In Zeiten globaler Unsicherheit führen sich verändernde Wirtschaftspolitiken zu raschen Kosten- und Handelsstörungen, die sich auch auf die Versicherungswirtschaft auswirken. Während Zollpolitik meist im Kontext von Herstellern, Einzelhändlern oder Logistikdienstleistern diskutiert wird, stehen Versicherer unmittelbar im Fokus der nachgelagerten finanziellen Folgen, insbesondere im Bereich Kfz-Versicherungen (privat und gewerblich), Sachversicherungen und weiteren gewerblichen Sparten.

Partner-Inhalte
 
 
 
 
 
 
Zum Autor

Steve Bullock ist Vice President Financial Services & Strategic Accounts bei Kyriba.

Praktisch gesehen wirken Zölle wie ein Inflationshebel auf die realen Kosten, die die Schadenhöhe bestimmen. Wenn Reparatur-, Ersatz- und Wiederaufbaukosten steigen, treibt das auch die Schadenkosten der Versicherer in die Höhe. Diese höheren Schadentrends fließen in die Underwriting-Ergebnisse, Diskussionen zur Tarifangemessenheit und die Prämienkalkulation für Versicherungsnehmer ein.

Wie Zölle zu höherer Schadensschwere führen

Versicherer spüren Zollauswirkungen besonders dort, wo Schäden eng mit den Preisen physischer Güter und Materialien verknüpft sind. Kfz-Kaskoschäden und Sachschäden sind hier Paradebeispiele. Zölle auf Rohmaterialien wie Holz und Stahl sowie auf Komponenten – von einfacher Hardware bis zu fortschrittlicher Elektronik und Chips – können die Kosten für Fahrzeugreparaturen und den Wiederaufbau beschädigter Gebäude erhöhen. Selbst moderate Kostensteigerungen können sich bei hohen Schadenvolumina potenzieren, die Schadensschwere nach oben treiben und Margen schmälern. Mit steigenden Schadenkosten müssen Versicherer durch Tarifanpassungen, Underwriting und Risikoselektion reagieren – oft in einem Umfeld, in dem Versicherungsnehmer bereits sensibel auf inflationsbedingte Prämienerhöhungen reagieren.
Wir erwarten folgende Auswirkungen auf die Branche:

Steigende Schadenkosten

Zölle auf Stahl, Aluminium, Gummi, Holz, Elektronik und Autoteile treiben Reparatur- und Wiederaufbaukosten in die Höhe und erhöhen damit direkt die Auszahlungen bei Kfz- und Sachschäden. Der Kfz-Bereich ist besonders stark betroffen – sowohl durch die physischen Schäden als auch durch Zölle auf Ersatzteile und Fahrzeuge.

Prämiendruck

Um eine angemessene Tarifierung zu gewährleisten, geben Versicherer gestiegene Schadenkosten in der Regel über Prämien weiter, sowohl an Privatkunden als auch an Unternehmen. In manchen Fällen verändert sich dadurch das Kaufverhalten (höhere Selbstbeteiligungen, reduzierte Deckungssummen, verzögerte Abschlüsse oder verstärkter Preisvergleich).
Auch die Krankenversicherung kann indirekt unter Druck geraten. Viele medizinische Produkte – insbesondere Arzneimittel – werden importiert. Steigen die Kosten, müssen Versicherer mit höheren Behandlungskosten rechnen, was zu einem Aufwärtsdruck auf Prämien führen kann, wenn Tarife an erwartete Inanspruchnahme und Kostentrends angepasst werden.

Gewerbliche Sparten unter Druck

Zollbedingte Kostenvolatilität zeigt sich in der Gewerbeversicherung auf vielfältige Weise – insbesondere dort, wo Lieferketten und Preisdynamiken das operative Risiko beeinflussen. Bei Betriebsunterbrechungsversicherungen können erhöhte Rohstoffkosten und Lieferkettenunterbrechungen die Nachfrage nach Deckung steigern, da Unternehmen Umsätze und Cashflow schützen möchten. Bei der Betriebshaftpflicht können Inflation und Kostenüberwälzung die Umsatzzahlen erhöhen, ohne dass sich die Margenqualität zwangsläufig verbessert – was die Tarifgrundlagen beeinflusst und Haftpflichtkosten nach oben treibt.

Marktvolatilität und Bilanzauswirkungen

Wirtschaftliche Unsicherheit und Handelsstörungen können Kapitalerträge und die Gesamtperformance beeinflussen. Versicherer setzen daher verstärkt auf verfeinerte Modellierung und striktere Risikomanagement-Disziplin. Underwriting- und Pricing-Modelle werden neu kalibriert, um höhere Schadentrends zu antizipieren und inflationsempfindliche Exposures zu identifizieren. Gleichzeitig verschärfen viele Versicherer ihre Underwriting-Ansätze durch strengere Selektion, genauere Prüfung von Deckungssummen und Selbstbeteiligungen sowie erhöhte Vorsicht in Bereichen, die sensibel auf Handelsstörungen reagieren, wie etwa Warenkreditversicherungen.

Wachsende Nachfrage nach Spezialversicherungen

Eine Folge des gestiegenen Risikobewusstseins ist ein erhöhter Bedarf an spezialisierten Versicherungslösungen. Da Zölle Handelsströme und Kontrahentenrisiken verändern, gewinnen für Versicherer Warenkreditversicherungen, Kautions- und Garantieversicherungen sowie transportbezogene Versicherungen an Relevanz. Diese Sparten rücken stärker in den Mittelpunkt, wenn Unternehmen Forderungen absichern, Leistungsverpflichtungen garantieren und Transport- sowie grenzüberschreitende Handelsrisiken in einem unsicheren Umfeld steuern möchten.

Fazit für Versicherungsprofis

Zollvolatilität ist kein abstraktes makroökonomisches Thema mehr, sie ist ein konkreter Treiber von Schadenkostensteigerungen, Preisdruck und Underwriting-Anpassungen. Für Versicherer besteht die unmittelbare Herausforderung darin, Schadenschwere zu steuern und Tarifangemessenheit zu wahren. Die strategische Chance liegt darin, frühzeitig zu erkennen, wo sich neue Risiken akkumulieren – und darauf mit gezieltem Underwriting, stärkerer Modellierung und Deckungsangeboten zu reagieren, die auf die sich wandelnden Realitäten von Handel und Lieferketten abgestimmt sind.