In Randziffer 16 des Finma-Rundschreibens 2017/2 ist festgelegt, dass der Verwaltungsrat eines Schweizer Versicherers «in seiner Gesamtheit neben ausreichendem Versicherungswissen auch über Berufserfahrungen und ausreichende Kenntnisse in der Geschäftsführung, im strategischen Management, in der Risikosteuerung und im Finanz- und Rechnungswesen verfügen muss». Daraus lässt sich ableiten, dass nicht alle Mitglieder des Verwaltungsrats denselben fachlichen und persönlichen Hintergrund besitzen. Vielmehr ist im Rahmen der Zusammensetzung des Gremiums auf eine Diversität der Fähigkeiten, der Fachkenntnisse, der Geschlechter sowie der unternehmerischen und persönlichen Erfahrungen der Verwaltungsratsmitglieder zu achten, die es letztlich auch erlaubt, etwaige Ausschüsse kompetent zu besetzen.

Tiefer Frauenanteil in den Verwaltungsräten

Die Schweizer Versicherer (Leben, Schaden, Kranken/Krankenkassen) verfügen insgesamt über 476 Verwaltungsratssitze (Stand: 30. September 2019). Von diesen werden jedoch lediglich 85 Mandate von Frauen wahrgenommen, was einem Anteil von 18 Prozent entspricht. Aufgrund des geringen Frauenanteils unter Führungskräften ergibt sich für die Verwaltungsräte oftmals ein nicht zu vernachlässigender Trade-off zwischen dem ursprünglich festgelegten Anforderungsprofil für neue Verwaltungsratsmitglieder und der Zielsetzung, den Frauenanteil im Gremium zu erhöhen.

Florian Schreiber ist Dozent und Projektleiter Insurance am Institut für Finanzdienstleistungen Zug IFZ. Dort fungiert er auch als Co-Studienleiter des neuen IFZ-Weiterbildungslehrgangs CAS Future of Insurance, der im März 2021 erstmalig durchgeführt wird. florian.schreiber@hslu.ch

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Krankenversicherer mit dem höchsten Frauenanteil

Aus Abbildung 1 wird deutlich, dass insbesondere die Lebensversicherer und Schadenversicherer mit 6 bzw. 14 Prozent einen relativen tiefen Frauenanteil in ihren Verwaltungsratsgremien vorweisen können. Bei den Krankenversicherern werden hingegen 18 von 68 Mandaten (26 Prozent) von Frauen wahrgenommen. Ähnlich hohe Quoten sind für die Krankenkassen und die Versicherungsgruppen mit je 24 Prozent Frauenanteil zu verzeichnen. Bei der Interpretation dieser Anteile ist zu berücksichtigen, dass die Sparte «Versicherungsgruppen» sowohl Lebens- und Schaden- als auch Krankenversicherer umfasst.

Geschlechterverteilung der Verwaltungsratsmitglieder nach Sparte

Abbildung 1: Geschlechterverteilung der Verwaltungsratsmitglieder nach Sparte.

Quelle: ZVG

Hoher Ausbildungsgrad der Verwaltungsratsmitglieder

Der Ausbildungsgrad allein ist oftmals nur wenig mit den tatsächlichen fachlichen und persönlichen Qualitäten einer Person verknüpft. Ungeachtet dessen ist bei der Besetzung von Vakanzen in Verwaltungsräten dennoch die Tendenz erkennbar, Personen mit einem formell nachweisbaren höheren Bildungsgrad und spezifischem Fachwissen stärker zu berücksichtigen. Für 434 der insgesamt 476 Mitglieder der Verwaltungsräte der 83 analysierten Versicherer (91 Prozent) sind Angaben zu den Ausbildungsabschlüssen und somit zum Ausbildungsgrad verfügbar bzw. ermittelbar. Wie aus Abbildung 2 entnommen werden kann, verfügen knapp drei Viertel (72 Prozent) über ein erfolgreich abgeschlossenes Hochschulstudium auf der Bachelor- bzw. Masterstufe (Anteil gesamt: 46 Prozent). Mehr als jedes vierte Verwaltungsratsmitglied (26 Prozent) kann sogar eine Promotion vorweisen. Knapp 7 Prozent haben eine höhere Fachausbildung absolviert und rund 12 Prozent verfügen über eine andere Ausbildung (wie bspw. eine kaufmännische Berufslehre).

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Ausbildungsgrad der Verwaltungsratsmitglieder.

Abbildung 2: Ausbildungsgrad der Verwaltungsratsmitglieder.

Quelle: ZVG

Hinsichtlich der einzelnen Sparten zeigt Abbildung 3, dass der Anteil der Hochschulabsolventen bei den Versicherungsgruppen (92 Prozent) und den Lebensversicherern (91 Prozent) deutlich höher ist als bei den Kranken- und Schadenversicherern (Anteile: 74 Prozent bzw. 67 Prozent). Besonders auffällig ist die Diskrepanz jedoch im Vergleich zu den Krankenkassen: Mit lediglich 41Prozent können deren Verwaltungsratsmitglieder den mit Abstand geringsten Anteil an Hochschulabschlüssen vorweisen, wohingegen jeweils 22 Prozent über eine Fachexpertise bzw. eine andere Ausbildung verfügen.

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Ausbildungsgrad der Verwaltungsratsmitglieder nach Sparte.

Abbildung 3: Ausbildungsgrad der Verwaltungsratsmitglieder nach Sparte.

Quelle: ZVG

Amtsdauer beträgt durchschnittlich sechs Jahre

Ein weiteres Postulat einer funktionierenden Corporate Governance ist die ausgewogene Zusammensetzung des Gremiums hinsichtlich der Amtserfahrung der einzelnen Mitglieder. Gegenwärtig sind die Verwaltungsratsmitglieder der analysierten Schweizer Versicherer im Durchschnitt 5,9 Jahre im Amt. Aus Abbildung 4 wird ersichtlich, dass 40 Mitglieder (8 Prozent) ihr Amt vor weniger als einem Jahr angetreten haben. Mit 238 Personen sind 50 Prozent aller Verwaltungsratsmitglieder zwischen einem und fünf Jahren im Amt. Knapp jedes vierte Mitglied kann hingegen eine Amtsdauer zwischen sechs und zehn Jahren vorweisen, weitere 10 Prozent eine Amtsdauer zwischen 11 und 15 Jahren. Jeweils 3 Prozent blicken sogar auf eine 16- bis 20-jährige bzw. eine über diesen Zeithorizont hinausgehende Verwaltungsratstätigkeit zurück.

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Amtsalter der Verwaltungsratsmitglieder.

Abbildung 4: Amtsalter der Verwaltungsratsmitglieder.

Quelle: ZVG

Die knapp 300-seitige IFZ Versicherungsstudie 2020 – welche fortan auf jährlicher Basis erscheinen wird – umfasst unter anderem die folgenden Schwerpunktthemen:

  • Herausarbeitung zentraler strategischer Herausforderungen der Schweizer Assekuranz (unter anderem globale Makrotrends, digitale Technologien etc.)
  • Faktenbasierte Benchmarking-Analyse der einzelnen Versicherer in den Sparten Leben und Nichtleben anhand zwölf ausgewählter KPI
  • Untersuchung der Corporate-Governance-Strukturen der Versicherer, mit Fokus auf den Verwaltungsrat und die Geschäftsleitung
  • Factsheets aller Schweizer Versicherer für einen transparenten Überblick der Assekuranz
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