In der Schweizer Finanz- und Versicherungswirtschaft ist er so etwas wie ein bunter Hund: Felix Horlacher (66), Geschäftsführer der IAF Interessengemeinschaft für Ausbildung im Finanzbereich sowie Inhaber und Leiter des IfFP Institut für Finanzplanung in Zürich. Generationen von Fachleuten haben ihre Aus- und Weiterbildung als Finanzberater, Finanzplaner, Versicherungsvermittler, KMU-Finanzexperte, Experte für Unternehmensnachfolge, Fund Officer, Compliance Officer, Spezialist für Banking Operations beim 1995 gegründeten IfFP absolviert.

Doch die letzten Jahre war Horlacher vermehrt in China unterwegs. Nach umfangreichen Vorbereitungen gründete er 2018 im Schanghaier Stadtteil Pudong das IfFP Swiss Wealth Management Professional Training Center. Möglich war dies in der dortigen 29 Quadratkilometer grossen Pilot-Freihandelszone, die der chinesischen Regierung als Versuchslabor für Liberalisierungen dient. Das IfFP ist das erste Trainingsinstitut im Finanzwesen in rein ausländischem Besitz auf dem chinesischen Festland, das eine Bewilligung der Regierung erhalten hat. Es gilt mithin als Vorzeigeinstitution.

Besuch des Ministerpräsidenten

Diese Bedeutung zeigte sich auch vergangenen Juli, als Li Keqiang, Ministerpräsident der Volksrepublik China, dem IfFP Training Center an der Xinjinqiao Road 1599 in Schanghai einen offiziellen Besucht abstattete. Das staatliche Fernsehen berichtete anschliessend seinem Millionenpublikum in den Hauptnachrichten vom Besuch von Li und von seinem Gespräch mit Felix Horlacher und dessen Team. «Das war für uns extrem wichtig», sagt Horlacher, «denn nicht nur die Versicherungswirtschaft ist bis ins Detail reguliert, sondern ebenso die Bildungslandschaft. Ohne behördlichen Segen läuft hier gar nichts.» Lis Besuch war damit eine Art Ritterschlag und signalisierte der Finanzbranche – der Kernzielgruppe des IfFP – die Seriosität des Schweizer Institutes.

Ganz so selbstlos dürfte die Aufwartung Li Keqiangs allerdings nicht gewesen sein. Angesichts des eskalierenden Handelsstreits mit den USA war es dem Ministerpräsidenten offensichtlich ein Anliegen, gegenüber dem eigenen Publikum und vor allem der westlichen Welt zu signalisieren, dass ausländische Unternehmen in den chinesischen Freihandelszonen problemlos ohne chinesische Teilhaber eine Firma gründen können.

Noch viel Potenzial

Die Mission des IfFP ist es, schweizerisches Finanzwissen nach China zu exportieren; dies schwergewichtig im Segment Wealth Management in Verbindung mit Finanzplanung. Das IfFP Swiss Wealth Management Professional Training Center richtet sich direkt an Versicherungen und Banken und deren Kundenberaterinnen und -berater. Es gebe zwar sehr viel Entwicklung in diesem Bereich, so Horlacher, jedoch bestehe in der Beratung noch viel Potenzial. Auch in China gehe es bisher vor allem um den Produkteverkauf. Das genüge jedoch in Zukunft je länger je weniger. Vor allem vermögende Kundinnen und Kunden wünschen eine umfassende und passende Beratung. Horlacher: «Wir sehen uns daher auch als Konsumentenschützer, denn nur so können Kundinnen und Kunden langfristig gebunden werden.»

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Horlacher bezahlte aber auch Lehrgeld: Das ursprüngliche Konzept von 2012 sah vor, dass das Ausbildungspersonal zu den Lehrgängen aus der Schweiz nach China eingeflogen wird und anschliessend wieder zurückkehrt. Oder dass alternativ chinesische Finanzdienstleister in der Schweiz instruiert werden und dann nach Schanghai zurückkehren. Diese beiden Ansätze hätten sich kommerziell lohnend aber nur durchführen lassen, wenn eine Skalierbarkeit möglich gewesen wäre. Das war jedoch nicht der Fall, weil die chinesischen Versicherungsgesellschaften und Banken «extrem unterschiedliche» Anforderungen und Bedürfnisse haben. Eine Skalierung liess sich so nicht erzielen.

2017 war schliesslich das Entscheidungsjahr: Übung abbrechen oder eine Vorwärtsstrategie einschlagen, indem eigene Weiterbildungsprogramme an einem eigenen Institut angeboten werden. Der Entscheid fiel auf Weitermachen. Im März 2019 fand die offizielle Eröffnung statt. Weil das IfFP die erste rein ausländisch beherrschte Schule dieser Art ist, geniesst sie das Wohlwollen der Regierung, «was in China matchentscheidend ist», so Horlacher. 

Vorteil durch Praxisbezug

Im Gegensatz zu den vielen anderen Bildungsanbietern im Reich der Mitte setzt das IfFP wie in der Schweiz auf maximale Praxisnähe. Bisher ist das ein klares Differenzierungsmerkmal, mit dem sich das IfFP namentlich von Universitäten abhebt. Felix Horlacher: «Wie in der Schweiz sind unsere Dozierenden auch in China ausnahmslos Praktikerinnen und Praktiker ihres Faches. Sie weisen eine umfassende berufspraktische Erfahrung aus, die sie im Unterricht an die Studierenden weitergeben.»

Sein Team vor Ort mit CEO und Teilhaberin Jessica Zhong an der Spitze denkt bereits weiter, will 100 weitere Schulen über andere Städte verteilt aufbauen. Horlacher: «Da musste ich bremsen, denn zuerst müssen wir beweisen, dass wir in Schanghai solche Programme erfolgreich durchführen können.» Im Moment wird noch Geld verbrannt. Deshalb wurde kürzlich noch ein Investor aus der Schweiz mit an Bord genommen. Die Zeichen stehen aber gut: Jetzt, Anfang Juni, startete die erste vollzahlende Klasse mit 45 Studierenden. Die chaotische Startup-Phase hat damit dem regulären Betrieb Platz gemacht.