Frau Miller, Sie sind seit 1. März 2020 als Chubb Country President für die Schweiz im Amt. Welche Ziele haben Sie sich für Ihre neue Position gesetzt?
Im Vordergrund stehen die weitere geografische Entwicklung und Ausdehnung unserer Geschäftstätigkeiten sowie die Erweiterung der digitalen Plattformen.

Wie wichtig ist der Schweizer Markt für Chubb?
Die Schweiz ist für Chubb ein wichtiger Markt, in welchen wir stetig investieren. Chubb Versicherungen (Schweiz) ist eine eigenständige rechtliche Einheit mit Geschäftsstellen in Zürich und Lausanne. Die Mitarbeiterzahl wurde in den letzten fünf Jahren fast verdoppelt und besonders stolz sind wir auf unsere Praktikanten, welche wir jährlich ausbilden. Die Muttergesellschaft Chubb Limited, auch mit Sitz in Zürich, beschäftigt weltweit mehr als 33’000 Mitarbeitende und ist an der New York Stock Exchange (NYSE: CB) notiert und auch Teil des Aktienindex S&P 500.

Wie ist Ihre Kundschaft in der Schweiz strukturiert (international tätige Konzerne, nationale Konzerne, KMU)?
Die Kundschaft von Chubb in der Schweiz ist in drei Kundengruppen segmentiert. Die Major Accounts, nationale wie internationale Konzerne mit einem Umsatz höher als 500 Millionen Franken, das Middle-Market-Segment, welches Firmen mit einem Umsatz von 10 bis 500 Millionen Franken betreut, und das SME-Segment für Unternehmen unter 10 Millionen Franken Umsatz. Seit dem 1. März 2019 arbeiten die Teams noch kundenzentrierter, basierend auf den beschriebenen Kundensegmenten. Auf diese Weise erhält der Kunde einen einheitlichen End-to-end-Service und wir können noch besser auf seine Bedürfnisse eingehen. 

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Derzeit besteht die Hälfte unseres Portfolios aus komplexeren Major Accounts, im Zuge der weiteren Straffung unserer Prozesse erwarten wir ein exponentielles Wachstum im Middle-Market- und SME-Segment. Dieses Wachstum wird durch eine fortsetzende Konzentration auf die Bereiche, in denen wir uns auszeichnen, wie z. B. in unseren Branchenlösungen (Industry Practices), gefördert.

Ist Chubb auf Branchen oder Themen spezialisiert?
Neben den «klassischen» Lösungen in den Bereichen Sach-, Haftpflicht-, Transport- und Financial-Lines ist Chubb auf Umwelt- und Cyberdeckungen spezialisiert, welche auf die Bedürfnisse von Organisationen jeder Grösse zugeschnitten werden. 

Chubb verfügt über mehr als 30 Jahre Erfahrung in den Bereichen Life Sciences Underwriting, Schadenbearbeitung und Risk Engineering. Im Bereich Life Sciences können wir Unternehmen von der frühen Forschungs-und-Entwicklungs- bis hin zur Vermarktungsphase der genehmigten Produkte einschliesslich spezieller lokaler Anforderungen unterstützen. Wir begleiten die Firmen in den jeweiligen Phasen und versichern die klinischen Versuche wie auch die Haft- und Sachrisiken. Die Underwriter und das dedizierte Risk-Engineering-Team beraten die Kunden neben den versicherungstechnischen Fragen auch zu regulatorischen und länderspezifischen Fragen. Die Branchenlösung für die Life-Sciences-Firmen wird aktuell erweitert, um den Kunden eine ganzheitlichere Lösung zu bieten. 

Vor Ihrem Wechsel nach Zürich waren Sie in London unter anderem für die Entwicklung des KMU-Segments zuständig. Wird das auch in der Schweiz ein Schwerpunkt Ihrer Arbeit sein?
Die Schweizer Wirtschaft ist geprägt von KMU, daher wird auch einer meiner Schwerpunkte die Weiterentwicklung dieses Segmentes sein. Aktuell bauen wir bestehende Partnerschaften aus und stärken unsere digitale Präsenz. 

Sie verfügen über keinen eigenen Aussendienst, um Neukunden zu akquirieren. Warum sollen Broker ausgerechnet mit Chubb zusammenarbeiten?
Die Zusammenarbeit mit unseren Brokern ist ein wichtiger Teil unseres Geschäfts und ein Bereich, den wir in den kommenden Monaten ausbauen werden. Wir sind bestrebt, in den Partnerschaften mit unseren Brokern transparent und klar zu sein sowie einen Mehrwert zu bieten. Wir finden Wege, um «Ja» zu sagen und «mehr zu tun».

Ist der Direktkontakt zu Kunden oder zu Brokern wichtiger?
Wir sehen die Broker als unsere Partner, wir schätzen die Zusammenarbeit mit ihnen und profitieren von ihrer Expertise und ihrer geografischen Vernetzung. Im Grosskunden-Segment haben die Unternehmen eigene sogenannte Inhouse Broker / Risk Manager, diese werden dann direkt durch unser Salesteam betreut. In den anderen Bereichen/Segmenten ist der Kontakt zum Broker enger.

Auch das Wirtschaftsleben wird immer komplexer. Jede Branche birgt ihre eigenen Risiken, deshalb sollten Versicherungslösungen nach Branche und Umfang variieren. Chubb bietet in der Schweiz nur knapp über 30 Produkte zur Auswahl, um die Risiken ihrer Kunden abzusichern. Reicht das noch oder bauen Sie aus? (Wenn Letzteres: welche Dienstleistungen sollen noch dazukommen?)
Wir bieten über 30 Produkte an, die sich an die finanziellen, physischen und anderen Vermögenswerte unserer Kunden richten. Wir sind ständig auf der Suche nach Innovationen und neuen Bereichen, um den Wert auf dem Markt und für unsere Stakeholder zu steigern. Zum Beispiel hat die besondere Zeit der vergangenen Monate eine unmittelbare Flexibilität erfordert, nämlich sich schnell auf neue Gegebenheiten einzustellen und umzudenken oder auch Entstehungsprozesse zu beschleunigen. Im Juni hat unsere Accident-and-Health-Sparte innerhalb kurzer Zeit eine Versicherungslösung auf den Markt gebracht, welche Unternehmen und ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die von Covid-19 betroffen sind, unterstützt.

Das Industrieversicherungsgeschäft wird in aller Regel von ausgeprägten Marktzyklen geprägt. Wie gehen Sie damit um? 
Das Industrieversicherungsgeschäft ist stark auf das 1.1.-Geschäft ausgelegt, jedoch sehen wir immer mehr, dass die Unternehmen auch im Laufe des Jahres Versicherungen abschliessen. 

Die Zeit des Lockdowns, aber auch die nun darüber hinausgehende Zeit haben zu völlig neuen Situationen und Risikoszenarien für alle Beteiligten, also Versicherer, Broker und Risk Manager, geführt. Das entsprechende gegenseitige Verständnis sowie eine offene Kommunikation sind daher auch für die beginnenden Renewal-Gespräche relevant, insbesondere da sich diese 2020 anders darstellen werden als in den vergangenen Jahren.

Wie wirkt sich das auf die Planbarkeit aus?
Chubb plant sehr diszipliniert in Bezug auf Prognose und Portfolioüberprüfung. Marktinformationen werden in den Planungsprozess miteinbezogen, um relevant zu bleiben und Wachstum zu planen und künftige Herausforderungen zu antizipieren.

In einer früheren Rolle waren Sie verantwortlich für die globale Initiative Women as Entrepreneurs. Was sollte mit dieser Initiative erreicht werden? 
Wir alle wissen, dass Innovation aus unterschiedlichen Ansichten und Erfahrungen entsteht. Mit der Initiative sollte der Unternehmensgeist über die Grenzen hinaus gesteigert werden, um neue Ideen und Technologien an die Oberfläche zu bringen, die vorher vielleicht nicht gehört wurden. 30 Prozent der kleinen kommerziellen Unternehmen weltweit sind in weiblichem Besitz oder Leitung. Viele von ihnen haben das Potenzial, auch unsere Kundinnen zu sein, deshalb ist es wichtig, dass wir ihnen zuhören und sie so weit wie möglich fördern und unterstützen. Dies ist eine persönliche Leidenschaft von mir, und ich beabsichtige, in diesem Bereich auch hier bei Chubb weiterhin führend zu sein.

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Bei unserem ersten Treffen hatten Sie erwähnt, dass Sie früher gerne Eiskunstlaufen ausgeübt haben. Wo sehen Sie Parallelen zwischen Eiskunstlaufen und dem Versicherungsgeschäft?
Auf den ersten Blick existieren vielleicht keine Parallelen, aber beide fordern Disziplin, Klarheit und Durchhaltevermögen, und die Fähigkeit, auch mal eine harte Landung auszuhalten. 

Mein letzter Wettkampf fand im Januar in Innsbruck statt, und ich werde weiterhin teilnehmen, natürlich mit realistischen Erwartungen, solange mir die Anstrengung noch Spass macht. Es ist wirklich ein Geschenk, dieses lebenslange Streben fortzusetzen und dabei immer wieder neue Menschen zu treffen. Ich trainiere regelmässig und bin auf der Suche nach einer geeigneten Eisbahn in meiner neuen Heimatstadt Zürich. In der Schweiz spürt man allerdings auch die Begeisterung für das Skifahren, und ich denke, dass ich mir Zeit nehmen werde, auch diese Wintersportart kennenzulernen.