Philipp Gmür, Gruppen-CEO der Helvetia, möchte die Generalversammlung nicht ausfallen lassen. Denn er braucht die Zustimmung der Aktionäre, um ein bedingtes Kapital in Höhe von 10 Prozent des Aktienkapitals zu schaffen. Das soll der Versicherung den Spielraum geben, die spanische Versicherung Caser zu 70 Prozent zu übernehmen. Die Transaktion soll zwar zu zwei Dritteln mit Hybridkapital finanziert werden, womit man nicht das ganze bedingte Kapital benötigt. Aber so fühlt man sich gewappnet, um Caser problemlos übernehmen zu können.

Health und Home

Caser soll der Gruppe nicht nur eine Position unter den Top-10-Anbietern in Spanien sichern. Mit der Übernahme will man auch den Schritt in das Eco-System Health unternehmen, in dem Caser bereits stark ist. Und man kommt so auch zu drei Kooperationen mit spanischen Banken. Zuvor hatte sich Helvetia um solche Partnerschaften laut Gmür vergeblich bemüht.

Health bildet nicht das einzige neue Wachstumsfeld. Ein weiteres ist das Asset Management. Ab April sollen eigene Immobilienfonds aufgelegt und den Kunden angeboten werden. So will man die eigene Expertise im Bereich Immobilienportfolio-Bewirtschaftung auch Dritten zugänglich machen. Auch potenzielle Immobilienkäufer sollen länger auf der zu Helvetia gehörenden Immobilienbrokerplattform MoneyPark gehalten werden. Gemäss Gmür kommt es bei einem wesentlichen Teil der potenziellen Kunden zunächst nicht zu einem Abschluss, weil ihnen das Objekt von einem anderen Käufer weggeschnappt worden ist. Solchen enttäuschten Kaufwilligen will man zukünftig örtlich und preislich vergleichbare Objekte anbieten.

Weiter im BVG-Vollversicherungsgeschäft

Helvetia betrachtet auch die eigenen Immobilien lediglich aus Portfolio-Sicht. Alles andere will man weitergeben. Beispielsweise an das zu Helvetia gehörende Startup Finovo, das auf die Administration von Hypotheken spezialisiert ist. Auch Drittinteressenten können diese Administration an Finovo auslagern.

Dass man damit in die Gefilde vorrückt, die bisher von Banken gehalten worden waren, spielt aus Sicht der Versicherung keine Rolle. Dass Raiffeisen die 20-jährige «sehr gut laufende» Kooperation überprüft, sieht man bei Helvetia nicht als problematisch an. 2019 sei das drittbeste Jahr der Kooperation gewesen. Raiffeisen will selber im Bereich von Versicherungsprodukten mehr anbieten und hat die Kooperation neu ausgeschrieben.

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BVG-Vollversicherungen will man weiterhin anbieten. Helvetia kommt gemäss eigenen Angaben nicht umhin, den Umwandlungssatz schrittweise gemäss dem Anrechnungsprinzip zu senken und die Prämien selektiv zu erhöhen. Denn jede Person, die in Pension geht, belastet die aktiven Versicherten einmalig mit 40’000 Franken. Gemäss Gmür führt die Preisanpassung auch zu einer Verkürzung der eigenen Bilanz; man erwartet durch einen höheren Anteil von Risikoprämien und einen tieferen bei Sparprämien insgesamt einen besseren Business-Mix. «Wir stehen weiterhin zur Vollversicherung», versicherte Gmür.

Rechnen bis zum Schluss

Die Folgen der Coronavirus-Pandemie wird Helvetia materiell bei Reiseversicherungen spüren. Hier könnte es zu einer Belastung im tiefen zweistelligen Millionenbereich kommen. Schwieriger abzuschätzen sind die indirekten weiteren Folgen wie Betriebsunterbrechungen bei den eigenen Kunden, die dann dazu führen könnten, dass gerade KMU-Kunden mit ihren Prämienzahlungen in Rückstand geraten. Und auch die eigenen Angestellten in Italien hatten Probleme, die Büros von Helvetia zu erreichen, wenn sie in Regionen unter einem Quarantäne-Regime leben. «Solche Ereignisse sind Szenarien, die wir in den SST-Szenarien durchgerechnet hatten», versichert Gmür.

Mehr zu schaffen macht die neue IFRS-17-Bestimmung, die auch Helvetia ab 2022 einführen muss. Im Kern geht es um eine neue Form, wie Versicherungsverträge in den Bilanzen und Erfolgsrechnungen ausgewiesen werden müssen. Man erhofft sich davon eine bessere Vergleichbarkeit von Versicherungen untereinander und ebenso eine bessere mit anderen Branchen.

«Wir sind nach einer schwierigen Phase im vergangenen Jahr jetzt gut unterwegs», sagt Finanzchef Paul Norton. «Es ist das teuerste und komplexeste Projekt, das ich in meinen 30 Berufsjahren gesehen habe.» Bei Helvetia wird man bis zur letzten Minute des Jahres damit beschäftigt sein – und hofft gleichzeitig auf eine Verschiebung der Einführung um ein Jahr.