Das hat es noch nie gegeben: Am Montagabend sind die Preise für Rohöl-Futures in den USA um über 100 Prozent gefallen und haben bei einem Preis von Minus 37,63 Dollar geschlossen. Das heisst man bekommt zu jedem Barrel Öl etwas mehr als 37 Dollar dazu. Man wird bezahlt dafür, dass man sich Öl liefern lässt.

Wie kann das sein? Die Rohöl- Futures sind gestern allgemein gefallen, aber nur der Mai-Future ist in Negative gedreht. Futures sind Finanzkontrakte, die dem Käufer eine Öllieferung zu einem bestimmten Preis zu einem bestimmten Datum bieten. Der Stichtag für den Mai-Future ist heute. Wer also den Mai-Future heute besitzt, muss die Öllieferung entgegennehmen. Pro Futures-Kontrakt sind das 1000 Barrel, also 159'000 Liter Öl. 

Spekulanten haben sich verzockt

Nun hat es im Futures-Markt viele Käufer, die reine Finanzspekulanten sind, die eine solche Menge Öl weder wollen, noch irgendwo lagern könnten. Von diesen Spekulanten kamen in den vergangenen Wochen immer mehr dazu. Angezogen davon, dass der Ölpreis immer tiefer gefallen war, von 60 auf gegen 20 Dollar pro Barrel. Auch viele Privatanleger waren darunter, die dachten, der Ölpreis könne nicht so tief bleiben, sondern werde sicher bald wieder steigen.

Sie investierten etwa in Exchange Traded Commodities (ETC, sowas wie ETF, nur auf Rohstoffe). Diese werden meist von Banken und Vermögensverwaltern herausgegeben, die die Preisentwicklung des Rohöls mit dem Kauf von Futures abbilden. Sie kaufen also etwa den Mai-Future (Lieferung im Mai). Vor dem Lieferdatum verkaufen sie diesen Future wieder, und kaufen den nächsten Future, mit Lieferdatum weiter in der Zukunft, also im Juni oder im Juli. In der Fachsprache wird das «Rollen» genannt.  

Das ist im Normalfall kein Problem, denn es gibt genügend Käufer, die das Rohöl physisch brauchen. Nun haben wir aber eine derartige Wirtschaftskrise, dass der Ölverbrauch eingebrochen ist, auf ein Niveau aus dem Jahr 1995. Darum gibt es viel weniger Käufer. Das bringt die Finanzspekulanten in eine Notlage. Wenn sie ihren Future nicht los werden, müssen sie 159'000 Liter Rohöl entgegennehmen.

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Das würde heissen, sie müssten irgendwo ein Lager auftreiben. Zwar würde dafür ein Swimmingpool reichen, mit 40 Metern Länge, zwei Metern Breite und zwei Metern Tiefe. Aber das das Rohöl muss natürlich auch nach entsprechenden Sicherheits- und Umweltvorschriften gelagert werden. Die entsprechenden Lager sind alle schon so voll, dass Lagerraum kaufen teuer geworden ist. Das zeigt sich etwa an der Entwicklung von den Aktienkursen von Öltanker-Firmen. Dort kann man Öl lagern und diese Lagerplätz werden derzeit sehr teuer verkauft. So sind etwa die Aktien von Teekay Tankers und von Scorpio Tankers alleine am Montag um rund 20 Prozent gestiegen. 

Das gleiche Desaster droht erneut im Juni

Da es immer noch sehr viel mehr Finanzspekulanten als echte Nachfrage im Markt hat, könnte im Juni das gleiche Desaster nochmal drohen. Der Juni Future ist zwar derzeit noch bei 20 Dollar, aber ist gestern auch schon fast 20 Prozent gefallen. Fatal ist diese Situation für alle ETC, die jetzt jeweils rollen müssen. Der Umstieg Mai in Juni Future sieht in der Abrechnung so aus: 37 Dollar bezahlt für den Verkauf vom Juni Future und dann noch mal 20 Dollar für den Kauf des Juni-Future. Kein gutes Geschäft für Finanzspekulanten.

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