Frauen interessieren sich we­niger als Männer für Finanzanlagen. Sie legen ihr Geld möglichst risikoarm an. Und sie achten dabei stark auf ethische Verantwortung. Dies sind einige der gängigen Klischees zum Anlageverhalten von Frauen.

Liest man die Bachelor-Arbeit «Das Financial Behaviour von Frauen: ­Untersuchung des Anlageverhaltens von Frauen und den geschlechterspezifischen Unterschieden bei Anlageentscheidungen» von Léonie Hunziker an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften, so muss man allerdings zum Schluss kommen, dass die meisten dieser Klischees zutreffen.

Léonie Hunziker hat 2018 den Forschungsstand der Literatur zusammengetragen und Interviews mit Expertinnen aus der Finanzbranche geführt. Frauen tendierten dazu, vor Anlageentscheidungen mehr Informationen zu benötigen, und brauchten darum einen längeren Entscheidungszeitraum, lautet ihr Fazit.

Es habe sich gezeigt, «dass Frauen in Bezug auf ihr eigenes Finanzwissen weniger selbstbewusst sind als Männer». Auch würden Frauen in der Schweiz grundsätzlich weniger Risiken in Bezug auf Anlagen eingehen als Männer. Und ethische Verantwortung sei in der Tat ein wichtiger Faktor bei Anlageentscheidungen von Frauen, so Hunziker.

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Sind Frauen zurückhaltend im Anlegen?

Einzelne Studien und Umfragen be­legen das zurückhaltende Auftreten von Frauen bei Investmententscheidungen ebenfalls. So hat eine Erhebung von J.P. Morgan Asset Management unter 8200 Frauen und Männern in sechs europäischen Ländern ergeben, dass sich 46 Prozent der Männer ein hohes Selbstvertrauen im Umgang mit Geld attestieren, aber nur 34 Prozent der Frauen.

Als sachkundig beim Thema Anlagen und Finanzen bezeichneten sich 36 Prozent der Männer, dagegen nur 21 Prozent der Frauen. Eine Studie von Axa Deutschland hat gezeigt, dass sich 28 Prozent der Frauen als völlig ratlos bezeichnen, wenn es um die Frage geht, mit welchen Geldanlagen sie ein Vermögen aufbauen können. Bei den Männern sind es nur halb so viele.

Entsprechend sind Frauen auch seltener investiert. Gemäss einer Umfrage des britischen Marktforschungsinstituts Yougov haben 55 Prozent der Frauen noch nie ein Investment getätigt, während es bei den Männern lediglich 37 Prozent sind.

Fakten zum Thema

28 Prozent der Frauen bezeichnen sich gemäss einer Umfrage von Axa Deutschland als völlig ratlos punkto Vermögensaufbau.

18 Prozent der Frauen sind laut einer Studie von J.P. Morgan am Kapitalmarkt investiert. Bei den Männern sind es 30 Prozent.

1,8 Prozent Um so viel liegt die jährliche Rendite von britischen Frauen über der von Männern (laut Warwick Business School).

3 Jahre schon gibt es das Programm «Women’s Wealth» der UBS, das sich an Frauen mit Investitionsabsichten wendet.

Das deutsche Flossbach von Storch Research Institute fragte im Jahr 2018 rund 10'000 Personen, wie sie Geld für die Ausbildung eines Kindes bevorzugt anlegen würden. «In Aktien» antworteten 32 Prozent der Männer, aber nur 13 Prozent der Frauen. Und die erwähnte Erhebung von J.P. Morgan ergab, dass nur 18 Prozent der Frauen am Kapitalmarkt investiert sind, hingegen immerhin 30 Prozent der befragten Männer.

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Frauen halten Fonds länger

Dass Frauen konservativer anlegen, ist offenbar ebenfalls eine Tatsache. Eine Umfrage des Instituts für Finanzdienstleistungen der Hochschule Luzern hat 2018 gezeigt, dass Frauen, die Geld anlegen, deutlich risikoaverser sind als Männer: Frauen und Männer ­waren zwar mit 58 Prozent gleich häufig in Fonds investiert.

Darüber hinaus aber war der Anteil der Frauen mit risikoarmen Obligationen (45 Prozent) grösser als der Anteil der Männer (40 Prozent). Umgekehrt hatten sich 63 Prozent der Männer für riskantere ­Aktien entschieden, während es bei den Frauen nur 45 Prozent waren.

Bei der Umfrage von J.P. Morgan zeigten sich lediglich 39 Prozent von Frauen mit ­Investments bereit, finanzielle Risiken einzugehen, während es bei den Männern immerhin 51 Prozent waren.

Angst vor Marktschwankungen bekundeten 45 Prozent der Frauen und nur 35 Prozent der Männer. Weiter hat eine Analyse der ING Bank Deutschland ergeben, dass zwar 60 Prozent der Männer ­über einen Anteil an Aktien in ihren Depots verfügen, aber nur 53 Prozent der Frauen.

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Finanzberatung für Frauen

Bloss keine Fonds mit Glitter in Pink! Ein Kommentar

«Viele Frauen sagen, sie wären froh, hätten sie sich früher mit ihren Finanzen beschäftigt». Interview mit Sandra Huber-Schütz, UBS Women's Wealth Program

Die Literatur belegt weiter, dass Frauen im Schnitt weniger Transaktionen tätigen und mehr auf Langzeit-Investments setzen. Eine Umfrage der Warwick Business School unter 2800 britischen Männern und Frauen, die investiert sind, ergab, dass Männer 13 Mal pro Jahr handeln, Frauen hingegen nur 9 Mal.

Eine Erhebung der britischen Finanz-­Website Boring Money zeigte, dass Frauen einmal gekaufte Fonds im Durchschnitt 10,7 Jahre halten, Männer hingegen nur 8,3 Jahre. Die deutsche Consorsbank wertete letztes Jahr das Anlageverhalten von 1,5 Millionen Kundinnen und Kunden aus: Männer tätigten demnach durchschnittlich 17,4 Finanztransaktionen pro Jahr, Frauen hingegen nur 7,6.

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Berater lassen Frauen ausser Acht

Frauen sind anders beim Anlegen von Geld. Das stellt auch Martin Bürki fest, Anlagechef von Marmot Finance in Zürich. «In vielen Beratungsgesprächen stellen wir fest, dass Frauen etwas andere Bedürfnisse haben als Männer.» Es gehe Frauen häufig darum, auf ein bestimmtes Ziel hin zu sparen, etwa für eine Weltreise oder für die Pensionierung, während Männer viel eher mit bestimmten Renditeerwartungen in Prozenten aufwarteten.

Auch sei es für Frauen sehr wichtig, zu verstehen, wie die Rendite auf einem Finanzprodukt zustande komme, sagt Bürki. Gemäss seiner Beobachtung beachten viele Bankberater Frauen aber weniger als Männer. «Wenn sich ein Paar beraten lässt, redet der Bankberater häufig nur mit dem Mann und lässt die Frau ausser Acht.» Liessen sich Frauen alleine beraten, würden sie häufig nicht ernst genommen.

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Bürki ist klar der Meinung, dass Frauen punkto Finanzanlagen besser betreut und beraten werden sollten. Es gebe zwar ei­nige entsprechende Angebote grosser Banken, «aber häufig handelt es sich um das übliche Beratungsangebot, einfach mit ein paar abgebildeten Frauen auf den ­Prospekten». Das genüge nicht.

Umfrage: Haben Banken spezielle Angebote für Frauen?

UBS
«Ja. Bei ‘Women’s Wealth’ geht es darum, Frauen bei der Vermögensverwaltung zu begleiten und sie zu ermutigen, langfristige finanzielle Themen an die Hand zu nehmen. Zudem gibt es die digitale Plattform ‘Women’s Wealth Academy’, über die Frauen Informationen zu Finanzthemen bekommen.»

► Zürcher Kantonalbank
«Die Zürcher Kantonalbank geht in ihrer Beratung auf die individuellen und persönlichen Bedürfnisse sämtlicher Kunden ein. Für Frauen gibt es punktuell Networking-Anlässe zu unterschiedlichen Themen. Frauen werden jedoch nicht als spezifisches Kundensegment angesprochen.»

Raiffeisen
«Die Angebote von Raiffeisen sind immer auf die spezifischen Bedürfnisse unserer Kundinnen und Kunden ausgerichtet. Eine geschlechtsspezifische Unterscheidung der Raiffeisen-Lösungen und Angebote gibt es nicht.»

Postfinance
«Nein. Wie bieten unseren Kundinnen und Kunden eine breite Angebotspalette, die unabhängig von Geschlecht, Alter etc. sowohl die Bedürfnisse von Anlageeinsteigern als auch von Fortgeschrittenen abdeckt.»

► St. Galler Kantonalbank
«Nein. Mit der St. Galler Finanzberatung bietet die St. Galler Kantonalbank einen strukturierten, umfassenden und transparenten Anlageprozess, der die Bedürfnisse der Kundinnen und Kunden ins Zentrum der Beratung stellt. (…) Wir sind überzeugt, dass sich Frau und Mann in diesem Anlageprozess wohlfühlen.»

Basler Kantonalbank
«Wir bieten keine speziellen Produkte und keine spezielle Beratung für Frauen an. Die BKB stellt die individuellen Bedürfnisse und Ziele ihrer Kundinnen und Kunden in den Mittelpunkt, unabhängig vom Geschlecht.»

Bank Cler
«Ja. Mit «eva» unterstützt die Bank Cler die Bedürfnisse und Anliegen der Frauen. Dank den sozialen Engagements, der Vermittlung von Finanzwissen, einer individuellen Finanzberatung sowie den verschiedenen Netzwerken steht die Bank Cler mit ihrem eva-Angebot Frauen zur Seite.»

Vontobel
«Vontobel engagiert sich schon seit der Gründung für die wirtschaftliche Förderung von Frauen. (…) Jüngst ist Vontobel eine Partnerschaft mit womenbiz eingegangen, um das Thema Finanzen den Frauen noch näher zu bringen. Vontobel ist zudem bestrebt, möglichst viele Kundenberaterinnen in ihren Teams zu haben, welche die Anliegen von Frauen in der Vermögensberatung noch besser verstehen können.»

► Julius Bär
«Bei Julius Bär gibt es kein spezifisches Angebot nur für Frauen. Unsere Beratungsprozesse sind immer auf die individuelle Situation sowie die vielschichtigen Bedürfnisse der Kundinnen oder Kunden abgestimmt und die Lösungen massgeschneidert.»

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Um für Abhilfe zu sorgen, lanciert Marmot Finance in diesen Tagen ein spezielles Angebot für Frauen. Dieses besteht einerseits aus spezifischen Anlageprodukten für Frauen. «Die Portfolios, die wir anbieten, sind zu 50 Prozent in Nachhaltigkeitsfonds investiert und zu 30 Prozent in Fonds, die von Frauen verwaltet werden», so Bürki.

Anderseits bietet das Unternehmen eine Beratung, die explizit auf weibliche Kunden zugeschnitten ist. Weiter ist vorgesehen, Ausbildungsvideos für Frauen in Sachen Finanzanlagen bereitzustellen sowie Chatrooms, in denen Kundinnen sich untereinander austauschen können.

«Women's Wealth» bei der UBS

Tatsächlich sind spezielle Angebote für Kundinnen bei den grossen Banken rar. Einzig die UBS hat vor drei Jahren mit «Women’s Wealth» ein Spezialprogramm für Frauen lanciert.

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Frauen sollten bei der Vermögensverwaltung begleitet und ermutigt werden, langfristige finanzielle Themen wie die Pensionsplanung an die Hand zu nehmen, sagt Programmleiterin Sandra Huber-Schütz. Die digitale Plattform «Women’s Wealth Academy» stellt zudem Informationen zu Finanzthemen für Frauen zur Verfügung.

«Man muss aufpassen, dass man nicht in Stereotypen denkt»

Keine speziellen Angebote für Frauen gibt es dagegen bei den Raiffeisen-Banken. «Wir bekommen keine entsprechenden Anfragen und es ist kein Thema bei uns», sagt Paul Hirschi, Leiter Investment Advisory bei Raiffeisen Schweiz. Er persönlich erkenne auch wenig Unterschiede im Anlageverhalten zwischen Männern und Frauen.

Wenn Frauen weniger oft mit Wertschriften handelten, habe das wohl mehr mit einem geringeren Interesse an kurzfristigen Trading-Aktivitäten als mit fehlenden Kenntnissen zu tun. «Man muss aufpassen, dass man nicht in Stereotypen denkt», betont Hirschi. Wichtig sei, dass in der Beratung immer auf die spe­zifischen Bedürfnisse der Kunden eingegangen werde – egal, ob Männer oder Frauen beraten werden. Das sei bei Raiffeisen der Fall.

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Sichere Entscheidungen

Auch bei Julius Bär gibt es keine spe­ziellen Angebote für Frauen. In der Beratung von Kundinnen brauche es aber ­einen differenzierten Ansatz, sagt Andreas Feller, Leiter Deutschschweiz der Bank. «Frauen gehen anders an das Thema Vermögensverwaltung heran.»

Sie würden sich viel breiter und länger beraten lassen. «Aber wenn der Anlageentscheid einmal gefällt ist und die Frauen sicher sind, dass der eingeschlagene Weg der richtige ist, beweisen sie den längeren Atem und bessere Nerven in volatilen Marktphasen.»

Mehr zum Thema

Aktienfonds, die von reinen Frauenteams oder von einem gemischten Management geleitet wurden, boten im laufenden Jahr bislang eine bessere Performance als Fonds, hinter denen nur Männer standen: Dies besagt eine Auswertung von Goldman Sachs. Mehr hier.

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Feller beobachtet auch, dass Frauen we­niger aggressiv als Männer anlegen, obwohl sie eine höhere Lebenserwartung haben, ihr Anlagehorizont also länger ist. «Frauen wollen oft die Sicherheit, dass ihr Vermögen auf keinen Fall weniger wird.»

Frauen legen defensiver an und bleiben im Schnitt länger investiert: Womöglich ist dieser Ansatz gar nicht so schlecht punkto Rendite. Das zeigen zumindest Erhebungen: Die erwähnte Umfrage der Warwick Business School kam zum Schluss, dass die von Frauen erzielte jährliche Rendite um 1,8 Prozent höher lag als die von Männern.

Eine Studie der bri­tischen Finanzgesellschaft Hargreaves Lansdown kommt zu einem ähnlichen Resultat: Die Rendite von Frauen liegt um 0,81 Prozent über der von Männern.

Eine Auswertung der ING Bank Deutschland von 800'000 Depots von Privatkunden zeigte, dass Frauen 2019 einen Gewinn von 24,1 Prozent erzielten, Männer jedoch nur einen solchen von 23,5 Prozent. Wie es scheint, entsprechen die angeblich fehlenden Fähigkeiten von Frauen auf dem Finanzmarkt eben doch einem falschen Klischee.

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