Ungleichheit beginnt früh. Viel früher, als die meisten denken. Davon ist die UBS-Bankerin Mara Harvey überzeugt. «Gehaltslücken beispielsweise entstehen schon im Alter von zehn Jahren. Man nennt sie dann halt Taschengeld-­Gehaltslücken.

Mädchen bekommen von ihren Eltern zwischen 10 und 30 Prozent weniger Geld als Jungs.» Wenn man das Thema Vermögensungleichheit zwischen den Geschlechtern wirklich angehen wolle, müsse man nicht mit 25-jährigen Frauen über das Thema reden. Sondern bereits mit fünf­jährigen Mädchen.

Harvey will diese Diskussion mit Kindern jetzt beginnen und hat dafür mehrere Kinderbücher geschrieben. Mitte November erschien das erste auf Deutsch mit dem Titel «Martys erstes Geld».

«Money messages» für besseren Umgang mit Geld

Im Buch soll das Thema Geld kindergerecht behandelt und «money messages», wie sie Harvey nennt, sollen verbreitet werden, die ­einen besseren Umgang von Kindern mit Geld fördern sollen.

Besser heisst einerseits geschlechtergerechter und unterhaltsamer als die bisherigen Bücher zum Thema. Denn positiv besetzte und weibliche Heldinnen, die gut mit Geld umgehen könnten, gebe es in der Kinderliteratur bisher kaum.

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Warum aber schreibt Harvey, die hauptberuflich mit den superreichen Kundinnen und Kunden der UBS in der Abteilung Client Services zu tun hat, so ein Buch? Wollen die Milliardäre und Milliardärinnen ihre Kinder besser auf das Thema Geld oder das Thema Erben vorbereiten?

«Die Kinder sollen lernen, zu fragen, was ist meine Arbeit überhaupt wert, wie kann ich Geld verdienen. Es geht um das Learning how to earn.»

Mara Harvey, Head of Client Services (GWM), UBS

Nein, sagt sie: «Das Kinderthema stammte nicht von Diskussionen mit meinen Kundinnen und kommt nicht direkt aus der Bank.» Der Anstoss kam durch Harveys Analysen, wie sich der Vermögensaufbau von Männern und Frauen über die Jahrzehnte unterscheidet.

Gehaltslücken als Ausgangspunkt

Gehaltslücken, die nur mit dem Geschlecht erklärbar sind, würden auf lange Sicht 40 Prozent weniger Vermögen bedeuten. «Solche Erkenntnisse waren der Ausgangspunkt meiner Reise mit den Büchern.»

Die wichtigste Frage für die Bankerin und Autorin: Wie können wir Mädchen die Chance geben, dass sie sich wohler fühlen, über Gehälter zu reden. Und damit mit einem anderen Rucksack in das Arbeitsleben kommen?

Harvey setzt sich mit ihrem Buch das Ziel, Konsum- und Investitionsentscheidungen auf ein kindergerechtes Niveau herunterzubrechen. Einerseits mit Illustrationen von Mariajose Gajate Molina, anderseits mithilfe von Reimen, die den Umgang mit Geld in eine unterhaltsam lehrreiche Richtung steuern sollen.

Etwa beim Thema Taschengeld: «Die Kinder sollen lernen, zu fragen, was ist meine Arbeit überhaupt wert, wie kann ich Geld verdienen. Es geht um das Learning how to earn.»

Aber ist es wirklich wünschenswert, wenn Kinder Gehaltsverhandlungen mit Eltern führen und für jeden Dienst im Haushalt eine Rechnung stellen?

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Geld ist heute abstrakt

«Es geht nicht darum, dass das Kind für jede Sache, die es im Haushalt macht, Geld bekommt, sondern darum, wie ich Learning Opportunities zu diesem Thema für mein Kind zu Hause schaffe», so Harvey. Das Problem sei, dass die Digitalisierung das Thema Geld für Kinder völlig abstrakt mache.

Mara Harvey: «Martys erstes Geld»

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Das Sparschwein wurde von der Banking-App ersetzt, Kinder würden nicht mehr sehen, wie und ob Eltern sparen, wie sie bezahlen und ob dahinter eine Wertehaltung oder ein Ziel steckt.

Die Erziehung zu sogenannter Financial Literacy erfolge heute rückwirkend über die Schulen mit Korrekturbotschaften im Stile von «das darfst du nicht».

Egal ob es Eltern wollen oder nicht, Kinder würden sich selbst eine Interpretation zum Umgang mit Geld zurechtlegen. Etwa wenn sie Taschengeld bekommen.

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Manche Eltern würden etwa 1 Franken in der ersten Klasse, 2 Franken in der zweiten Klasse geben. Dabei würden Kinder unbewusst vermittelt bekommen: Ich bekomme Geld geschenkt, es korreliert mit meinem ­Alter und ich kann damit machen, was ich möchte.

Widersprüchliche Money Messages in der Kindheit

Solche Money Messages erlebte Harvey auch in ihrer eigenen Kindheit: «Ich bin aufgewachsen mit einem Vater, der sehr viel gearbeitet hat, meine Mutter war zu Hause. Der Vater kommt Freitagabend nach Hause, leert die Taschen und wir können am Samstag am Kiosk Dinge kaufen.

Die Money Messages dahinter: Geld ist ein Geschenk, Geld kann genutzt werden, wie man will, das waren die Botschaften.» Erst viel später habe sie von ihrer Mutter gelernt, dass Geld nicht immer verfügbar ist und Sparen viel mit Unabhängigkeit zu tun hat.

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Widersprüchliche Money Messages führten dann vielleicht auch dazu, dass sie selbst ihr Sparverhalten lange falsch geplant hatte. Harvey, die heute Superreiche berät, sagt: «Ich habe das Thema zwanzig Jahre lang unterschätzt und zehn Jahre gar nichts mit meinem Geld gemacht.»

Gerade, wenn man im ­Wealth Management mit Menschen mit Millionen- und Milliardenguthaben arbeite, denke man, dass das, was man selber hat, ohnehin zu wenig ist. Auch Singles würden oft denken, dass man alleine gar nicht richtig sparen könne.

Fehlende Financial Literacy an Schulen

Harvey glaubt übrigens nicht, dass ihre Bücher künftig an jeder Primarschule gelesen werden. Das liege auch daran, wie Banken dort wahrgenommen werden, und vor allem: «Die Schulen möchten nicht, dass die Kinder nach Hause gehen und die Eltern nach Geld fragen, für das sie was machen. Aber es gibt eine Notwendigkeit von ­Financial Literacy in den Schulen.»

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Für Harvey gehört das Thema Financial Literacy, auch für Kinder, zum Finanzplatz Schweiz: «Wir sehen Kunden, Menschen, die fragen, wie kann ich schon früher anfangen, mit Kindern, mit sechsjährigen, mit zwölfjährigen, über diese Dinge zu sprechen. Ich bin der Überzeugung, da kommt noch mehr das Bedürfnis auf und noch mehr Anfragen kommen.»

Podcast-Tipp

Hören Sie eine Analyse zum Thema im Podcast «HZ Insights»

 

Legt Harvey mit ihrer Buchserie also die Grundlage für einen neuen Business-Zweig in der UBS? «Ich würde mir wünschen, dass das Thema Kinder und Geld in den Banken eine grössere Rolle bekommt.» Aber da seien noch viele Fragen offen. Was wäre beispielsweise der Businessplan dahinter? Wie kann man so eine «education journey» monetarisieren?

Neuer Ansatz für Gelderziehung

Noch ist viel Überzeugungsarbeit zu leisten: Bei ihrem Coming-out als Buchautorin, auch innerhalb der Bank, habe sie oft die Reaktion «Oh wie nett» erlebt. Auch ihre Tochter war zuerst skeptisch und sagte «Nettes Thema, aber was ist der Sinn der Sache?»

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«Meine Tochter meinte, dass sie nicht sieht, warum Männer und Frauen unterschiedlich verdienen sollen. Ich habe sie dann erst mal auf eine WEF-Studie verwiesen, dass es noch sieben Generationen braucht, damit wir hier Gleichstellung hergestellt haben.»

Harvey hat schon eine Art «Guide für Eltern» im Hinterkopf, der die Philosophie hinter ihrer Gelderziehung erklären könnte. Jetzt setzt sie erst einmal alles daran, die Kinderzimmer der Schweiz erobern.

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