Ungemütliche Zeiten beim deutschen Versicherungsvermittler Wefox: Das Unternehmen, das mit einer Digitalisierungs- und Übernahmestory zu einem der grössten europäischen Fintechs geworden war, steht offenbar vor der Zerschlagung. Mark Hartigan, seit März 2024 CEO von Wefox, warnte gemäss einem Bericht von «Sky News» in einem internen Memo vor einem Ende im Sommer.

Geschäftsmodell skaliert nicht

Grund sind die steigenden Verluste im Italien-Geschäft. Gemäss dem Memo war dieses Geschäft auf der Basis von systematisch falschen Grundannahmen betrieben worden und droht, ohne frische Mittel von der Gruppe insolvent zu gehen. Auch weitere Bereiche sollen überprüft werden, unter anderem in Deutschland, in Polen und das Joint Venture in der Schweiz. Hier hatte man mit dem Verkauf von Kurzabsenzpolicen die Hälfte des Umsatzes gemacht – diese gelten bei schweizerischen Versicherungen als «anrüchig». «Es ist ein Trick bei den Sozialversicherungszulagen», hatte ein Versicherungssprecher vor einem Jahr erklärt, «wir haben uns das angeschaut und uns dagegen entschieden, so etwas anzubieten.»

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Bedeutende Verpflichtungen

Die Verpflichtungen im Deutschland-Geschäft seien laut Memo «sehr bedeutend und könnten zu einer grossen finanziellen Belastung für die ganze Gruppe werden». In solchen Situationen springen bei überzeugenden Geschäftsmodellen oft die bisherigen Aktionäre und Aktionärinnen ein und helfen bei der Überbrückung. Hinzu kommen Barmittel und Kreditlinien. Die sollen hier inzwischen erschöpft sein – und weiteres Geld ist vorerst nicht zu erwarten. Bestehende Firmentöchter müssten zuerst restrukturiert werden, bevor sie verkauft werden können. Als einigermassen werthaltig gelten die Versicherungsvertriebe in einzelnen Ländern. Erst Ende 2023 hatte man sich via Schuldverschreibungen weitere 55 Millionen Dollar, also rund 50 Millionen Euro, geholt – offenbar, um Ende 2023 alle Rechnungen bezahlen zu können. Ende 2023 hatte man noch 35 Millionen Euro in der Kasse.

Vertrauen in die Wachstumsstory

Firmengründer Julian Teicke hatte jahrelang ein teilweise branchenfremdes Publikum mit seiner Story überzeugen können, wonach er mit einer Mischung von Digitalisierung und rasantem Wachstum die ganze Versicherungsbranche neu erfinden würde. Die Story mit der 4,5-Milliarden-Euro-Bewertung verfing noch, als gelistete US-Insurtechs wie Oscar Health, Root und Hippo Holdings zwischen 2022 und 2023 Bewertungsrückgänge um bis zu 90 Prozent erlebten.

Ungereimtheiten und IT-Probleme

Ungereimtheiten gab es seit zwei Jahren. So wurden die Zukäufe nie auf einer einheitlichen IT-Plattform konsolidiert, womit sich grosse Kosten- und Prozessvorteile hätten ergeben können. Auch scheiterten die eigenen Vorstösse in das Versicherungsgeschäft selber kläglich, weil man innert kurzer Zeit vor allem die schlechten Risiken in den eigenen Büchern ansammelte und es sich als weitaus komplexer erwies, ein vollumfängliches Versicherungsgeschäft durchzukalkulieren als ein vergleichsweise einfaches Broker-Geschäft. 2023 verdoppelten sich gemäss dem Geschäftsbericht die Rückstellungen für nicht geregelte Ansprüche; das ausgewiesene Kapital und Reserven schrumpften aufgrund des Jahresverlustes um die Hälfte. In den Linien P&C und Motorfahrzeuge lagen 2023 die Schadensansprüche der Versicherten höher als die Prämieneinnahmen.

Steigende Akquisekosten

Das Geschäftsmodell skaliert auch bei weiteren Stellen nicht. Die Akquisekosten kletterten im Vergleich zum Vorjahr um 65 Prozent. Unter dem Strich verblieb 2023 ein auf 141 Millionen Euro gestiegener Nettoverlust – fast 100 Millionen Euro mehr, als budgetiert war, und 16 Millionen Euro mehr als im Vorjahr. Gemäss der Übersicht von North Data hat Wefox seit seinem Bestehen kein einziges Mal einen Gewinn ausgewiesen.

Konsolidierung und Konzentration

Und da ist noch die Sache mit den Garantien an die jüngsten Kapitalgeber. Diese sollen laut dem «Manager Magazin» mit garantierten Verzinsungen von 25 Prozent sowie doppelten Rückzahlungsgarantien angelockt worden sein. Bevor die weiteren Aktionärinnen und Aktionäre bei einer Verwertung Geld sehen würden, müssten zuerst diese Verpflichtungen erfüllt werden.

Solche Garantien sind üblich, wenn es in der Bilanz kaum handfeste Sicherheiten gibt. Die bilanzierten Assets von 197 Millionen Euro im Versicherungsgeschäft bestehen zu zwei Dritteln aus Ansprüchen gegenüber Policenhaltern sowie von affiliierten Firmen. Wenn etwas schiefgeht, sind auch wieder Debatten um die Rolle der Rechnungsprüfer absehbar. 

Wefox-Sprecher bleibt optimistisch

«Wir äussern uns nicht zu Gerüchten und Spekulationen», sagt Wefox-Sprecher Anton Belkov auf Anfrage. «Ganz allgemein wiederholen wir, was wir gesagt haben, als Mark Hartigan am 6. März 2024 das Amt des CEO übernommen hat. Unterstützt vom Verwaltungsrat, in dem die wichtigsten Investoren vertreten sind, und zusammen mit dem derzeitigen Managementteam wird er das Unternehmen durch die nächste Entwicklungsphase führen. Nach dem rasanten Wachstum der letzten Jahre geht es dabei auch um eine Konsolidierung und Konzentration der internationalen Aktivitäten von Wefox. Die Vereinfachung des Geschäftsmodells ermöglicht uns Kosteneinsparungen und verschafft uns die finanzielle Flexibilität, unser Ziel, den Versicherungsvertrieb durch Technologie intelligenter, effektiver und effizienter zu machen, weiter zu verfolgen.» Wenn dafür nach August noch das Geld reicht.
 

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