Der legendäre amerikanische Investor Warren Buffett predigte bekanntermassen weise: Seid ängstlich, wenn andere gierig sind – und gierig, wenn andere ängstlich sind. Je ängstlicher Anleger im Allgemeinen sind, desto mehr rechne ich mit einer ­optimistischen Börsentendenz. Angesichts der welt­weiten Konjunkturflaute ist jetzt die richtige Zeit, glo­bale Aktien optimistisch zu sehen.

Obwohl die globalen Aktienmärkte nur um Haaresbreite von ihren Höchstwerten entfernt liegen, findet man kaum jubelnde Anleger. Einer Umfrage der Bank of America zufolge legen Fondsmanager aller Art derzeit den grössten Pessimismus seit der Finanzkrise an den Tag. Eine Umfrage aus dem Juni zu den Anlegererwartungen an den Euro Stoxx 50 erreichte im August den Wert –4,5 – den niedrigsten Wert in der zwanzigjährigen Geschichte.

Fast jede Stimmungsmessung unter bri­tischen Geschäftsleuten, Anlegern und Verbrauchern zeigt ihre Brexit-Phobie. Die wöchentliche Umfrage der American Association of Individual Investors ergab, dass nur 28,6 Prozent der amerikanischen Privatanleger glauben, dass die Aktienmärkte in den nächsten sechs Monaten steigen werden. Amerikanische Anleger haben im Jahr 2019 trotz starken Renditen im ersten Halbjahr satte 142 Milliarden Dollar oder 140,5 Milliarden Franken aus Aktienfonds herausgeholt.

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Kenneth Lawrence Fisher (born November 29, 1950)

Ken Fisher ist Investment Analyst in Kalifornien und Chairman von Fisher Investments Europe. 

Quelle: Jannis Chavakis/ 13Photo

Auch die Schweiz ist keine Ausnahme – der Indikator der wirtschaftlichen Einschätzung der Konjunktur­forschungsstelle KOF ist in den letzten neun Monaten gesunken, und dies trotz der Rekordmarke des SPI ­Anfang September.

Schlagzeilen spiegeln und verstärken diesen Konjunkturpessimismus und verweisen auf Ängste vor ­inversen Zinsstrukturkurven, negativen Zinsen, der ­Politik, dem Brexit, dem angeblichen Konjunkturverfall in Europa und vor Handelsstreitigkeiten.

Aber: Ihnen als Anleger sind diese Ängste Freunde. Warum? Märkte preisen allgemein bekannte Infor­mationen vorab ein – Schlagzeilen, Ängste, Gerüchte, Meinungen, Prognosen und mehr. Wenn globale Schlagzeilen vor Zöllen, Brexit oder der angeblich in sich zusammenfallenden Wirtschaft Europas warnen, haben Aktien all diese Ereignisse bereits berücksichtigt. Die Ängste senken die Erwartungen.

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März 2019: Anleger fürchteten sich vor einer weltweiten Depression

Alles, was weniger schlimm ausfällt als die Bedenken, die bereits in die Kurse eingerechnet sind, ist eine positive Überraschung. Betrachten Sie den Ursprung der globalen Hausse im März 2009. Anleger fürchteten sich vor einer weltweiten Depression, die sich mit derjenigen in den 1930er Jahren messen konnte. Die darauffolgende Rezession war schlimm und unangenehm, aber nicht so schwer wie in den 1930er Jahren.

Die Aktienkurse stiegen im Jahr 2009, während das globale BIP um 1,7 Prozent schrumpfte. Die globalen Aktienmärkte stiegen in den ersten zwölf Monaten der Hausse-Phase um 61,4 Prozent. Der SPI schoss um 64,8 Prozent in die Höhe.

Brauchen Sie noch mehr Beweise? Betrachten Sie die Schuldenkrise, die Europa Anfang dieses Jahrzehnts heimgesucht hat. Die Menschen befürchteten einen ­Zusammenbruch der Euro-Zone und eine unerwartete Rückkehr zu alten Währungen. Die Schweizer Armee ging so weit, Übungen durchzuführen, damit sie für den Fall einer Zersplitterung der Euro-Zone, die einen Krieg und eine Flüchtlingswelle auslösen könnte, vorbereitet war.

«Die Angst der anderen ist Ihr künftiges Vermögen.»

US-Investor Ken Fisher.

Natürlich ist nichts davon passiert. Stattdessen ­erlebte Europa eine leichte Rezession: unschön, aber keine Katastrophe, welche die Ängste hätte übertreffen können. So begannen sich die Aktien der Euro-Zone Ende 2011 zu erholen, um anschliessend in den Jahren 2012 und 2013 um 48,6 Prozent zu steigen.

Im Vergleich dazu verblassen die heutigen Ängste, aber die Furcht der Anleger ist ähnlich und ­inzwischen vergleichbar eingepreist. Betrachten wir die Zölle: Die Summe aller seit 2017 angedrohten und umgesetzten US-Zölle und globalen Vergeltungsmass­nahmen beläuft sich auf 0,4 Prozent des Welt-BIP. Winzig.

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Darüber hinaus sind sie wahrscheinlich zeitlich ­begrenzt – ein Hebel für Handelsgespräche und geopolitisches Gefeilsche. Da die Anleger allmählich erkennen, dass die Auswirkungen geringer sind als ­befürchtet, sollte dies Erleichterung bringen.

Die Zinsstrukturkurve des amerikanischen Finanzministeriums ist invers – die kurzfristigen Zinssätze ­liegen über den langfristigen. Banken nehmen kurzfristige Kredite auf, um langfristige Kredite zu finanzieren, was beinhaltet, dass die Kredite unrentabel sind. Das bedeutet wiederum eine angespannte Kreditsituation, weshalb Inversion ein viel gefürchteter Rezessionsindikator ist.

Aber wie ich bereits im Mai erklärt habe, ist die Inversion kein Timing-Hilfsmittel zur Wahl des rich­tigen Zeitpunkts. Es gab fehlerhafte Interpretationen. Die Refinanzierungskosten der Banken – ob in den USA oder in anderen Ländern – liegen weit unter den Ren­diten des Finanzministeriums.

«Eine Hausse entsteht aus Pessimismus, wächst aus Skepsis …»

Und was ist mit den Konjunkturängsten in Europa? Eine langsam wachsende Wirtschaft mit einer schwachen Produktion besiegt die Rezession. Optimismus!
Und der Brexit? Inzwischen übertrifft jede Entwicklung, die nicht mit einem Armageddon einhergeht, die Erwartungen. Es ist eine weitere Angst, die vorab eingepreist wurde. Nochmals, Optimismus!

Eine Börsenhausse endet auf eine von zwei Arten: Entweder oben auf der legendären «Wall of Worry», wenn die Euphorie die positive Überraschung im Grunde unerreichbar macht. Oder mit einem Schlag – einem negativen Schock, der mehrere Billionen Dollar kostet. Die Finanzkrise zwischen 2007 und 2009 war ein solcher Schlag.

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Aber fast jede andere Börsenhausse endete in Euphorie. Das entspricht dem legendären Modell von Sir John Templeton: «Eine Börsenhausse entsteht aus Pessimismus, wächst aus Skepsis, reift im Optimismus und stirbt in der Euphorie.» Ohne einen Schlag ­endet eine Börsenhausse, wenn die Anleger zu müde werden, sich Sorgen zu machen.

So weit sind wir noch lange nicht. Es gibt mehr als genug Sorgen. In echten euphorischen Spitzenzeiten fallen Stimmungsumfragen optimistisch aus. Das Geld fliesst in Aktienfonds. In den Schlagzeilen werden Risiken oft als Chancen missverstanden. Die Anlegerwelt verspottet die Pessimisten, nicht die Optimisten. Sie ­haben mehr Angst vor verpassten Gewinnen als vor ­Verlusten.

Wenn ich schreibe, dass schlechte Zeiten anbrechen, werden Sie annehmen, dass ich verrückt bin. Die Stimmung ist kein Hilfsmittel zur Wahl des ­richtigen Zeitpunkts. Euphorie gleicht eher einem Lichtdimmer als einem Ein- und Ausschalter. Will man Euphorie erkennen, wenn sie kommt, muss man anders denken als andere. Anstatt zuzulassen, dass weit verbreitete Ängste Sie hetzen, stellen Sie sich vor, was sie über die allgemeine Stimmung aussagen.

Wenn Sie ­sehen, dass die Menschen begeistert Aktien kaufen und Risiken abtun, sollten Sie über Ihren Ausstieg nachdenken. Heute tun die Menschen noch das Gegenteil. Die Angst der anderen ist Ihr zukünftiges Vermögen.

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