Der Anteil emotional erschöpfter und krankgeschriebener Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer nimmt schweizweit laufend zu. Grund dafür sind nicht alleine die Pandemie, der Ukrainekrieg oder die Rezessionsängste, ein nicht zu unterschätzender Einfluss hat auch die veränderte Arbeitswelt. Denn Digitalisierung und Flexibilisierung haben wohl viele Vorteile, aber auch gewichtige Nachteile: Abpuffernde Ressourcen wie das Zusammengehörigkeitsgefühl oder informelle Gespräche am Arbeitsplatz erodieren, den Menschen fehlt es an Struktur und Halt und der durch das gestiegene Veränderungstempo gefühlte Druck ist gross. Gemäss Job Stress Index 2022 übersteigt der Anteil der Erwerbstätigen, die sich emotional erschöpft fühlen, mit 30,3 Prozent erstmals seit 2014 die 30-Prozent-Marke. Betroffen sind sowohl Mitarbeitende als auch Führungskräfte aus allen Sektoren.

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Dieser Artikel ist Teil der Market Opinion «BGM – Gesund in neuen Arbeitswelten», die in Zusammenarbeit mit der Visana realisiert wurde.

Spannungen nehmen zu

Für Fachleute ist daher klar: Das Thema psychische Gesundheit ist auf dem besten Weg dazu, sich zu einem Dauerbrenner im Betrieblichen Gesundheitsmanagement BGM zu entwickeln. «Durch das Verschmelzen der Lebensbereiche und den steigenden Druck gehen immer mehr Absenztage auf das Konto von psychischen Erkrankungen», konstatiert Sandra Bittel, Leiterin BGM bei der Visana. Auch die Baloise stellt fest, dass die Belastbarkeitsgrenze bei Mitarbeitenden erreicht ist. «Es ist vermehrt eine Dünnhäutigkeit zu spüren», sagt Jacqueline Schreiber, Leiterin BGM. «Die beruflichen Belastungen haben ja nicht gerade abgenommen und der Umgang damit scheint uns gegenüber früher teilweise verändert zu sein.» 

Eine von Workmed und Swica verfasste Studie zeigt, dass der Schein nicht trügt. Von 2000 untersuchten Dossiers mit längeren Krankschreibungen waren 1350 aus psychischen Gründen erfolgt. 57 Prozent davon waren auf Konflikte am Arbeitsplatz zurückzuführen. «Ich denke, dass die vermehrte digitale Kommunikation und neue Arbeitsformen eher noch zu mehr Missverständnissen und Spannungen führen», vermutet Eric Bürki, Leiter Betriebliches Gesundheitsmanagement bei Gesundheitsförderung Schweiz. Unternehmen, so Bürki, werden in Zukunft sehr viel mehr gefordert sein, hierzu Gegensteuer zu geben.

Visana setzt auf Team Resilienz

Gegensteuer gibt Corporate Health Services der Vaudoise Services AG zum Beispiel mit einer Gesprächs- und Zuhörplattform, auf der sich Mitarbeitende vertraulich zu beruflichen und privaten Problematiken äussern können. «Ziel ist es, frühestmöglich vor der Arbeitsunfähigkeit einzugreifen und den unsichtbaren Teil des Eisbergs aufzudecken, um einen Arbeitsausfall zu verhindern», erklärt Isabelle Kunze, Leiterin der Health Unit und Corporate Health Services. Dieses Angebot wird für alle Unternehmen angeboten, egal wo sie versichert sind. «Wir spüren, dass diese aktiv werden und Massnahmen zum Schutz der Mitarbeitergesundheit ergreifen, das gibt uns allen Grund, den Weg der Prävention weiterzugehen.»

Die Visana setzt bei ihren Firmenkunden auf Workshops zu Team-Resilienz, Seminare und Referate zu psychischer Gesundheit, zu Ressourcen und Belastungen sowie auf die Sensibilisierung von Führungskräften. «Deren Gesprächskompetenz ist essentiell sowohl bei Absenz- als auch bei Rückkehrgesprächen», betont Sandra Bittel.«Denn wertschätzende und zielführende Absenz- und Rückkehrgespräche wirken sich nachweislich positiv auf die Kurz- und Langzeitabsenzen aus.» 

Führungskräften kommt Schlüsselrolle zu

Aus Erfahrung weiss auch Eric Bürki, dass den Führungskräften eine Schlüsselrolle zukommt, wenn es um die psychische Gesundheit der Belegschaft geht. «Am besten fährt man, wenn man zusätzlich auch ganze Teams für das Thema Früherkennung von mentalen Problemen und Prävention sensibilisiert. Denn es gilt der Grundsatz: lieber ein vermeintliches Problem zu früh anzusprechen, als zu spät.» Je nach Firma seien auch Anlaufstellen oder Vertrauenspersonen im oder ausserhalb des Teams sinnvoll. Auf solche setzt auch Corporate Health Services der Vaudoise Services AG in Form von Mediatorinnen und Coaches. Bei der Baloise dagegen gilt intern vor extern. «Allen Mitarbeitenden, die krank sind und wieder in die Arbeitswelt integriert werden oder sich in einer schwierigen Situation befinden, in der sie Hilfe benötigen, steht unser betriebsinternes Case Management zur Verfügung», erklärt Jacqueline Schreiber. Mit der BGM-Kultur möchte das Unternehmen zudem optimale Rahmenbedingungen bieten, um den Mitarbeitenden in der Auseinandersetzung mit dem eigenen Gesundheitsverhalten zu unterstützen.