Der US-Immobilienentwickler Michael Shvo und die Bayerische Versorgungskammer (BVK) waren von jeher ein ungewöhnliches Gespann: Hier der schillernde Projektentwickler aus Manhattan, dort der vergleichsweise sparsame öffentlich-rechtliche Pensionsfonds, der die Altersvorsorge von 2,8 Millionen Menschen verwaltet – von Ärzten und Anwälten bis zu Bühnenarbeitern und Schornsteinfegern.
Der Kontakt entstand 2018 durch einen früheren Geschäftspartner Shvos. Die BVK wollte ihr Engagement im US-Gewerbeimmobilienmarkt ausbauen und hatte tiefe Taschen. Shvo verfügte über den Zugang. Innerhalb von etwas mehr als zwei Jahren bauten sie gemeinsam mit Partnern ein milliardenschweres Portfolio von Prestigeobjekten auf, darunter das Coca-Cola-Gebäude in New York und die ikonische Transamerica Pyramid in San Francisco.
Mögliche Verluste
Acht Jahre später, nach den Marktverwerfungen infolge der Corona-Pandemie, warnt die BVK vor möglichen Verlusten bei einzelnen Projekten. In Bayern wird gefragt, wie eine staatlich kontrollierte Einrichtung solche Geschäfte genehmigen konnte. Zwei leitende Manager verliessen die Versorgungskammer, nachdem eine interne Untersuchung Compliance-Verstösse festgestellt hatte, darunter luxuriöse Geschäftsreisen eines Mitarbeiters, wie mit der Angelegenheit vertraute Personen berichten. Das Münchner Investmenthaus Deutsche Finance Group, das die Anlagen koordiniert hatte, habe einem Verwandten des BVK-Mitarbeiters ein Praktikum ermöglicht — ebenso wie Shvo, sagten die Personen, die anonym bleiben wollten.
BVK: Renten sind sicher
Um einen Schlussstrich unter die Affäre zu ziehen, strebt die BVK dem Vernehmen nach an, sich sowohl von Shvo als auch von Deutsche Finance zu trennen, die die Deals deutschen Investoren vorgestellt und als Mittler fungiert hatte. Zugleich versichert die BVK ihren Mitgliedern, ihre Renten seien sicher, da US-Gewerbeimmobilien nur einen kleinen Teil der verwalteten 122 Milliarden Euro ausmachten.
Verluste von bis zu 850 Millionen Euro
Nachdem jedoch der Fonds, über den die BVK in die Objekte investierte, bis Ende November rund 288 Millionen Euro abgeschrieben hat, könnten sich die Verluste auf Fondsebene im schlimmsten Fall auf über 850 Millionen Euro erhöhen, so die BVK auf ihrer Website. Die möglichen Verluste spiegelten das seit der Pandemie veränderte Marktumfeld sowie «Projektpartner», die Erwartungen nicht erfüllt hätten, wider.
«Die SHVO-Immobilien übertreffen den Markt nachweislich, indem sie Rekordmieten mit erstklassigen Mietern erzielen», erklärte Shvos gleichnamiges Unternehmen. «Schwankende Marktbewertungen auf dem Papier ändern sich mit Zinsänderungen genau wie bei allen anderen Immobilien, und BVK hat dies klar anerkannt. Wir sind nicht mit den Details ihrer internen Rechnungslegungspraktiken vertraut, wissen aber, dass die aktuelle finanzielle Performance der SHVO-Immobilien nur als Erfolg bezeichnet werden kann.»
Auf der Suche nach höheren Erträgen
Die BVK ist nur eine von vielen berufsständischen Versorgungseinrichtungen in Deutschland, die sich im vergangenen Jahrzehnt von sicheren, aber niedrig rentierenden Anlagen abgewandt haben, um höhere Erträge zu erzielen. Viele erlitten später Verluste, als die Bewertungen von Gewerbeimmobilien unter steigenden Leerständen und stark gestiegenen Finanzierungskosten einbrachen. Das Versorgungwerk der Zahnärztekammer Berlin büsste rund die Hälfte seines Vermögens ein, nachdem es in alternative Anlagen wie eine Garnelenfarm, Hotels, Ferienanlagen und Startups investiert hatte.
Solche Fehlschläge, sowie Vorstösse von Kreditgebern wie der Deutschen Pfandbriefbank in den US-Gewerbeimmobilienmarkt, haben die Debatte über das sogenannte «Stupid German Money» neu entfacht — ein Begriff aus den frühen 2000er-Jahren, als wohlhabende Deutsche aus Steuergründen in Fonds investierten, die Geld in Hollywood-Filme lenkten. Später verstärkte sich dieses Bild durch Verluste unter anderem von Landesbanken in der US-Subprime-Krise.
Dieser Bericht beruht auf Gesprächen mit mehr als einem Dutzend mit dem Fall vertrauter Personen. Sie schildern die Geschichte einer Versorgungseinrichtung auf der Suche nach Rendite und eines Kulturkonflikts mit der Welt des grossen Geldes und des Luxus, auf die sich Deutsche Finance und Shvo spezialisiert haben. Details dazu werden erstmals von Bloomberg berichtet.
«Die Altersvorsorge unserer Mitglieder war und ist sicher», erklärte die BVK. Sie habe «indirekt» über eine Fondsstruktur investiert, wobei die Fondsmanager im Zusammenspiel mit Deutsche Finance entschieden hätten und Shvo sowie seine Firmen als Dienstleister aufgetreten seien. Alle Investitionen hätten den rechtlichen Vorgaben entsprochen, und Abschreibungen hätten die Auszahlungen nicht beeinträchtigt, da andere Anlageklassen die Verluste ausgeglichen hätten. Die BVK meldete für 2025 eine Anlagerendite von 3,4%, was in etwa dem Vorjahresniveau entspricht.
Deutsche Finance wollte sich zu den Einzelheiten dieser Geschichte nicht äussern. In einer Erklärung vom Januar teilte das Unternehmen mit, keine der mit ihr verbundenen Gesellschaften habe «über eine diskretionäre Entscheidungskompetenz im Hinblick auf die Auswahl oder Durchführung der Investments” der BVK verfügt. Die Rolle der US-Tochter «beschränkte sich auf ihre vertraglich definierten, d.h. strukturierende, koordinierende sowie regulatorische Funktionen.» (Bloomberg/hzi/pg)

