Nach zwei Verschiebungen soll das Regelwerk IFRS (internationale Rechnungslegungsvorschriften / International Financial Reporting Standards) Anfang 2023 in Kraft treten. Seit den ersten Gedanken und Konzepten, wie sich Versicherungsprodukte in der Bilanz und der Erfolgsrechnung so darstellen lassen, dass sie und ihre Gesellschaften vergleichbar sind, ist ein Vierteljahrhundert Vorbereitungszeit vergangen. Dem Regelwerk unterliegen die Versicherer, die an der Börse kotiert sind oder sich anderweitig an den Kapitalmärkten finanzieren. IFRS soll bewirken, dass die Obligationen in der Bilanz genauso vergleichbar bewertet werden wie künftige Zahlungsverpflichtungen an die Versicherten oder die einzelnen Margen von Produkten. Zentral dabei ist, dass die Bewertungen auch immer von den aktuellen Marktgegebenheiten abhängig sind – und damit steigt die Volatilität bei den Gewinnen. 

Marktentwicklungen besser abbildbar

Damit schlagen sich Marktentwicklungen wie beispielsweise der Aktiencrash vom März 2020 in den Büchern der Versicherungen besser nieder als bei bisherigen Vorgehensweisen. Und weil auch die Gewinne aus den Policen separat ausgewiesen werden müssen, können Investoren und Analysten besser die Strategien einzelner Versicherungsgesellschaften nachvollziehen. 

Was Investoren und Analysten erfreut, belastet zunächst einmal die einzelnen Versicherer. Denn es sind nicht nur die Buchhalter und ihre Systeme gefragt, sondern die ganzen Firmen, inklusive IT, Software und der Geschäftsprozesse. Gemäss Medienberichten hat die Allianz-Gruppe für die Umstellung auf IFRS 17 konzernweit einen niedrigen dreistelligen Euro-Betrag ausgegeben. «Die Investitionen, welche für die Einführung und Implementierung von IFRS 17 nötig sind, erachten wir als beträchtlich», sagt auch Baloise-Sprecherin Fiona Egli. «Wir haben ein grosses Projektteam aufgebaut, welches sich aber nicht nur mit der Einführung von IFRS 17 und 9 beschäftigt, sondern auch mit einer sogenannten Finanztransformation.» Laut Egli ergibt das zwar auch Synergievorteile, «zunächst jedoch auch entsprechende Kosten». Immerhin sieht man sich im Zeitplan. «Nach zweimaliger Verschiebung des Einführungszeitpunktes gehen wir davon aus, dass die Zeit ausreichend sein wird.» 

Vereinfachung des Reportings

Bei Helvetia macht man keine Angaben zu den Kosten. «Helvetia ist bei der Implementierung im Zeitplan und beabsichtigt, den ursprünglichen Projektzeitplan trotz der Verschiebung des Erstanwendungszeitpunkts auf 1.1.2023 mit unverändertem Hochdruck weiterzuverfolgen», so Sprecher Jonas Grossniklaus. «Das zusätzliche Jahr 2021 soll für Probeläufe genutzt werden, um unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den verschiedenen Gruppenfunktionen und Ländereinheiten auf die bevorstehenden Prozess-, System- und Verantwortungsumstellungen vorzubereiten.» 

Swiss Re hatte Ende 2019 die Umstellung auf den Rechnungslegungsstandard IFRS per Anfang Januar 2024 bekannt gegeben, die Finanzberichte bis zu diesem Zeitpunkt werden noch unter US GAAP veröffentlicht werden. «Wir sind dabei, den angekündigten Wechsel zu implementieren und sind glücklich darüber, dass das interne Projekt on track ist», sagt Swiss-Re-Sprecher Michael Gawthorne. Über die Kosten macht man auch hier keine näheren Angaben. Das Gleiche gilt auch für Zurich, wobei man hier intern weit ist, wie Sprecher Riccardo Moretto ausführt: «Wir haben die Implementierungsarbeiten im Zusammenhang mit der Einführung von IFRS 17 mehrheitlich abgeschlossen und führen seit diesem Jahr interne Testläufe durch.» 

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Allerdings ist man auch bei Zurich noch nicht am Ziel. «Wir sind überzeugt, dass durch IFRS 17 die Finanzberichte und somit die finanzielle Leistung der einzelnen Versicherer innerhalb der Branche sichtbarer und dadurch vergleichbarer werden», so Moretto. «Allerdings bestehen noch Unterschiede zwischen den Ansätzen, die die einzelnen Versicherer und die einzelnen Länder anwenden. Wir gehen aber davon aus, dass sich Marktkonventionen etablieren werden, die sicherstellen, dass die Vergleichbarkeit erreicht wird.» Deshalb beteilige man sich aktiv an Gesprächen innerhalb der Versicherungs- und Branchenverbände in der Schweiz und in Europa, um eine gemeinsame einheitliche Auslegung und Umsetzung zu fördern.

Bei Swiss Re streicht man die grossen Vorteile für das eigene Unternehmen heraus. «Die Umstellung auf IFRS ermöglicht es uns, unsere eigene Reporting-Landschaft zu vereinfachen», erklärt Gawthorne. Der neue Standard IFRS 17 sowie der bestehende IFRS 9 bringe das gesamte IFRS-Regelwerk viel näher an die Economic Valuation Frameworks (EVM), die Swiss Re bereits verwende. 

Offene Fragen zur Vergleichbarkeit

«Der potenzielle Mehrwert liegt darin, dass das Geschäft und dessen Werttreiber besser abgebildet werden als im aktuell gültigen IFRS 4», sagt Baloise-Sprecherin Egli. «Darüber hinaus führt der neue Standard im Idealfall auch zu einer verbesserten Vergleichbarkeit zwischen unseren Zahlen und denen unserer Mitbewerber.» Doch auch hier sind noch Fragen offen: «Vieles im neuen Standard ist noch im Fluss und noch nicht final ausgearbeitet und interpretiert. Zudem müssen die Mitarbeitenden sowie die Adressaten, insbesondere Investoren und Analysten, intensiv auf IFRS 17 vorbereitet werden, damit ein einwandfreier Umgang mit der dadurch erhöhten Komplexität sichergestellt werden kann.»  

Und auch bei Helvetia sieht man Licht und Schatten: Die wichtigsten Änderungen beziehen sich auf eine konsistente, prinzipienbasierte Bilanzierung von Versicherungsverträgen. «Der Gewinn wird entsprechend den erbrachten Leistungen über die Laufzeit des Vertrags verteilt, was einen besseren Einblick in die Vermögens-, Finanz- und Ertragslage gestattet», so Helvetia-Sprecher Grossniklaus. «Der Gewinn wird aber hierdurch volatiler.» Unternehmensintern biete das Projekt IFRS 17/9 auch die Chance, die Zusammenarbeit zwischen Aktuaren, Anlage- bzw. Finanzspezialisten und Informatikern zu intensivieren und somit den Grundstein für eine künftig stärker integrierte Führung von Helvetia zu legen. «Aufgrund des Paradigmenwechsels zu einer Marktwertsicht auf die Versicherungstechnik stellt IFRS 17 deutlich höhere fachliche Vorgaben an die Rechnungslegung und damit verbunden auch an Prozess-, Daten- und Systemanforderungen», sagt Grossniklaus. «Insgesamt ist die Komplexität daher sehr hoch.» Zudem gebe es auch keine Standardsoftwarelösungen für IFRS 17. «Und abgesehen von der zusätzlichen Volatilität gegenüber dem heutigen Standard besteht die Frage, ob IFRS 17 alles erreichen wird, was ursprünglich vorgesehen war, besonders in Bezug auf die bessere Vergleichbarkeit zwischen Versicherungsunternehmen weltweit.»