Anfang Dezember stand der Bitcoin für viele Experten am Scheideweg. In den sechs Monaten zuvor verlor die weltweit grösste Kryptowährung über 40 Prozent an Wert. Auf das zwischenzeitliche Bitcoin-Hoch im Juli mit 14'146 Dollar brach der Kurs im Dezember bis auf 6'435 Dollar ein.

Daniel Egger, Krypto-Experte der Falcon Private Bank, warnte zu diesem Zeitpunkt, dass der Bitcoin aus charttechnischer Sicht vor entscheidenden Wochen stehe. Die Kryptowährung dürfe die Grenze von 6'300 nicht unterschreiten. «Ansonsten könnte es weiter bergab gehen», so Egger damals.

Tue er das nicht, sehe er gute Chancen auf einen Anstieg bis Ende 2020 «zwischen 13'000 und 15'000 Dollar». Was ist seitdem passiert? Der Bitcoin küsste Mitte Dezember die 6'300-Dollar-Marke, unterschritt sie aber nicht – und setzte anschliessend zur Rally an. Am Wochenende überstieg der Kurs erstmals wieder die 10'000-Dollar-Schwelle. Zur Stunde notiert der Bitcoin leicht unter dieser Marke.

Alles dreht sich ums Halving

Warum die erneute Rally? Der wichtigste Grund dürfte im bevorstehenden «Halving» im Mai liegen. Ab dann wird das Schürfen von Blocks nur noch mit 6,25 Bitcoins belohnt, derzeit sind es noch zwölf. Die Blocks bilden zusammenhängend, als Blockchain, die Infrastruktur der Kryptowährung. Der Schürfprozess von Blocks benötigt eine hohe Rechenleistung und verursacht enorme Stromkosten. Je geringer die Belohnung ausfällt, desto weniger attraktiv wird es, Blocks zu schürfen. Zum Vergleich: Im Jahr 2012 wurden sogenannte «Schürfer» noch mit 50 Bitcoin pro Block belohnt.

Bitcoin-Investoren setzen stets grosse Hoffnungen darauf, dass die Kurse im Vorfeld des Halving-Datums anziehen werden. Vergangene Halvings haben gezeigt, dass solche Erwartungen durchaus berechtigt sind. Infolge der ersten beiden Halvings 2012 und 2016 war der Bitcoin-Kurs stark gestiegen. Die nächsten Halvings werden für 2024 und 2028 erwartet.

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Ein weiterer Grund dürfte allgemein die anhaltende Risikobereitschaft unter den Anlegern sein. Die weltweite Rekordjagt an den Aktienmarkt zeigt, dass die Märkte weiterhin im Risk-on-Modus sind. «Die Bitcoin-Rally ist Folge eines breiten Optimismus' an den Märkten. Der Markt glaubt, dass die negativen Auswirkungen des Coronavirsus nur im ersten Quartal zu spüren sein werden», sagt Ed Moya, Senior Analyst vom Analysehaus Oanda, gegenüber Bloomberg. Hinzukomme die Entspannung im Handelsstreit.

Paradoxerweise dürfte der Bitcoin laut Experten aber gleichzeitig von einer steigenden Unsicherheit im geopolitischen Umfeld profitieren. Schon als der Iran-Konflikt durch die Tötung des iranischen Top-Generals Qasem Soleimani durch eine US-Drohne Anfang Jahr eskalierte, zog der Bitcoin-Kurs kräftig an. «Am Markt setzt sich die Erkenntnis durch, dass der Bitcoin seine Stellung als Save-Haven-Anlage immer weiter verfestigt», sagt Michael Sonnenshein von Grayscale Investments. Auch der Schweizer Franken, ebenfalls ein sicherer Hafen, legt gegenüber anderen Devisen seit Wochen an Wert zu.  

Was ist noch möglich?

Bricht die Bitcoin-Rally nach der Überschreitung der 10'000-Dollar-Marke nun weiter nach oben aus? Einerseits sprechen die hier genannten Gründe dafür, dass der Anstieg durchaus noch eine Weile andauern könnte. Zudem ist davon auszugehen, dass das Thema Bitcoin nach der jüngsten Rally wieder etwas näher in den Fokus der Medien rückt. In der Vergangenheit hat mehr Aufmerksamkeit meist zu steigenden Kursen geführt.

Allerdings handelt es sich bei der Kryptowährung noch immer um eine höchst volatile Anlage. In den letzten Jahren gab es immer wieder sowohl deutliche Kursgewinne als auch -verluste, die fundamental kaum oder gar nicht begründbar waren. Rob Sluymer von Fundstrat Global Advisors glaubt, dass sich der Bitcoin dieses Jahr zwischen 10'000 und 11'000 stabil entwickeln wird.

Es geht aber auch noch optimistischer: Patrick Heusser vom Schweizer Krypto-Asset-Manager Crypto Finance sagte im November 2019 gar einen Kurs von 20'000 Dollar für das Jahr 2020 voraus.

Dieser Artikel erschien zuerst bei cash.ch mit dem Titel: «Warum der Bitcoin plötzlich die 10'000-Dollar-Marke knackt»