft entwickelt, das wir in der ersten Maihälfte lancieren», sagt Daniel Mewes, Leiter Investment Solu­tions.

Anzeige

Digitale Vermögensverwaltung

Das «Flagship Product», erklärt ­Mewes, werde eine elektronische Ver­mögensverwaltung sein. Diese könne der Postfinance-Kunde aus seinem E-Banking volldigital mandatieren: «Das Onboarding wird im Schnitt keine zehn Minuten dauern.»

Ab einem Betrag von 5000 Franken sollen drei Anlagethemen – global, national, nachhaltig – zur Auswahl stehen, denen jeweils fünf Risikoprofile hinterlegt sind. Die Portfolios basieren auf ETF, passiven und aktiven Fonds. «Alles Best-in-class-Produkte ohne Retrozessionen», betont Mewes, der gleichzeitig dem Anlageausschuss der Postfinance vorsteht.

Auch die Staatsbank wird mit ihrem Digitalangebot keine vollautomatische Robo-Lösung lancieren. Vielmehr befindet ein Anlageausschuss über die Vermögensallokation. Die Vermögensverwaltung der Postfinance soll zwischen 0,75 und 0,95 Prozent der Anlagesumme kosten. Dazu kommen die Produktkosten von ETF und Fonds. Wer kein Mandatsverhältnis möchte, dem bietet die Postfinance auch eine Anlageberatung auf Basis von ausgewählten ETF und Fonds an. Oder ein «Execution only»-Angebot, also ein Wertschriftendepot, in Partnerschaft mit dem Brokerhaus Swissquote.

Für die Postfinance bedeutet die Vermögensverwaltung Neuland: «Wir müssen unsere Statuten anpassen. Sie sehen bislang gar kein Anlagegeschäft vor», sagt Mewes. Anschliessend braucht es eine ­Bewilligung der Finma. Diese sollte bis im Frühjahr vorliegen. Doch Mewes dämpft die Erwartung, obwohl Postfinance-­Privatkunden 60 Milliarden Franken an Barmitteln bei der Staatsbank halten. «Wir sehen Wachstum, aber die Rückgänge im Zinsdifferenzgeschäft werden wir mit dem digitalen Anlagegeschäft bis auf weiteres nicht kompensieren können.»

Swissquote senkt Robo-Erwartungen

Mewes Einschätzung deckt sich mit den Erfahrungen von Swissquote-CEO Marc Bürki: Die vor einigen Jahren lancierten Robo-Anlageberatungen hätten die Erwartungen nicht ganz erfüllt. Einst versprach sich Swissquote, bis Ende 2020 1 Milliarde Franken vollautomatisch verwalten zu können. Von diesem Ziel sei man weit entfernt. «Wir rechnen derzeit mit etwa 400 Millionen.»

Anzeige

Einerseits habe die gute Börsenstimmung nicht gerade geholfen, Anleger von Robos zu überzeugen. «Mit einem simplen SMI-Zertifikat konnte man in den letzten Jahren mehr verdienen als mit einem intelligenten Robo, der vernünftig investiert und nicht immer volles Risiko fährt», sagt Bürki. Mit Spannung erwartet er die Ergebnisse der Roboter, sollte die Börsenstimmung mal kippen.

Heinz Huber, CEO Raiffeisen an der Bilanzmedienkonferenz in Zureich am Freitag, 1. Maerz 2019. (KEYSTONE/Walter Bieri)

«Das Potenzial ist gross. Wir haben viele Sparer, aber wenige Anleger», sagt Heinz Huber zur Entwicklung der neuen Lösung.

Quelle: Keystone

Gleichzeitig habe Swissquote mit dem eigenen Produkt auch Fehler gemacht: «Unser Robo war zu kompliziert. Komplexität sollte eine Möglichkeit sein, nicht eine Grundvoraussetzung.» Man arbeite daher an einem einfacheren Produkt. «Das Investieren sollte so einfach sein wie der Kauf eines Anlagefonds.» Entwicklungspotenzial sieht Marc Bürki vor allem im Bereich der digitalen Finanzplanung. «Ehrlich gesagt funktioniert das bei den meisten Banken noch nicht», konstatiert er. Aber alle arbeiteten daran.

Anzeige

In der Branche zu reden gab vor allem der Start der Säule-3a-App Viac, an der die WIR Bank beteiligt ist. Mit wenigen Klicks können Viac-Kunden ein vollautomatisches Wertschriftendepot einrichten. Vor zweieinhalb Jahren lanciert, zählt Viac ­inzwischen 23'700 Kundinnen und Kunden und verwaltet knapp 400 Millionen Franken. Inzwischen hat auch die Zürcher Kantonalbank ZKB mit Frankly eine Säule-3a-App lanciert.

In Zukunft sollen mehr Banken aufspringen

Bankenexperte Andreas Dietrich von der Hochschule Luzern geht davon aus, dass viele Banken die Vorsorge automatisieren. Auch weil dort die Hürden tiefer seien, auf vollautomatische Lösungen zu setzen. Für die Anlage von jährlich bis zu 6000 Franken verzichteten die Bank­kunden eher auf ein Beratungsgespräch, als wenn es um Beträge im fünf- bis sechsstelligen Bereich gehe. «3a ist daher ein No-Brainer, wenn es um digitale Anlagelösungen geht.» Manch eine Bank sei derzeit in Gesprächen, um Lösungen wie Viac einzulizenzieren.

Anzeige

Auch Nourdine Abderrahmane vom Beratungsunternehmen Capco beobachtet, dass viele Banken im Bereich der dritten Säule nach neuen Lösungen ­suchen. «Es gibt grosses Interesse, das Modell Viac zu kopieren.» Dabei sieht er primär ganz traditionelle Gründe für den Erfolg der Vorsorge-App: Eine Umfrage zeige, dass Viac-Kunden sich vor allem wegen der Möglichkeit, in Aktien an­legen zu können, und wegen der tiefen Gebühren für die Lösung entscheiden.

Eigentlich sei es naheliegend, dass Banken mit eigenem Asset Management solche Digitalkanäle aufbauten, sagt Abderrahmane. Allerdings stünden bei grossen Banken nicht selten interne Interessenkonflikte im Wege. «Es ist vielleicht kein Zufall, dass kleine Banken derzeit eher mit solchen Versuchen auffallen.»

Banken nicht mehr State of the Art

Die Banken hätten mittlerweile erkannt, dass ihre Angebote nicht mehr State of the Art seien, erklärt Capco-­Berater Abderrahmane. «Sie haben Mühe, auch nur halbwegs mit Technologieunternehmen wie Apple oder Samsung mitzuhalten.» Auch sei erkannt, dass eine App ein anderes Management erfordere als eine Filiale.

Anzeige

Noch weniger verbreitet sei indes die Erkenntnis, dass die Produkte nicht nur digitalisiert, sondern auch grundsätzlich verändert werden müssten. «Wollen die Bankkunden heute immer noch Paketlösungen oder gibt es nicht auch Bankkunden, die sich die Kreditkarte lieber woanders besorgen?» Man sei gespannt, ob sich die Banken auch an solche Grundsatz­fragen getrauten, sagt der Berater.