Aus welchem Grund werden Captives gegründet?

Je nach Firma oder der Branche gibt es unterschiedliche Gründe. Sie können ein Werkzeug sein, um Risiken gesamtheitlich zu managen, indem eine Firma beispielsweise die Risiken aus Sach und Haft mit jenem im Bereich Leben zusammenführt. Captives können Firmen auch ermöglichen, Deckungsstrukturen zu optimieren und die Folgen von Marktveränderungen abzufedern. Nicht zuletzt erhalten Firmen durch Captives einen direkten Zugang zu globalen Rückversicherungsmärkten und alternativen Risikofinanzierungen.

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Welche konkreten Risiken lassen sich damit am besten absichern?

Captives eigenen sich beispielsweise sehr gut, um sich gegen Sach- und Haftpflichtrisiken zu versichern. Auch für Transport- und Warenkreditversicherungen sowie für Employee Benefits kommen sie häufig zum Einsatz. Je nach Ausgangslage kann die Motivation, eine Captive zu gründen, aber sehr unterschiedlich, gar gegensätzlich sein. Gewisse Firmen verfügen in ihren Versicherungen über einen sehr guten Schadenverlauf. Dann bietet eine Captive die Möglichkeit, am guten Verlauf der eigenen Risiken finanziell teilzuhaben.

Wie sieht es aus bei schwer versicherbaren Risiken?

Nun, Firmen verfügen allenfalls über anspruchsvolle Risiken, bei denen der Appetit des Versicherungsmarktes tatsächlich beschränkt ist, ausreichend traditionelle Kapazität zur Verfügung zu stellen. Hier bietet eine Captive Möglichkeiten, den Risikotransfer so zu gestalten, dass ein Transfer in gewissem Ausmass dennoch möglich bleibt. Möglich ist auch, dass sich ein Unternehmen neuen Risiken ausgesetzt sieht, die nur schwer versicherbar sind. In all diesen Fällen macht es Sinn, wenn sich das Unternehmen beraten lässt, ob die Gründung einer Captive vorteilhaft ist. Ähnliches gilt für Deckungselemente, welche der Versicherungsmarkt nicht im gewünschten Umfang zur Verfügung stellt – diese können ganz oder teilweise von einer Captive übernommen werden.

«Captives lohnen sich typischerweise ab einem bedeutenden, sechsstelligen Prämienvolumen.»

 

Solche Konstrukte eignen sich vermutlich nicht für alle Unternehmen?

Der Betrieb einer Captive bringt einen gewissen Verwaltungsaufwand mit sich, den sich nicht alle Unternehmen in vollem Umfang leisten wollen oder können. Captives lohnen sich typischerweise ab einem bedeutenden, sechsstelligen Prämienvolumen.

Um es einmal pointiert auszudrücken: Wer eine Captive hat, kann auf die Dienste von Versicherungsgesellschaften verzichten.

Nein, in keinem Fall. Captives sind meistens lediglich als Rückversicherer zugelassen. Daher benötigen sie einen lizenzierten Erstversicherer für die entsprechende Region, in der das Risiko belegen ist. Hinzu kommt, dass ein Versicherer die notwendigen Fronting-Dienstleistungen meist wesentlich effizienter erbringen kann als eine Captive.

Um welche Dienstleistungen handelt es sich dabei?

Zu den Fronting-Dienstleistungen gehören unter anderem das Ausstellen von Policen, die Abführung von Versicherungssteuern, das Management von Schäden oder länderübergreifende Koordination von lokalen Versicherungslösungen.

«Versicherungsbroker erbringen unter anderem wichtige Dienstleistungen im Verhältnis zwischen Erstversicherern und Versicherungsnehmern.»

 

Immerhin lässt sich dank Captives auf den Einsatz von Brokern verzichten?

Nein, auch das nicht. Versicherungsbroker erbringen unter anderem wichtige Dienstleistungen im Verhältnis zwischen Erstversicherern und Versicherungsnehmern. Oft sind Broker auch in der weiteren Platzierung von Risiken in Form von Rückversicherung der Captives involviert.

Sie erwähnten, dass sich Captives ab einem sechsstelligen Prämienvolumen lohnen. Welche Möglichkeiten haben kleinere Unternehmen?

Diese haben die Möglichkeit, sich viele Vorteile von Captives mittels sogenannter Protected-Cell-Lösungen (PPC) zu erschliessen. Eine PCC ist eine juristische Person, die aus einem Kern und einer Anzahl von finanziell eigenständigen Zellen besteht. Die den einzelnen Zellen zugeordneten Vermögenswerte sind rechtlich voneinander isoliert und damit gegen Insolvenz einer anderen Zelle geschützt. Somit haftet eine Zelle nicht für die Ansprüche Dritter gegenüber einer anderen Zelle.

Mittelgrossen Unternehmen bietet sich damit eine Alternative zur eigenen Captive, um ihr Risk Management optimieren zu können. Dabei mieten sich Interessenten in die Infrastruktur eines lizenzierten Dienstleisters ein, konkret in eine Erst- oder Rückversicherungszelle.

Unternehmen verfügen in aller Regel über ein eigenes Risikomanagement. Meines Wissens sind diese aber nicht immer in die Captive integriert...

Unternehmen haben bisher in der Regel in ihrer Organisationsstruktur zwischen strategischen Risiken und versicherbaren Risiken unterschieden und diese in den beiden Bereichen «Corporate Risk Management» und «Insurance Risk Management» angesiedelt. Captives sind üblicherweise organisatorisch dem «Insurance Risk Management» angehängt. Wir beobachten allerdings Tendenzen, beide Bereiche zusammenzuführen.

Als Standort für Captives stehen vorwiegend Domizile wie Bermuda, Cayman, Guernsey im Vordergrund. Das riecht ziemlich nach Steueroptimierung.

Die Zeiten der Steueroptimierung mit Captives gehören der Vergangenheit an. In den letzten Jahren ist ein klarer Trend des «Onshorings» erkennbar; d.h. Captives werden vermehrt wieder in der Schweiz oder in Europa angesiedelt.

Wo ist die Verantwortung für das Captive-Geschäft bei Zurich angesiedelt? Bei der Ländergesellschaft Zurich Schweiz oder auf Stufe Gruppe?

Der Bereich Captive ist sowohl bei Zurich Schweiz als auch der Gruppe angesiedelt. Zurich verfügt in Zürich über eine zentrale globale Einheit, die sich ausschliesslich mit der Betreuung von Captives befasst. In dieser Einheit kommt der Vorteil zum Tragen, dass die Ländergesellschaft und die Gruppe in globalen Angelegenheiten eng kooperieren.

Grundsätzlich betreut Zurich die Kunden immer dort, wo sie domiziliert sind. Wir betreuen also Schweizer Kunden in der Schweiz. Die globale Organisation stellt die dafür nötige Infrastruktur zur Verfügung, die wir aus der Schweiz heraus aktiv zum Vorteil unserer Kunden nutzen. Spezialisiertes Know-how zu spezifischen Themen tauchen wir global aus.

«Für viele unserer grossen Industriekunden sind Captives ein zentraler Teil ihrer Risk Management-Strategie.»
 

Welche Bedeutung haben Captives für den Bereich Commercial Insurance von Zurich Schweiz?

Die Zusammenarbeit mit und Unterstützung von Captives ist ein zentraler Teil unserer Value Proposition. Für viele unserer grossen Industriekunden sind Captives ein zentraler Teil ihrer Risk Management-Strategie. Zurich unterstützt hier auf breiter Basis durch globale Fronting- und Beratungsdienstleistungen.

Entscheidend ist unser umfassendes Know-how im Bereich von lokalen Versicherungs-Regulierungen rund um den Globus sowie eine moderne Verwaltungs-Infrastruktur, die eine maximale Transparenz in der Verwaltung von Schäden, Prämien und Risikomanagement ermöglicht. Zurich stellt sicher, dass die Zusammenarbeit zwischen Erstversicherer und Captive sowie die Schnittstelle zwischen Captive-Lösungen und traditionellem Risikotransfer sorgenfrei und effizient abläuft.

ZUR PERSON

Urs Lüthy wurde im August 2022 zum Head Commercial Insurance von Zurich Schweiz ernannt. Zuvor war er seit 2017 als Head Customer & Distribution Management für Commercial Insurance Schweiz tätig. Er begann seine Laufbahn als Underwriter bei XL Insurance America in Dallas und New York. Zu Zurich stiess Urs Lüthy 2002 als Head of Property for International Programs, danach übernahm er die Funktion als Global Relationship Leader. 2012 folgte seine Ernennung zum Chief Underwriting Officer für das Grosskundengeschäft in der Schweiz. Lüthy besitzt einen Master of Business Administration der Vlerick Business School/Universität St. Gallen.

Captives

Captives sind Eigenversicherungen, die als Tochtergesellschaft eines Unternehmens gegründet werden und Versicherungsrisiken aus der eigenen Unternehmensfamilie erst- oder rückversichern. Sie ermöglichen flexible Versicherungs- und Risikofinanzierungslösungen für grössere Unternehmen und insbesondere auch den Zugang zu den weltweiten Rückversicherungs- und alternativen Risikofinanzierungsmärkten.

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Karin Bosshard, Chefredaktorin von HZ Insurance, und ihr Versicherungsexpertenteam liefern Ihnen die Hintergründe zu Themen, welche die nationale und internationale Versicherungswelt bewegen. Jeden Tag (werktäglich) in Ihrem E-Mail-Postfach. Jetzt kostenlos zum Newsupdate für Insurance-Professionals anmelden.
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