Nicht alle Unternehmen der Assekuranz gehen so weit, wie Helvetia. Dort entscheiden die Mitarbeitenden jeweils im Team und auf Basis der Bedürfnisse ihrer Kunden, von wo aus sie arbeiten möchten. Sofern es das Arbeitsgebiet ermöglicht, sollen nach Firmenangaben bis zu 100 Prozent Homeoffice möglich sein. 

Gleichzeitig sind Unternehmen aber auch bestrebt, ihren Mitarbeitenden ein ansprechendes Arbeitsumfeld im Büro zu bieten. Und da gibt es ganz neue Erkenntnisse: Mehr Platz zwischen den Desks, bessere Luftzirkulation sowie berührungslose Zugänge und Zwischentüren – die vermeintlich innovativen Bürodesigns, die ab März 2020 konzipiert wurden, spiegelten die Handhabung der Covid-19-Pandemie in der Wirtschaft, den Transfer des Homeoffice in die Unternehmen und den Abschied vom Brockenhaus-Groove der Startup-Welt. Sie vergassen aber den wichtigsten Faktor in Büros: die Menschen.

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Angenehme Klimatisierung, das Gefühl der Sicherheit inklusive Abstandhaltung und einwandfrei funktionierende Office-Technologie sind nur eine Seite des neuen postpandemischen Bürolebens. Industrieunternehmen wie etwa GE, Siemens und Toshiba, Tech-Giganten wie Amazon und Microsoft sowie Versorger arbeiten an neuen Lösungen.

Leere Gebäude, leere Kultur

Parallel mit dem Virus haben sich auch die Menschen weiterentwickelt. Sichtbar ist das an den Bürobelegungstagen: Die «Washington Post» berichtete kürzlich von einem grossen Bürovermieter in den USA, der über 2500 Gebäude überblickt. An typischen Freitagen swipt noch ein Drittel der Belegschaft ihre Badges an den Eingängen. Selbst an Kerntagen – typischerweise Dienstag bis Donnerstag – steigt die Belegung selten über 60 Prozent. Es genügt offenbar nicht, mit Schlagworten wie «Innovation», «Austausch» und «Unternehmenskultur» zu operieren.

Unternehmenszweck plus persönlichem Sinn

Laut einer Untersuchung der (englischen) University of Exeter sind etliche Menschen hinsichtlich einfacher Spielregeln für den Büroalltag aus der Übung gekommen. Es haben sich auch Verhaltensweisen eingespielt, die bei Teamsund Zoom-Konferenzen okay waren, aber im realen Büro auf Unverständnis stossen. Laut McKinsey liegt die Lösung in der Vermittlung eines «Purpose» – auch für das Leben und Dasein im Büro. Weder die physische Einrichtung und Ausstattung noch die netten Worte von Vorgesetzten ersetzen den Sinn der Büropräsenz. Die Lösung liegt, so haben die Beraterinnen und Berater in Gesprächen ermittelt, in der Kombination von Unternehmens-Purpose und individuellem Sinn, der wiederum eine Arbeits- und eine generelle Lebensseite umfasst. Idealerweise überlagern sich diese drei Purpose-Ebenen: Der Unternehmens-Purpose ist dann in den individuellen Arbeits-Purpose eingebettet, und der wiederum schliesst generell den Lebens-Purpose ein.

Zufällige Begegnungen arrangieren

In der Praxis fallen diese Purpose-Teile oft auseinander, haben die Berater und Beraterinnen festgestellt. Erste neu konzipierte Büroinnenräume erscheinen aber vielversprechend: Wenn die Mitarbeitenden sich öfter «zufällig» begegnen sollen, müssen die Flure zur Kantine und zum Kaffeeautomaten einfach so angelegt werden, dass man sich zwangsläufig über den Weg läuft. Tech-Firmen wie Apple, Pixar Studios und Spotify haben damit gute Erfahrungen gemacht.

Gependelt wird virtuell

Und für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die Schwierigkeiten mit der Trennung von Arbeit und Privatsphäre haben, gibt es von Microsoft eine erste Lösung, mit der «virtuelles Pendeln» möglich wird: Ähnlich wie im realen Leben können Mitarbeitende ihre angefangenen Arbeiten «wegpacken» und den nächsten Tag vorbereiten.

Dieser Beitrag erschien in der Handelszeitung Nr. 36 vom 08.09.22