LibertyGreen nennt sich die «erste nachhaltige Vorsorgestiftung». Was heisst das konkret?
Roman Florinett:
Grüne oder nachhaltige 3a-Produkte gab es vor uns zwar schon einige, zum Beispiel von Banken, aber wir sind die erste Vorsorgestiftung, die extra dafür gegründet wurde und sich der Vorsorge und der Nachhaltigkeit verschrieben hat.

Wie wählen Sie die nachhaltigen Aktien aus?
Wir machen ein Screening. Grundlage sind die Ratings von MSCI, dem grössten Anbieter von ESG-Daten (Anm der Red: ESG steht für Environmental, Social, Governance). Wir schauen also auf die Kriterien Umwelt, Soziales und gute Geschäftsführung bei unserer Auswahl. Von den Firmen, die dort gut abschneiden wählen wir 30 Aktien aus.

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Alle Firmen, die Sie im Portfolio haben, müssen ESG-Kriterien erfüllen. Sie schauen also nicht nur auf die Umwelt, sondern auch zum Beispiel auf die Diversität der Geschäftsleitung?
Ganz genau. MSCI ESG schaut sich zu den Firmen hunderte Merkmale an. Managerlöhne, Diversität des Managements, Unfälle pro Mitarbeiter und so weiter. Dabei kann aber ein Unternehmen auch bei der Umwelt weniger gut abschneiden als bei S und G und trotzdem ein hohes Rating erreichen. Weil wir LibertyGreen heissen, haben wir noch zusätzliche Kriterien eingeführt. Eine Firma, die zu viel CO2 ausstösst, schliessen wir ebenfalls aus, auch wenn sie sonst gut ist.

Ist es schwierig, gute grüne Anlagen zu finden?
Uns geht es darum, dass die Performance stimmt. Wir arbeiten mit der Benchmark 43 Prozent SPI und 57 Prozent MCSI World ex CH, deren Kursverlauf wir nachbilden wollen. Wir nehmen also die grössten Titel aus diesen Indizes, die unsere Kriterien erfüllen.

Wie sieht es mit der Rendite aus? Müssen die Kundinnen und Kunden Abstriche in Kauf nehmen?
Nein, überhaupt nicht. Es ist uns sehr wichtig, dass wir möglichst die gleiche Performance und die gleichen Risikokennzahlen erreichen, wie die Benchmark. Das gelingt uns sehr gut, wir hatten seit Lancierung nie mehr als 3 Prozent Performance-Abweichung zu unserem Ziel und liegen im Moment gerade darüber. Das zeigt, dass man mit 30 Titeln sehr gut diversifiziert ist und die ganze Welt abbilden kann.

Mussten Sie schon Firmen aus ihrem Portfolio nehmen?
Ja, das geschieht häufig. Wir überprüfen das Portfolio jeden Monat und durchschnittlich werden dabei ein bis zwei Titel ersetzt. Allerdings war der Grund bisher noch nie, dass eine Firma die Kriterien nicht mehr erfüllte. Aber es gibt Unternehmen, die sich verbessern und aufgenommen werden können.

Kennt man die Firmen in Ihrem Portfolio?
Ja, das sind alles sehr grosse Konzerne wie etwa Apple. Apple hatten wir am Anfang nicht drin, doch als sie ein besseres ESG-Rating bekamen, nahmen wir sie ins Portfolio auf. Bei den Schweizer Titeln ist auffällig, dass die Pharmatitel ein sehr hohes Gewicht haben, wie auch im SPI.

Was ist mit kleinen Titeln?
Wir verzichten auf kleine Firmen, auch wenn sie sehr nachhaltig sind, denn wenn es diese übermorgen nicht mehr gibt, ist das Vorsorgegeld in Gefahr.

Gerade haben nicht-nachhaltige Firmen, etwa Öl- und Waffenkonzerne wegen des Krieges in der Ukraine Auftrieb. Ist jetzt nicht ein schlechter Zeitpunkt nachhaltig zu investieren?
Tatsächlich performten Energie-Titel in diesem Jahr sehr gut. Diese haben wir wegen dem «Green» in unserem Namen jedoch grundsätzlich ausgeschlossen, sonst wäre zum Beispiel TotalEnergies in unserem Portfolio. Doch die Energie-Aktien machen nur rund 5 Prozent des MSCI World aus, haben also nicht so ein grosses Gewicht.

Seit Ihrem Start im letzten September hat sich das Umfeld stark verändert. Wurden Sie von der Inflation und den Zinserhöhungen auf dem falschen Fuss erwischt?
Im Gegenteil, unser Entscheid, keine Obligationen mit negativen erwarteten Renditen aufzunehmen, hat sich ausgezahlt. Denn als die Aktien fielen, verloren auch die Obligationen und so haben wir mit der Mischung Cash und Aktien deutlich outperformt. Wenn sich die Inflation beruhigt, werden wir eventuell von Bargeld auf Obligationen wechseln. Doch es ist noch zu früh, um einen Trend zu sehen.

Geht es an den Börsen bald wieder aufwärts?
Das ist natürlich schwer abzuschätzen. Wir hatten jetzt eines der schlechtesten Halbjahre aller Zeiten. Die Bewertungen der Aktien sind tief und damit eigentlich interessant, doch wenn der Krieg weiter eskaliert, kann es noch tiefer runtergehen. Im 3a-Business schauen wir aber nicht so sehr aufs Timing. Wir sagen nicht: «Steigen Sie jetzt ein» oder «verkaufen Sie jetzt».

Sondern?
Die Kundinnen und Kunden sollen laufend in ihre Vorsorge investieren. Der Anlagehorizont ist meistens sehr langfristig und man kann sich bei tiefen Ständen fast freuen, dass man nun günstig zukaufen kann. Irgendwann werden die Kurse wieder steigen. Betreffend Timing ist es nicht so wichtig wann man einsteigt. Viel wichtiger ist, dass man überhaupt einsteigt.

Viele Firmen versuchen mit Greenwashing ihr Image aufzupolieren. Das führt teilweise zu einer generellen Skepsis gegenüber ESG. Wie treten Sie dem entgegen?
Das ist auch bei uns ein wichtiges Thema. Deshalb haben wir eine neue Stiftung gegründet und nicht nur ein Produkt lanciert. Unsere Stiftungsratspräsidentin ist eine günliberale Nationalrätin. Es sind also grosses Knowhow und auch gute Kontakte in Bern zu dem Thema vorhanden. Wir haben als Vision die Klimaneutralität unserer Investments und überprüfen laufend, ob wir auf dem richtigen Weg dazu sind.

Und wann erreichen Sie die Klimaneutralität?
Aktuell sind noch nicht genügend Firmen dabei, die gute Zahlen zu diesem Thema rapportieren. Wenn wir nur die Firmen reinnehmen würden, welche bereits Klimaneutralität erreicht haben, würden wir momentan noch zu viele Firmen ausschliessen. Wir hoffen, dass die Politik hier einen Riegel schiebt und alle Firmen besser rapportieren müssen, wie sie bezüglich ihres ökologischen Fussabdruckes dastehen.

Wie läuft der Kundenaufbau? Ist das schwierig?
Wir sind gut gestartet, doch wir müssen die Kundinnen und Kunden weiter überzeugen, dass die Performance von nachhaltigen Anlagen stimmt. Zudem ist der 3a-Markt stark umkämpft, weshalb wir im zweiten Halbjahr mehr Werbung machen werden. Ich denke aber, dass wir eine Nische gefunden haben, wo es noch nicht so viele ähnliche Angebote gibt.

Wer investiert bei Ihnen?
Wir legen unseren Fokus auf junge Leute zwischen 25 und 35 Jahren. Sie sehen zudem auf unserer Homepage, dass wir die Bilder und Farben so abgestimmt haben, damit wir das weibliche Publikum gut ansprechen können.

Und das funktioniert?
Das hat gut funktioniert und es gibt dort noch viel Potenzial. Laut Studien investieren Frauen weiterhin viel weniger in die Vorsorge als Männer.

Was sind Ihre Ziele für die nächsten Jahre?
Wir von LibertyGreen möchten möglichst viele Menschen dazu bewegen, ihre Vorsorgegelder nachhaltig zu investieren. Wir wollen im August eine Werbeoffensive starten und dadurch werden wir weitere Kundinnen und Kunden gewinnen. Es ist unser Ziel, mit nachhaltigem Investieren eine Outperformance gegenüber allen Mitbewerbern zu erzielen.

Investment Officer Roman Florinett (36) ist Geschäftsführer der LibertyGreen 3a Vorsorgestiftung.