Das World Economic Forum (WEF) habe ich dieses Jahr von einem Liegestuhl im fernen Ägypten verfolgt. Nach einer halben Stunde Trump-Speech bin ich kurz eingenickt. Aber selbst halb wach war mir klar: Der Rundumschlag des Präsidenten wird alle anderen Inhalte dominieren. Bemerkenswert aus meiner Sicht: Donald Trump steht wie kein anderer US-Präsident zuvor für die schamlose Maximierung seines eigenen Gewinns. Doch ausgerechnet sein Gastgeber, der Blackrock-Mitgründer und Co-Präsident des WEF, Larry Fink, übte auf der Bühne Kritik an diesem «The winner takes it all»-Kapitalismus. Seit dem Fall der Berliner Mauer 1989 sei mehr Reichtum geschaffen worden als je zuvor. Doch dieser Wohlstand habe sich nicht breit verteilt, merkte Fink an. Jetzt drohe KI die Ungleichheit weiter zu verstärken.

Partner-Inhalte
 
 
 
 
 
 

Wenn ein Schwergewicht der Hochfinanz an einem internationalen Wirtschaftstreffen spricht wie ein NGO-Vertreter, dann muss der Druck gross sein. Man könnte auch sagen: In der Wirtschaftselite macht sich allmählich ein schlechtes Gewissen breit, vielleicht so eine Art «Wealth-Shame». Die globale Verteilung des Reichtums hat sich in den letzten Jahren tatsächlich drastisch zugespitzt. Das Vermögen von Milliardären und Milliardärinnen ist 2025 um 16 Prozent gewachsen – schneller als in den fünf Jahren zuvor. Das zeigen die Zahlen der Entwicklungsorganisation Oxfam. Seit März 2020 hat das Gesamtvermögen dieser Gruppe inflationsbereinigt um 81 Prozent zugelegt. Die zwölf vermögendsten Menschen der Welt haben inzwischen mehr Geld als die Hälfte der Weltbevölkerung, was ihnen wiederum ermöglicht, genügend politischen Einfluss zu nehmen, um ihre Position weiter zu stärken.

Die Gastautorin

Karin Kofler ist regelmässige Gastkolumnistin und selbstständige Publizistin.

Künstliche Intelligenz droht diese Entwicklung noch zu beschleunigen. Die Ultrareichen, darunter die Eigentümer der grossen Techkonzerne, mehren ihr Vermögen exponentiell. «Die ersten Gewinne fliessen bereits jetzt an die Eigentümer der Modelle, an die Eigentümer der Daten und an die Eigentümer der Infrastruktur», warnte Fink. Die Folgen spürt die breite Masse – auf dem Arbeitsmarkt, bei White-Collar-Jobs, deren Verlust diesmal nicht nur die Geringqualifizierten trifft. Das birgt Risiko für den sozialen Frieden und ist wirtschaftlich nicht nachhaltig.

Vermutlich mehren sich deshalb die kritischen Töne selbst bei den Profiteuren des Systems. Das Offenkundige der Ungleichheit kann nicht mehr ignoriert werden. Urs Wietlisbach, Mitgründer der in Zug domizilierten Partners Group und selber Multimilliardär, warnte kürzlich am Wirtschaftspodium Limmattal in für einen Mann seiner Position ungewohnt deutlicher Manier vor einer «grossen» Arbeitslosigkeit im Zusammenhang mit KI. Die Anwesenden seien sich gar noch nicht bewusst, was da auf uns zukomme. Angesichts dieser Perspektiven sowie bereits spürbarer Phänomene wie etwa unbezahlbaren Wohnraums und tieferer Renten wird das kapitalistische Versprechen vom sozialen Aufstieg zunehmend unglaubwürdig. Es wundert deshalb nicht, dass bei der Generation Z in westlichen Ländern das Modell des Kommunismus wieder vermehrt auf Sympathien stösst.

«Eigentlich haben wir die Adelsherrschaft abgeschafft. Heute leben wir jedoch wieder im Feudalismus, in dem der Geldadel dominiert», bilanziert die Berliner Politologin Martyna Linartas in einem «Spiegel»-Interview. Sie forscht zum Thema Vermögen und Ungleichheit.

Der Kapitalismus ist also wieder einmal unter Beschuss. Es müssten mehr Menschen zu Eigentümern des Wachstums werden, statt nur Zuschauer zu sein, Wohlstand müsse neu definiert werden, appellierte Blackrock-Chef Larry Fink in Davos an die anwesenden Wirtschaftsführer und Politikerinnen – ohne konkret zu werden, wie das geschehen soll. Aber in dieser Liga ist Selbstkritik ja schon mal ein Anfang.